Spuren der Geschichte: Michaela Melián Installation über Flucht und Exil eröffnet

Felix-Nussbaum-Haus zeigt sich als lebendiger Denkraum für die Gegenwart

Das Museumsquartier widmet sich in einer neuen Ausstellung drei Generationen jüdischer Familiengeschichte im Kontext von Exil und Erinnerung. Am Donnerstagabend, den 4. Juni, wurde die raumspezifische Installation „Osnabrücker Gesänge: Rosi Ève Hélène“ der renommierten Medien- und Klangkünstlerin Michaela Melián im Felix-Nussbaum-Haus offiziell eröffnet.

Im Zentrum des multimedialen Werkes steht die jüdische Familie der französischen Philosophin Hélène Cixous, deren Mutter und Großmutter in den 1930er Jahren vor dem Nationalsozialismus aus Osnabrück nach Algerien flohen. Die vielschichtige Schau, die in enger Kooperation mit der Felix-Nussbaum-Gesellschaft realisiert wurde, ist bis zum 2. Mai 2027 im eigens hergerichteten Raum der Gegenwart zu sehen. Bei der feierlichen Eröffnungszeremonie sprachen neben dem Museumsdirektor Nils-Arne Kässens auch Oberbürgermeisterin Katharina Pötter sowie der Vorsitzende der Felix-Nussbaum-Gesellschaft, Heiko Schlatermund.


Die Sprache als einzige Heimat: Ein dekonstruiertes Familienarchiv

Die Künstlerin Michaela Melián verknüpft in ihrer Arbeit Klang, Sprache, Bild und Raum. Ausgangspunkt ihrer Recherche waren die autobiografischen Texte von Hélène Cixous, die sich intensiv mit dem generationenübergreifenden Trauma der Vertreibung auseinandersetzen. Cixous‘ Mutter Eva Klein, geboren 1910 in Osnabrück, verließ die Stadt im Jahr 1930; Großmutter Rosalie Klein folgte 1938. Für Meliáns Arbeit ergab sich hierbei eine historische Parallele zum Schicksal des Osnabrücker Malers Felix Nussbaum. Um die mündlichen Überlieferungen der Familie greifbar zu machen, besuchte Melián die Philosophin in Paris und führte mit ihr Gespräche am Wohnzimmertisch.

Aus über fünf Stunden Tonmaterial filterte die Künstlerin Sprachfragmente 33 Minuten heraus und dekonstruierte sie zu einer mehrstimmigen, chorischen Komposition. In den Tonaufnahmen wechselt Cixous permanent zwischen Französisch, Englisch und Deutsch, was die Ortlosigkeit des Exils widerspiegelt, in dem die Sprache selbst zum einzigen Zufluchtsort wird. Ein besonderes Element der Tonspur bildet das sogenannte Alphabet der Omi-Wörter – harte deutsche Begriffe wie „schrecklich“, „eklig“ oder „grauenhaft“, welche die Großmutter mit nach Algerien nahm.

Während der Eröffnungsfeierlichkeiten betonte Museumsdirektor Nils-Arne Kässens, dass diese Ausstellung mit einer Stimme, mit einem Klang und einer hörbar werdenden Erinnerung beginne. Michaela Melián erzähle darin keine abgeschlossene Geschichte, sondern mache eine Bewegung von Erinnerung durch Zeit, Sprache und Generationen erfahrbar. Kässens verwies zudem auf die Architektur von Daniel Libeskind, die von Brüchen, Perspektivwechseln und Orientierungslosigkeit erzähle, womit sich die Arbeiten der Künstlerin einer schnellen Eindeutigkeit verweigerten.

Es werde spürbar, wie viel Geschichte in Familien oft unausgesprochen, manchmal als Schweigen, weiterlebe. Oberbürgermeisterin Katharina Pötter hob in ihrer Ansprache hervor, dass die Ausstellung nicht nur eine Geschichte der Vergangenheit erzähle, sondern vielmehr grundlegende Fragen an die Gegenwart stelle, insbesondere danach, wie wir eigentlich miteinander leben wollen. Für Osnabrück, die sich als Friedensstadt verstehe, sei Frieden weit mehr als die bloße Abwesenheit von Krieg, sondern bedeute Schutz, Sicherheit, Sichtbarkeit sowie die Gewissheit, ohne Angst leben zu können.


Visuelle Soundwellen und versteinerte Hörmuscheln

Der Hauptteil der Installation im kippenden Museumsraum besteht aus einer präzisen Abstimmung von visuellen und akustischen Reizen. Zu Beginn konfrontieren großformatige Papierarbeiten die Besuchenden. Melián transformierte den Ausstellungstitel in visuelle Soundwellen, indem sie Linien mit Tusche und Tinte zeichnete und diese mit dem Faden einer Nähmaschine durchstach. In der Linie sind die drei Namen Rosi, Ève und Hélène als die letzten drei Ausschläge präsent. Im Raum selbst befinden sich sogenannte Cochleae – von Melián mittels 3D-Druck gestaltete Hörskulpturen in Form versteinerter Seeschnecken, die auf geschmiedeten Stahl Ständern im Raum platziert wurden.

