Begleitete Vorführung von Veit Harlans Jud Süß im Museumsquartier
Ein 86 Jahre alter Film in Schwarz-Weiß, dazu mit schlechtem Ton in Mono – was kann der uns heutzutage noch sagen? Wenn es dabei um faschistische Propaganda geht, sehr viel. Die Bezüge zur heutigen Zeit zeigte Filmwissenschaftler Michael Kleinschmidt in seiner Begleitung des Films mit viel Sachkenntnis und Engagement auf. Begrüßt wurde er von Daniel Goldmann (Vermittlung Erinnerungskultur) und Thorsten Heese (Kurator Stadt- und Kulturgeschichte).
Im Nebenprogramm der Ausstellung Van den Yoden wurde am 25. August der antisemitische (und übrigens auch antifeministische) Historienfilm vor einem vollen Saal, darunter auch Mitglieder eines Geschichte-LKs des EMA-Gymnasiums, unter den Auflagen der F.W.-Murnau Stiftung gezeigt. Eine der Auflagen ist es, dass der Film vor und nach der Vorführung wissenschaftlich begleitet wird. Diese Aufgabe übernahm in hervorragender Weise Michael Kleinschmidt vom Institut für Kino und Filmkultur, Wiesbaden.

Zunächst lieferte Kleinschmidt eine historische Einordnung des Films. Er warnte eindringlich davor, den Film zu sehr an sich heranzulassen, denn das Ziel des teuflischen Machwerks war es, Zuseher auch ohne knallende Effekte und überschäumenden Antisemitismus gewissermaßen nebenbei zum Judenhass zu verleiten. Dieses Ziel erreichte es im Dritten Reich millionenfach, da es handwerklich geschickt gemacht war. Man fühlte sich an die Analogie mit einem Messer erinnert: Man kann es benutzen, um Speisen zuzubereiten, aber auch zum Töten. Genau so können gut gemachte filmische Techniken bilden und unterhalten, aber auch das Gift des Antisemitismus den ZuschauerInnen einspritzen.
Der Film verursachte denn auch geistige Übelkeit. Es ist in Tat und Wahrheit schwer zu ertragen, wenn in einer vorgeblich historisch korrekten Handlung scheinbar expressiv gezeigt wird, wie eine Bevölkerungsgruppe den Staat aushöhlt, die tatsächliche Intention des Films jedoch die direktive Wirkung der Erzeugung von Hass in der Zuschauerschaft ist. Auch die filmischen Mittel (bspw. kontrastive Darstellung der aufrechten Württemberger und verschlagener, hinterlistiger Juden) dienen nur dem einen Zweck. Dabei war Veit Harlan ein geschickter Regisseur und Drehbuchautor, was den Film noch deutlich gefährlicher macht.
Die F.W.-Murnau Stiftung als Eignerin des Copyrights verleiht diesen wie auch 43 weitere Nazifilme daher nur als sogenannte Vorbehaltsfilme. Ein Vorbehalt ist unter anderen die auch bitter nötige Begleitung durch anerkannte Sachverständige mit angerissener Analyse der filmischen Mittel sowie anschließender Diskussion, die Kleinschmidt souverän und, wie bereits die Einführung, mit großer Expertise leitete.
Übrigens: Harlan war auch nach dem Krieg nicht von der verbrecherischen Natur seiner Tätigkeit zu überzeugen. Im Gegenteil: In der jungen BRD erhielt er Ehrungen, war in der Lage seine Karriere mit gebremstem Schaum weiterzuführen und gewann Prozesse um seine Entnazifizierung. Seine Frau Kristina Söderbaum, die weibliche Huptdarstellerin in Jud Süß, wurde eine bekannte Modefotografin. Der im Film vierfach besetzte Werner Krauß, der Juden auf ekelerregende Art und Weise spielte, war ebenfalls nach dem Krieg nicht von Karrierenachteilen betroffen. Auch diese Details wurden von Kleinschmidt angebracht.
Und der Bezug auf heute? Es ist schwer zu glauben, aber Kleinschmidt war in der Lage u.a. schlüssig zu beweisen, dass gewisse rechte Parteien, wie z.B. Reform UK von Nigel Farage, in ihrer Wahlwerbung die Bildsprache der antisemitischen Filme des Dritten Reichs praktisch ungebrochen übernehmen.
Wie heißt es gleich? Der Schoß ist fruchtbar noch.
















