Stadt ruft zur Weichenstellung für ein Viertel der Bevölkerung auf
Zwei Monate nach der Kommunal- und Oberbürgermeisterwahl wird am 20. November ein neuer Seniorenbeirat der Stadt Osnabrück gewählt. Dieses Ereignis setzt den demokratischen Schlusspunkt zur personellen Neuausrichtung der lokalen Interessenvertretung für Bürger*innen ab 60 Jahren.
Das politische Gremium setzt sich satzungsgemäß aus 13 gewählten Mitgliedern sowie fünf nachrückenden Ersatzmitgliedern zusammen, um die rund 44.000 über 60-jährigen Bürgerinnen und Bürger adäquat repräsentieren zu können, rief die Stadtverwaltung im Vorfeld Vereine und Einzelpersonen dazu auf, geeignete Delegierte zu benennen und Kandidaturen einzureichen.
Die Zusammensetzung des Gremiums basierte auf dem Verfahren einer geheimen Delegiertenwahl, bei der die stimmberechtigten Vertreter von lokalen Institutionen wie Kirchengemeinden, Sportvereinen, Gewerkschaften oder Quartiersgruppen entsandt wurden. Als formale Grundvoraussetzung gilt für alle Beteiligten die Vollendung des 60. Lebensjahres sowie ein fester Wohnsitz im Osnabrücker Stadtgebiet. Die organisatorische Vorbereitung beginnt offiziell mit dem Bewerbungsstart am 1. Juni 2026. Die Frist zur Benennung der Delegierten endet am 25. September, während der Wahlvorschläge für Kandidatinnen und Kandidaten bis zum 9. Oktober beim zuständigen Referat der Stadt eingereicht werden mussten.
Der Vorsitzende des Seniorenbeirats, Paul Meimberg, betonte die Relevanz der politischen Eigenständigkeit und erklärte, dass die Senioren unabhängig seien sowie kreativ und frei denken und Vorschläge machen könnten. Die Kooperation mit der städtischen Fachstelle Senioren hat in der Vergangenheit zu handfesten Erfolgen geführt. Als Beispiel nannte Meimberg die Etablierung von Digital-Treffs, die dem drohenden digitalen Abhängen älterer Generationen entgegenwirken. Das Spektrum der Beiratsarbeit reichte laut Meimberg von regelmäßigen Sprechstunden in den Quartieren über thematische Arbeitskreise für Wohnen und Pflege bis hin zu kulturellen Angeboten wie der erfolgreichen Veranstaltungsreihe der „U55-Partys“ in der Osnabrücker Lagerhalle.
Einen inhaltlichen Schwerpunkt der Gremienarbeit bildete die Bewältigung des Pflegenotstands im häuslichen Bereich. Dr. Gisela Löhberg, Mitglied des Seniorenbeirats und Initiatorin der Arbeitsgruppe Pflege, verwies auf das statistische Ausmaß des Problems und forderte unter dem Leitsatz „Mit uns, nicht über uns“, dass Betroffene und Angehörige zwingend gehört werden müssten. Auf Basis des örtlichen Pflegeberichts legte Löhberg dar, dass der Mammutanteil der Pflegebedürftigen in Osnabrück – rund 84 Prozent – zu Hause versorgt werde. Hochrechnungen zufolge betraf dies rund 15.000 pflegende Angehörige im Stadtgebiet. Die Verknüpfung von Pflege und Beruf stelle ein massives Armutsrisiko dar, da mangelnde Entlastungsangebote wie Kurzzeitpflegeplätze oft zu einer Reduzierung der Erwerbsarbeit führten. Als konkrete Initiativen der abgelaufenen Wahlperiode nannte Löhberg die Erstellung von Lebensmittellieferlisten während der Pandemie sowie die Mitgestaltung einer Musterwohnung für technikgestütztes Wohnen in der Möserstraße im Haus Brina, die einen längeren Verbleib in den eigenen vier Wänden ermöglicht.
Den statistischen Rahmen für die politische Notwendigkeit des Gremiums lieferte die städtische Verwaltung. Dr. Claas Beckord, Leiter des Referats für nachhaltige Stadtentwicklung, legte aktuelle demografische Daten vor, nach denen der Anteil der Generation 60 plus in der 172.000 Einwohner zählenden Stadt mittlerweile bei 25,8 Prozent liegt. Da somit ein Viertel der Stadtbevölkerung dieser Altersgruppe angehört, bezeichnete Beckord das Gremium als essentiellen Ausdruck einer lebendigen Demokratie und Mitbestimmung. Die statistische Auswertung offenbarte zudem erhebliche Disparitäten zwischen den einzelnen Stadtteilen; so verzeichnete der Stadtteil Sutthausen einem Seniorenanteil von 36 Prozent, während der Stadtteil Haste bei 31 Prozent lag. Diese lokalen Unterschiede rückten laut Beckord die altersgerechte Quartiersentwicklung, Barrierefreiheit im Wohnungsbestand sowie Fragen des sozialen Zusammenlebens in den Fokus der zukünftigen Stadtplanung. Für die Zukunft formulierten die Akteure klare Erwartungen, darunter die politische Forderung, die kommunale Altenhilfe in Niedersachsen von einer freiwilligen Leistung in eine gesetzliche Pflichtaufgabe umzuwandeln, um Kürzungen bei Haushaltsengpässen abzuwenden. Zudem wurde die Etablierung sogenannter Formularlotsen angeregt, um ältere Menschen bei der zunehmend komplexen Antragstellung gegenüber Pflegeversicherungen und Behörden bürokratisch zu entlasten.











