Die OR-Serie „Widerstand im Osnabrück der NS-Zeit“ widmet sich einem spannenden, aber bisher kaum bekannten Thema: Sie erinnert an mutige Menschen, die sich aktiv dem Naziterror und seinen menschenverachtenden Ideen widersetzt und dafür ihr Leben riskiert haben.
Raymond Vinclair
Nächtliche Flucht aus Osnabrück mit Güterzügen
Französische Fluchthelfer werden unter der Guillotine hingerichtet
Raymond Vinclair wird am 21. Mai 1918 in Betton, Departement Ille et Vilaine, in der Bretagne geboren. Beide Eltern arbeiten bei der Eisenbahn. Raymond hat drei ältere Brüder. Im August 1935 bricht er seine Lehre als Zimmermann ab und meldet sich mit 17 Jahren bei der Marine, wo er bis zum Obergefreiten bringt. Er fährt zuerst auf der Marseillaise und dann auf dem Minenleger Pluto. Ab August 1940 arbeit er wie seine Eltern bei der Eisenbahn, in der Betriebsabteilung des Bahnhofs Rennes. Vinclair ist ledig, hatte aber eine Braut, die am anderen Ende des Ortes wohnt. Am 1. Mai 1943 tritt er der Widerstandsbewegung bei.
Am 14. Dezember 1942 wird er mit zehn weiteren Männern aus Rennes als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt, wo er in einem Kriegsgefangenenlager untergebracht wird und bei der Deutschen Reichsbahn arbeiten muss. Raymond Vinclair ist 24 Jahre alt, als er in Osnabrück ankommt. Er ist 26, als er nach einem kurzen Prozess am 24. Juli 1944 im Zuchthaus Brandenburg-Görden mit dem Fallbeil hingerichtet wird.
Raymond Vinclair nutzt seinen Einsatz am Güterbahnhof in Osnabrück, um mit Hilfe von Kameraden mindestens 150 französischen, belgischen und niederländischen Kriegsgefangenen die Rückkehr in ihre Heimatländer zu ermöglichen. Ende November 1943 werden die Fluchthelfer von einem Gestapospitzel verraten und verhaftet. Die folgende Rekonstruktion der Ereignisse beruht auf Angaben, die Raymond Vinclair und weitere Fluchthelfer in Vernehmungen durch die Gestapo machten, die, wie anzunehmen ist, unter Anwendung von Folter stattfanden. Ihre Angaben müssen daher nicht immer zutreffend gewesen sein und sind mit entsprechender Vorsicht zu betrachten.
Raymond Vinclair ist bis Mitte September 1943 in einem Gemeinschaftslager an der Schellenbergbrücke untergebracht, die die Stadtteile Fledder und den Schinkel verbindet und die Gleise des Rangierbahnhofs auf der Fernstrecke Löhne–Rheine überspannt. In der Nähe befinden sich der Lokschuppen und die Güterabfertigung mit kilometerlangen Verladerampen. In dem Lager sollen außer Franzosen auch Holländer und Russen untergebracht gewesen sein. Vinclair arbeitet als Hemmschuhleger bei der Reichsbahn, eine gefährliche Arbeit, bei der es öfter zu tödlichen Unfällen kommt. Ein Hemmschuh ist eine Art Unterlegkeil aus Metall zum Abbremsen und Anhalten eines Eisenbahnwagens, der vor den fahrenden Wagen auf die Schienen gelegt wird, um ihn so zum Stehen zu bringen.
Vom Lager an der Schellenbergbrücke zum Lager Sandbachstraße
Vinclair soll bereits Im Juli oder August 1943 im Lager an der Schellenbergstraße von Josef Viel, einem anderen als Hemmschuhleger tätigen französischen Zivilarbeiter aus Rennes erfahren haben, wie sich die Flucht aus Osnabrück organisieren läßt. Viel half anderen Häftlingen im Juli und August 1943 bei der Flucht. Ende August 1943 setzte er sich selber ab. Als das Lager an der Schellenbergbrücke mit russischen Gefangenen belegt wird, wird Raymond Vinclair im Oktober 1943 mit anderen Franzosen zu einem Lager an der Sandbachstrasse in der Gartlage verlegt, einem anderen Gemeinschaftslager der Reichsbahn. Im Lager Sandbachplatz trifft er auf den französischen Kraftfahrer Louis Bertin aus Hirson (Aisne), der kurz vor Vinclair nach Osnabrück gekommen ist. Der 23jährige Bertin arbeitet als Feger auf dem Personenbahnhof.
Die beiden organisieren die Flucht von Kriegsgefangenen aus Osnabrück. In den Verhören durch die Gestapo behaupten Bertin und Vinclair, sie hätten erst im September beziehungsweise Oktober mit der Fluchthilfe begonnen. Bertin gibt in der Vernehmung an, dass er zuerst am 15. September 1943 fünfzehn Franzosen in einen Zug nach Charleroi geschmuggelt hat, der mit Papierrollen beladen war. Doch aus einer Liste entflohener Kriegsgefangener geht hervor, dass die ersten Kriegsgefangenen, die vom Viel-Vinclair-Bertin-Netzwerk profitierten und deren Flucht von Erfolg gekrönt war, bereits am 17. Mai 1943 flohen. Bei den Kriegsgefangenen, denen sie helfen, handelt es sich um Männer, die bereits aus einem anderen Lager geflohen und dafür in ein Straflager verlegt worden sind, so wie Jeanne Moreau aus dem Stalag V A. Zur Strafe war er in das Straflager Rawa Ruska in der Ukraine gebracht worden, und von dort in das Kriegsgefangenen Bau- und Arbeitsbattalion (BAB) 45, das ab 1943 dem Kommandeur der Landes-Bautruppen 3 unterstellt und im Raum Osnabrück, Bremen, Hannover, Leipzig und Fallersleben eingesetzt war und aus französischen und belgischen Kriegsgefangenen bestand.
