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Sonntag, 22. Februar 2026

Wie uns die NOZ Deutschlands wirtschaftlichen Niedergang erklärt

Weitere Anmerkungen zu einem Beitrag vom NOZ-„Chef vom Dienst“ Michael Clasen

Die Trennung von Bericht und Meinungskommentar, also die Bewertung von Fakten, ist selbstverständlicher Teil journalistischer Arbeit. Die Frage ist allerdings, ob die Bewertung der Fakten nicht auch von Sachverstand begleitet werden sollte. Da muss man bei unserer Osnabrücker Monopolpresse, der NOZ, Fragezeichen setzen.

Dass der „Chef vom Dienst“, Michael Clasen, ein Spezialist fürs Allgemeine zu sein scheint, ist bekannt. Woher dieser meinungsstarke Kolumnist seine Wirtschaftskenntnisse bezieht, ist sein Geheimnis. Am 18. Februar verriet er dem Publikum, woher die deutsche Wirtschaftskrise kommt und „Wie Ideologie unseren Wohlstand frisst“. Aufhänger ist die Forderung des SPD-nahen Ökonomieprofessors Marcel Fratzscher, man müsse die Mehrwertsteuer auf 21 Prozent erhöhen und seine Prognose, in Deutschland werde schon aus rein demografischen Gründen der „Wachstumsmotor“ nie mehr anspringen.

Professor Dr. Rolf Wortmann: OR-Redakteur und Politikwissenschaftler

Clasen widerlegt das nicht, sondern hält mit seiner „Meinung“ dagegen. Die „Deindustrialisierung ist seit Jahren in vollem Gang“ und bedrohe den Wohlstand. Sie sei „kein Schicksalsschlag, sondern die direkte Folge einer verfehlten Wirtschaftspolitik.“ Deren Kern sei „Klimaschutz und soziale Umverteilung“ mit dem Versprechen eines „grünen Wirtschaftswunders“. Und das Ergebnis dieser „schon unter Merkel“ getroffenen „massiven Fehlentscheidungen“ sehen wir heute. „120.000 Industriearbeitsplätze“ allein im Jahre 2025 seien vernichtet worden, die „Energiewende sei zur Kostenfalle“ geworden und in „anderen Bereichen sei Deutschland ein Sanierungsfall“. Das alles verdanken wir „Fratzscher und anderen Vordenkern der grünen Transformation“, die sich weigern, ihre Irrtümer endlich zu bekennen.

Nun den „demografischen Wandel“ als Krisenursache zu beschwören, sei falsch, denn USA und auch China (!) zeigen, dass „Künstliche Intelligenz und Robotik“ „enorme Wachstumsfelder“ seien, die Beschäftigungsverluste kompensieren. Nur Europa hinke hinterher. Und was ist der Grund, warum Deutschlands Zukunft so düster aussieht? Weil das alles die „logische Folge einer Politik ist, die dem Markt misstraut und den Staat für den besseren Unternehmer hält.“ Und so leben wir mit wachsendem Schuldenberg „über unsere Verhältnisse“. Wer das „Wir“ in Deutschland ist, das über „seine Verhältnisse“ lebt, erfahren wir leider nicht, Und die Feststellung, man könne den Wohlstand nur mehren, wenn man denen, die ihn schaffen, „nicht immer tiefer in die Tasche greift“, wirft auch nur die Nachfrage auf, wer schafft den Wohlstand denn eigentlich?

Zu dem handelsüblichen Credo der Krisenerklärung fehlen hier (wohl aus Platzgründen) nur noch die „Bürokratie“ und die Karriere machende Forderung nach einer Verlängerung der Arbeitszeit mit dem Streit, ob die Wochen- oder die Lebensarbeitszeit oder beide erhöht werden müssen, um zum erlösenden Wachstum zu kommen. Was hier mit scheinbaren Wahrheiten, nicht nur von Clasen, in die Welt gesetzt wird, erweist sich schon beim ersten Hinsehen als fragwürdig.