Das Muschelmotiv stellt eine direkte Verbindung zu einer Arbeit Felix Nussbaums aus dem Jahr 1939 her, der Surrealen Landschaft mit Leierkastenmann. Nussbaum, der sich zu jener Zeit im belgischen Exil befand, nutzte die Muschel als Symbol des inneren Rückzugs und der Isolation. Unterlegt ist die gesamte Sprachinstallation von einem fließenden Soundtrack, dessen Komposition auf fünf Tönen basiert, die den Namen des Osnabrücker Flusses Hase codieren. Ergänzt wird die Tonschicht durch tiefe Frequenzen eines Cellos sowie an die Wände geworfene Projektionen von handgeschriebenen Namen und Begriffen, die wie Echos auftauchen und wieder verblassen.

Im anschließenden Ausstellungsgespräch zwischen der Künstlerin und der Kuratorin Dr. Mechthild Achelwilm wurde deutlich, wie komplex die akustische Inszenierung im Raum tatsächlich ist. Da es sich um eine reine Audioarbeit handelt, wies Frau Melián darauf hin, dass die Besucher am besten in die Mitte des Zentrums des Kreises treten sollten, um die Arbeit in ihrer vollen Intention zu verstehen. Michaela Melián erklärte, dass die dreißigminütige Arbeit in verschiedene Kapitel unterteilt sei, was den Besuchern ein flexibles Ein- und Aussteigen ermöglicht. Heiko Schlatermund, kulturpolitischer Sprecher der SPD-Ratsfraktion und Vorsitzender der Felix-Nussbaum-Gesellschaft, schlug in seiner Rede eine Brücke zur internationalen Wirkung dieser Arbeit und erinnerte daran, dass Hélène Cixous, die kurz nach der Eröffnung ihren 89. Geburtstag feierte, ein langjähriges Mitglied der Gesellschaft ist.

Er betonte, dass Schreiben für Cixous ein Akt des Erinnerns gegen das Verstummen sei. Schlatermund zog zudem eine Verbindung zu Meliáns früheren Ausstellungen in Seoul und verdeutlichte, dass die Künstlerin, die Philosophin und die Felix-Nussbaum-Gesellschaft eine gemeinsame Haltung verbinde, indem sie Erinnerung nicht als totes Archiv, sondern als lebendigen Prozess begreifen.


Hintergrund: Ein Ankerpunkt gegen das Vergessen

Die Ausstellung ist Teil der seit 2018 bestehenden Reihe „Gegenwärtig. Zeitgenössische Kunst begegnet Felix Nussbaum“. In diesem Format werden zeitgenössische Kunstschaffende eingeladen, in situ Arbeiten zu entwickeln, die in einen Dialog mit Nussbaums Leben und Werk treten. Museumsdirektor Nils-Arne Kässens hob die gesellschaftspolitische Relevanz der Schau hervor und forderte, klar zu benennen, dass jüdisches Leben in Deutschland auch heute wieder zunehmend bedroht wird.

Antisemitismus zeige sich im Alltag, in den sozialen Medien und auch auf Demonstrationen, obgleich jüdisches Leben ganz selbstverständlich zur Geschichte, Gegenwart und Zukunft Osnabrücks gehöre. Das Museumsquartier verstehe sich in diesem Kontext ausdrücklich als ein Ort, an dem eine demokratische Erinnerungskultur aktiv gelebt werde. Auch Oberbürgermeisterin Pötter dankte dem Team des Hauses für diese sensible Arbeit und äußerte den Wunsch, dass möglichst viele Bürger*innen die Ausstellung besuchen, um diesen wichtigen stadtgesellschaftlichen Diskurs zu bereichern.

Heiko Schlatermund fasste zusammen, dass Kultur in Zeiten, in denen historische Erfahrungen zunehmend vereinfacht oder verdrängt werden, eine große Verantwortung trage. Literatur und Kunst schaffen Räume, in denen Vergangenheit nicht erstarrt, sondern kontinuierlich an unsere Gegenwart und Zukunft weiterführt.


Ankündigung und Service-Informationen

Die Ausstellung „Michaela Melián. Osnabrücker Gesänge: Rosi Ève Hélène“ ist noch bis zum 2. Mai 2027 im Felix-Nussbaum-Haus im Museumsquartier Osnabrück an der Lotter Straße 2 für die Öffentlichkeit zugänglich. Die Museumsräume können von Dienstag bis Sonntag in der Zeit von 11 bis 18 Uhr besucht werden. Der reguläre Eintrittspreis beträgt 10 Euro, während der ermäßigte Eintritt bei 7 Euro liegt. Für Personen unter 18 Jahren sowie für Studierende der Osnabrücker Hochschulen ist der Zugang kostenfrei.

Exklusive Kuratorinnenführungen mit Dr. Mechthild Achelwilm werden am Samstag, den 5. September 2026, sowie am Samstag, den 6. Februar 2027, jeweils um 15:30 Uhr angeboten. Zudem finden an ausgewählten Sonntagen regelmäßige öffentliche Führungen durch die Installation statt.

 

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