»Gegen die Liebe kommt man nicht an …«
Mit einem fulminanten Auftritt setzt die Schlager-Legende der diesjährigen Schlossgarten-Konzertreihe die Krone auf und sorgt mit einem Feuerwerk neu arrangierter Hits dafür, dass die Begeisterung auf der restlos ausverkauften Wiese wohl jeden erfasst. Während der kurzen Atempausen, die sich der Entertainer im Seniorenalter zwischen den Liedern gönnt, feuern ihn tausende Stimmen mit dem bekannten Stadion-Ohrwurm (Oh-oh-oh-oh-oh-oh)) an. So etwas bleibt nur Champions vergönnt – Roland Kaiser ist einer.
Zur Party ins Konzert
Schon während der Einlass-Prozedur, die in Osnabrück eher relaxed abläuft, ahnt man, dass viele auf Partymachen aus sind. Von Aperol, Red Bull und verwandten Getränken gepusht schlendern Menschen unterschiedlichster Altersklassen der Wiese und dem Abend entgegen. Über allem scheint eine Art Verheißung zu liegen, die jedem verspricht, dass an diesem Sonntag alles gut werden wird.
Natürlich braucht es dazu ein robustes Getränke-Catering – und dafür ist rundherum gesorgt. Die Preise zielen nicht unbedingt darauf ab, die Stimmung zu killen. So nimmt das Stimmengewirr zu, je näher der auf 19.30 Uhr terminierte Beginn rückt. Überall dort, wo ein Mädels-Club aufschlägt und sich begrüßt, wird´s noch ein bisschen lustiger. Davon sind am Sonntagabend einige unterwegs. Mittlerweile hat eine Abordnung von Help-Age die Bühne für eine Ansage gekapert, mitten drin die Bürgermeisterin. Was von den gespannt Wartenden zum Anlass genommen wird, sich darüber auszutauschen, was über die Eintragung ins goldene Buch bekannt geworden ist. Nebenbei werden die Krönchen geradegerückt und die Blinklichter ausprobiert. Jetzt könnt´s losgehen. Mit zehn Minuten Verzug geht´s dann auch los – und wie!
Das Podest, auf dem sich die Band gruppiert hat, fährt in der Mitte auseinander und heraus tritt die Ikone des Abends: Roland Kaiser (alias Ronald Keiler). Der erste Song (Gegen die Liebe …) ist nicht nur die Eröffnung eines mitreißenden Konzerts, sondern ein Statement.
Die ewige Verführung
Kaisers Lied-Fantasien drehen sich auffällig oft um eine Situation: der riskante Flirt, der alle Möglichkeiten offenlasst und selbst das zerbrechen einer Ehe oder das Zerwürfnis unter Freunden in Kauf nimmt. Aber in welche abenteuerlichen Verwicklungen das von Roland Kaiser verkörperte lyrische Ich auch gerät, eins bleibt klar – verantwortlich für den ganzen Kuddelmuddel sind immer Reize von außen, der Zufall, das Verlangen oder die Dame im Spiel, die nicht nein gesagt hat (Es lag allein an dir).
Wie er das mit fünfzig Jahren Bühnenerfahreng heute rüberbringt, diese Nonchalance in der Stimme, das Augenzwinkernde im Gesicht, ist unnachahmlich. Dafür feiert ihn sein Publikum, heute mehr denn je. Da wird gejuchzt, gelacht und mitgegrölt. Hände in die Luft, Handys gezückt und abgedrückt, Paare rücken zusammen und probieren Selfies mit Bühnenausschnitt. Der Kaiser verbeugt sich und bedankt sich artig.
Subtile Botschaften
Ganz Gentleman im royal-blauen Zwirn, moderiert der Star des Abends durchs Programm, nimmt sich selbst auf die Schippe, lacht, scherzt mit Leuten am Bühnenrand und selbst, wenn er es besinnlich werden lässt, ist das von einer Leichtigkeit getragen, die den ganzen Abend trägt. Kaiser weiß, wie kritisch die zweideutigen Verse aus den siebziger und achtziger Jahren vom heutigen Zeitgeist beäugt werden. Manche Zeile sei ihm bisweilen sogar gefährlich geworden. Was er damit meint, bleibt offen und wird doch verstanden. Kaiser ist bekennender SPD-Wähler und widerlegt damit das Vorurteil, »Schlager-Fuzzis« seien verdächtig unpolitisch. Trotzdem bleibt sein erstes Gebot die Unterhaltung, politische Parolen wird man von ihm nicht hören. Soll nicht heißen, dass die Texte gänzlich bereinigt von Botschaft wären. Man müsste nur genauer hinhören, um die Aktualität zu erkennen.
Fantastische Big Band

Mit Streichquartett, Bläser-Trio und Gesangs-Duo verstärkt beeindruckt diese Big-Band, wie sie verschiedenste Stilrichtungen wie Salsa, Funk, Rock und Pop problemlos aufeinanderfolgen lässt. Versierte Solisten setzen mit Leadgitarre, Cello, Akkordeon oder Saxophon musikalische Akzente, halten das Niveau hoch und Wanja Janeva glänzt anstelle von Maite Kelly, wobei sie den tänzerisch absolut untalentierten Mann tatsächlich für Sekunden im Takt bewegen kann.
Zwei Stunden agiert er da bereits auf der Bühne, mit offenem Hemdkragen zwar, aber immer noch in Jackett mit Weste, ohne in der Intensität nachzulassen. Respekt!
Zur Zugabe hat er sich dann der Jacke entledigt, die Weste immer noch zugeknöpft. Puh, wie er das nur durchhält, wenn einem im T-Shirt vor der Bühne schon der Schweiß runterläuft? Der Luftschlangen-Kanonenschlag zu Joanna vertreibt alle Gedanken an Schwäche. Die letzten Lieder werden abgefeiert, als gäb´s kein Morgen. Das alles soll ja gar nicht enden. Irgendwann nach zehn verschwindet die Ikone endgültig im blauen Dunst des Bühnen-Offs.
Die Bühne ist verstummt, davor wird weiter gesungen:
»Oh, wie ist das schön …«