Die „Deindustrialisierung“, d.h. der relativ sinkende Anteil des „Industriesektors“ am Sozialprodukt zu Gunsten des stetig expandierenden Dienstleistungssektors ist wohl kaum eine Folge rot-grüner Ideologen, sondern seit mindestens fünfzig Jahren ein sich beschleunigender Wandel in allen hochentwickelten Volkswirtschaften. Spitzenreiter dieser Entwicklung sind die Musterländer der freien Marktwirtschaft USA und Großbritannien.  Deutschland ist dagegen mit einem relativ hohen Anteil an Industrieproduktion ausgestattet. Den Übergang von der Industrie- in die Dienstleistung- bzw. Finanzökonomie hat politisch gezielt übrigens keine andere so brutal durchgezogen wie Margret Thatcher in Großbritannien. Selbst Clasen wird sie keiner linksgrünen Ideologie verdächtigen und ihrem „Neoliberalismus“ scheint er immer noch anzuhängen.

Dass die Ideologen immer die Anderen sind wird noch deutlicher bei der gebetsmühlenhaften Wiederholung des Vorwurfs, linksgrüne Ideologen misstrauten dem Markt und bevorzugten den Staat als Unternehmer. Wie erklärt er Donald Trumps gigantische staatliche Investitionsspritze für die KI- und Tech-Branche, um ihre Weltmarktführerschaft zu sichern?  Ist das auch alles Ideologie? Oder kluge Wirtschaftspolitik?

Clasens Problem ist, dass er mit seinem Glauben an den Markt nicht ganz auf der Höhe der neuesten Zeit ist. In der Geschwindigkeit der Veränderungen im Reich der Wirtschaftsideologien hat er entweder nicht bemerkt oder nicht begriffen, dass er gemessen an dem Neuen unter Trump old fashion ist. Hier geht es nicht mehr um freie Märkte und Wettbewerb, sondern um Weltherrschaft durch technologisch-ökonomische Dominanz. In der Globalisierung sehen Trump und seine Mitstreiter – auch unter den Tech-Giganten – den Grund für Amerikas Misere und die Vertreter der Irrlehre des Segens des Freihandels gehören auf die Anklagebank. Die Digitalgiganten wollen zwar weltweite bedingungslose Freiheit für ihre „Produkte“, aber keinen Wettbewerb.

An den herkömmlichen Freihandel zu glauben, ist jedenfalls angesichts der amerikanischen Herausforderungen und der für weite Teile der Welt des „Globalen Südens“ unvorteilhaften bisherigen Regelungen des Welthandelssystems keine verheißungsvolle Zukunft. Womit man zu Überlegungen über die möglicherweise tieferliegenden Gründe der Probleme der deutschen Wirtschaft kommen könnte, die sich mit der oben skizzierten Litanei ergänzt um Bürokratie und zu wenig Arbeitsleistungen (oder zu teure) nicht erklären lassen.


Wie sich sachlich die deutschen Wirtschaftsprobleme anders erklären lassen

Um auch etwas Positives zu servieren, soll hier für fruchtbarere Diskussionen kurz ein anderer Ansatz zur Krisenerklärung skizziert werden. Um nicht dem rot-grünen Ideologieverdacht zu verfallen, beziehe ich mich auf einen Beitrag in der (diesbezüglich unverdächtigen) „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ). Dort findet sich am 8. Januar 2026 eine von dem Frankfurter Ökonomieprofessor Volker Caspari unter dem Titel „Die tieferen Ursachen für Deutschlands Wachstumsschwäche“ (8.1.2026) publizierte ganz andere Krisenanalyse, die sich von den üblichen Schnellschüssen grundlegend unterscheidet.

Die momentane Wachstumskrise, so Caspari, habe zwar mehrere Gründe, aber ein wesentlicher Faktor sei die niedrige Arbeitsproduktivität. Das heißt, in Deutschland wurde und wird zu wenig ins Sachkapital investiert. Die dafür entscheidende Kennzahl ist die Nettoinvestitionsquote. Die lag in den 1960er Jahren noch bei 15 Prozent, halbierte sich in den folgenden Jahrzehnten und fiel dann in der Dekade nach 2010 auf unter 5 Prozent. (2018 = 2,8 und 2022 = 2 %) Parallel dazu sank auch die Nettoinvestitionsquote des Staates, ein Umstand, dessen Folgen wir mittlerweile alltäglich als „marode Infrastruktur“ erfahren und beklagen.

