Zivilcourage und die Bedrohung von rechts: 32 Todestag von Peter Hamel

Vor 32 Jahren Opfer queerfeindlicher Gewalt: Mahnwache und Ansprachen

Mit einer Mahnwache erinnerten rund 50 Teilnehmende an Peter Hamel, der am 14. September 1994 am Raiffeisenplatz Opfer eines gewaltsamen Übergriffs geworden war, weil er Zivilcourage bewiesen hatte. Neben den Omas gegen Rechts sprach auch Lisa Böhne von der Initiative Peter Hamel.

Zum Auftakt betonte eine Vertreterin der Omas gegen Rechts, dass die gesellschaftliche und politische Entwicklung durch Hass, Hetze und Lügen bekannt sei, weshalb auf eine übliche Rede verzichten werde. Zugleich drückte sie ihre Trauer darüber aus, dass es in der heutigen Zeit überhaupt wieder Mut erfordere, sich für Demokratie und gemeinsame Werte einzustehen. Sie dankte den Anwesenden für ihr Kommen, damit Hamels Einsatz unvergessen bleibe. Sie las anschließend vollständig das Gedicht „Zivilcourage“ von Alfred Plischka vor:.

Gerät ein Mensch in höchster Not, fühlt er sich alleingelassen, droht ihm Gewalt oder der Tod, musst du dich mit ihm befassen.Wegzuhören, wegzuschauen ist keine Lösung, die ihm hilft. Hab die Courage, dich zu trauen. Es ist der Mut zur Tat, der gilt. Mut beweist Charakterstärke, in der er dich als Mensch beweist. In ihm zeigt sich die Kraft der Werte, die du in nächster Liebe zeigst. Wenn du mit steter Wachsamkeit Unrecht in dieser Welt bekämpfst, wirst du ein Freund der Achtsamkeit, die du in dir nicht mehr verdrängst. Du wirst als Vorbild bald erkannt und angesteckt von deinem Mut, der Feigheit Gegner dann genannt. Ist doch dein Mut ein hohes Gut.“
Abschließend betonte die Vertreterin der Omas gegen Rechts: „Ich finde sehr traurig, dass wir heute Mut brauchen, um unsere Demokratie und für unsere Werte einzustehen. Aber ich danke allen, die heute hier sind, damit der Mut von Peter Hamel nicht vergessen wird.


Systematische Entmenschlichung und die eigenen Ängste

In einem umfassenden Beitrag widmete sich Stefan als bündnisfreier, antifaschistischer Aktivist dem Thema Zivilcourage und den strukturellen Ursachen von Diskriminierung. Er stellte heraus, dass die Geschichte queerer Menschen trotz gesellschaftlicher Fortschritte von bleibenden Tracontent-Schilderungen und kollektiven Traumata geprägt sei. Zugleich warnte er davor, die Aufklärung nur auf ewig Gestrige oder rechte Hetzer zu beschränken, und hinterfragte die Rolle der leisen Mehrheitsgesellschaft, deren Verhalten oft von eigenen Ängsten, Scham und Unsicherheiten gesteuert werde.

Stefan argumentierte, dass die Diskriminierung marginalisierter Gruppen durch tief verwurzelte, anerzogene Strukturen aufrechterhalten werde. Als historisches Beispiel für eine über Generationen hinweg kultivierte Feindschaft nannte er die 400-jährige Erbfeindschaft zwischen Deutschland und Frankreich, die erst durch das Handeln von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle im Élysée-Vertrag von 1963 aufgebrochen worden sei. Ebenso sei die Homophobie in Deutschland eng mit der historischen Kriminalisierung durch den § 175 des Reichsstrafgesetzbuches sowie mit patriarchalischen Männlichkeitsbildern abrahamitischer Religionen verknüpft. Auch der Begriff Homophobie, der 1970 von George Weinberg geprägt wurde, frame das Problem fälschlicherweise als individuelles psychisches Leiden statt als gesellschaftliche Machtstruktur.

Kritik übte Stefan zudem an aktuellen politischen Diskursen sowie an der eigenen Bewegung. Er mahnte, dass der Begriff „Woke“ zunehmend von Kritikern verfremdet und als politischer Kampfbegriff missbraucht werde. Innerhalb der linken und queerfeministischen Szenen Osnabrücks kritisierte er eine teilweise Verengung des Diskurses: Theorien wie Critical Whiteness oder die Ansätze Judith Butlers würden stellenweise wie „heilige Kühe“ behandelt, was bei abweichender Kritik zu sozialer Isolation und intellektueller Einöde führe. Er schloss mit dem Appell, Ängste aufzugreifen und Gegner ohne Hass zu überzeugen, anstatt sich deren Methoden zu bedienen.


Rechte Gewalt, Maskulinismus und verdrängte Gefahren

Im Anschluss blickte Lisa Böhne von der Initiative Peter Hamel auf die konkrete Bedrohungslage für queere Menschen in Deutschland. Sie erinnerte daran, dass nach dem Tod von Peter Hamel klar geworden sei, dass die Treffpunkte schwuler Männer keinen ausreichenden Schutz boten und die Gewalt trotz rechtlicher Paragrafenabschaffungen zunahm. Böhne verdeutlichte, dass aktuelle Angriffe mehrheitlich von der extremen Rechten, christlichen Fundamentalisten sowie weißen, männlichen Anwohnern und Passanten ausgingen.

Unter Berufung auf Erhebungen der Amadeu Antonio Stiftung führte sie an, dass im vergangenen Jahr nicht einmal die Hälfte von 243 Christopher Street Days (CSDs) ungestört ablief und bei rund 20 Prozent Gegendemonstrationen von Neonazis stattfanden. Während Online-Mobilisierungen auf Plattformen wie Instagram und TikTok vor allem Stress und Kosten für die Organisatoren erzeugten, stellten insbesondere die Heimwege nach den Veranstaltungen wegen unzureichender Polizeikonzepte die größte Gefahrenquelle dar. Böhne beleuchtete zudem den weltweiten Maskulinismus und patriarchalische Ideologien als treibende Kräfte hinter der Gewalt und mahnte, dass Zivilcourage in Osnabrück keineswegs als angestaubt oder erledigt betrachtet werden dürfe.

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