Der überalterte Sachkapitalbestand ist nun ein wesentlicher Faktor, der für die niedrige Arbeitsproduktivität verantwortlich ist. Aufschlussreich an Casparis Analyse ist der Grund dafür. Die Unternehmen hätten zwar hohe Gewinne erwirtschaftet, diese aber nicht in Deutschland in neues Sachkapital investiert. Auch nicht im Ausland. Die Gründe waren nicht Flucht vor den deutschen Folterwerkzeugen wie hohe Steuern und Bürokratie, sondern schneller und gewinnträchtiger als Investitionen in die Herstellung von Gütern waren die Erträge durch Investitionen in auswärtige Immobilien und Finanzmärkte. Produzierende Unternehmen agierten immer häufiger wie Banken oder Investmentfonds am Finanzkapitalmarkt. Das Ergebnis war eine sukzessive Erosion des Produktivkapitals.

Da Caspari nur einen „wesentlichen“ tieferen Grund für Deutschlands momentanen Wirtschaftsprobleme benannte, seien hier mit Blick auf die weitgestreute Diskussion noch weitere Faktoren genannt, die zusammenfassend der in London lehrende Historiker Frank Trentmann in einem Interview in der „Frankfurter Rundschau“ vom 18. Februar unter dem Titel „Die Europäer sind in eine verwundbare Position geraten“ vortrug.

Trentmanns Krisendiagnose warnt zunächst vor einer Fokussierung auf die Verteuerung der Energie infolge des Ukraine-Krieges. Sie sei wie die wachsende Bürokratie (die übrigens soweit sie auf die EU zurückgeht, nicht nur Deutschland, sondern alle EU-Länder betrifft) zwar nicht völlig irrelevant, verstelle aber den Blick auf länger wirkende Faktoren. Und hier sieht er ebenfalls ein Kernproblem darin, dass Deutschland seinen „Kapitalstock“, sowohl den privaten wie den öffentlichen, systematisch vernachlässigt habe. „Maschinen, Anlagen, Gebäude, also die Substanz, auf der die Produktivität und Innovation beruhen“, wurden vernachlässigt. Die erforderlichen Modernisierungen wurden im privaten wie im öffentlichen Sektor versäumt und stetig aufgeschoben. Verdeckt wurde das durch die „Exporterfolge der Globalisierung“. Relativ leicht konnte man lange Zeit mit der vorhandenen Grundausstattung die neuen Märkte zunächst in Osteuropa und dann in China gewinnbringend erobern, womit die strukturellen Schwächen kaschiert wurden.

Die ersten Einschläge erfolgten dann in der ersten Phase der „Deglobalisierung“, die schon vor der Pandemie einsetzte. „Lieferketten wurden politischer“ und Protektionismus wurde wieder normal, was für ein extrem exportorientiertes Land wie Deutschland bestandsgefährdend ist. Von entscheidender Bedeutung war und ist aber, dass sich China vom reinen Absatzmarkt zum Konkurrenten auf dem Weltmarkt entwickelt, wovon nun insbesondere die deutsche Leitindustrie, die Automobilbranche betroffen ist. Die Frage an Clasen wäre, sind für die deutsche Konzeptlosigkeit bezüglich der Zukunft der Automobilität (Verbrenner vs. Elektro) auch rot-grüne Ideologen verantwortlich?

Trentmanns zusammenfassende Empfehlung lautet, dass Deutschland sich angesichts des fundamentalen Wandels ökonomisch neu positionieren muss und da greife der Ruf nach dem „Freihandel“ gegen Trumps Zölle, wie es Marz verkündet, viel zu kurz. Deutschland brauche aus weltpolitischen wie auch aus rein ökonomischen Gründen eine zukunftsweisende Industriepolitik in einem europäischen Gesamtkontext. Das wäre eine zukunftsweisende Antwort auf die politische wie ökonomische Krise der Gegenwart.

Caspari wie auch andere Ökonomen bieten eine Krisenanalyse, die der Bedeutung und Tiefe der Krise gerechter wird als die ständige Wiederholung der ewig gleichen Forderungen nach Bürokratieabbau, Steuersenkungen für Unternehmen und Reiche bei gleichzeitiger Mehrarbeit der „hart Arbeitenden“ und der Wettlauf über den weitreichendsten Abbau des Sozialstaates. Das ist eher Klassenkampf von oben, der die Probleme nicht löst und in der gegenwärtigen weltpolitischen Konstellation keine Perspektive entwickelt, außer einer zusätzlichen Intensivierung der sozialen Konflikte im Innern.

Wo sich Clasen hier positioniert, ist kein Geheimnis, denn Klimaschutz und soziale Umverteilung sind die Hauptübel. Aber was ist das anderes als Ideologie?

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