Gleis 28 nach Frankreich, Gleis 7 in die Niederlande
Bertin und Vinclair bringen abwechselnd Gruppen von sieben bis fünfzehn zur Flucht aus Deutschland entschlossene Kriegsgefangene nachts zunächst zu einem Unterschlupf auf einem der Bahn benachbarten Grabengrundstück in der Nähe der Sandbachstrasse und von dort zu einem Versteck in der Nähe des Lagers an der Schellenbergbrücke. Nach einer Ortsbegehung mit den Angeklagten am 1. Dezember 1943 stellten die ermittelnden Osnabrücker Gestapobeamten fest, dass es sich dabei um eine Gartenlaube in der Nähe des „Russenlagers“ Schellenbergstraße handelte, wo Vinclair vorher interniert gewesen war. Die kleine Laube lag auf einem Gartengelände hundert Meter südlich der Gleisanlagen, auf denen die aus verschiedenen Richtungen einlaufenden Güterzüge geteilt und je nach Bestimmungsort neu zusammengestellt wurden. Vinclair holt die Männer dann dort ab und bringt sie zu einem Güterwagen. Er sucht Waggons aus, auf denen auf Grund eines daran angebrachten Schilds mit dem Bestimmungsort sicher ist, dass sie nach Frankreich, Belgien oder Holland geleitet werden. Die Flüchtlinge nach Frankreich werden zu den Zügen nach Wanne auf Gleis 28 gebracht, die um 20.17 und 2.41 Uhr abfahren. Die Flüchtlinge in die Niederlande bringen die Helfer zum Gleis 7.
Im November 1942, vielleicht auch länger, werden sie von einem weiteren Franzosen, dem 33jährigen Francis Lucas unterstützt, der zur gleichen Zeit wie Vinclair im Dezember 1942 nach Osnabrück gekommen ist. Lucas, ein weiter Bretone, der in Ploufargen/Cotes du Nord geboren ist, sagt aus, Vinclair hätte nicht so oft Nachtarbeit gehabt wie Bertin. Er sei aber „am besten über alle Zugverbindungen und Möglichkeiten unterrichtet“ gewesen und hätte „so eine Art Oberleitung“ ausgeübt. Bertin gibt an, Vinclair habe sich mehr mit der Erkundung der Wagen und der Bewachung und Beobachtung der Gleise beschäftigt, während er selber in erster Linie Zubringerdienste zu den Gleisen versehen habe. Die Züge, die Vinclair aussucht, sind bereits plombiert und werden daher nicht mehr durchsucht. Vinclair, der bei der Eisenbahn in Rennes gearbeitet hat, ist mit diesen Abläufen vertraut. Er oder Bertin brechen die Plombierung der Zugtüren auf, und die Flüchtlinge versteckten sich im Waggon. Danach verschließen die Helfer die Plombierung wieder provisorisch durch Zusammenbiegen der Drähte, und verstecken die Flickstelle so, dass sie vom Wagenschloss verdeckt wird.
In seiner Vernehmung durch die Gestapo gibt Bertin an, Vinclair und er hätten immer samstags festgelegt, wie viele Personen jeder von ihnen übernehmen würde. In den Vernehmungen nennen Bertin und Vinclair nach und nach weitere Details ihrer Fluchthilfe. Einmal helfen sie Franzosen und Belgiern in einen Zug nach Charleville, am 15. November zehn Franzosen nach Lyon. Bertin berichtet von einer Flucht am 29. November um 20.30 Uhr nach Amsterdam und einer weiteren am 30. November 1943 gegen Mitternacht. Es ist die letzte Flucht aus Osnabrück. In dieser Nacht werden die Helfer verhaftet.
‚Je m’en fou‘! (Ich scheiß darauf‘).
Dass Bertin und Vinclair Kriegsgefangenen bei der Flucht helfen, spricht sich unter den Gefangenen in Osnabrück schnell herum. Die Fluchten finden so häufig statt, dass sie bald jedem im Lager bekannt sind. Unter den Männern im Lager ist auch ein Spitzel. Bei den späteren Verhören wird eine Gewährsperson der Gestapo erwähnt, bei der es sich um einen Franzosen im Lager handelt. Vinclair weiß um die Gefahr, in die er sich begibt. Doch der ehemalige Soldat hat keine Angst. Als Kameraden in seiner Stube ihm wiederholt von den gefährlichen Unternehmungen abraten, pfeift er nach Aussage von Francis Lucas darauf und erklärt: „’Je m’en fou‘! (Ich scheiß darauf‘).“ So steht es wörtlich im Vernehmungsprotokoll. Vinclair weiß, wofür er das Risiko auf sich nimmt, denn er bekommt gelegentlich Dankesbriefe, die bestätigen, dass die Geflohenen sicher an ihrem Bestimmungsort angekommen sind. Nach erfolgreicher Flucht können die Kriegsgefangenen nicht einfach zu ihren Familien zurückkehren, denn Frankreich und auch Belgien sind von den Deutschen besetzt und sie werden von den deutschen Behörden gesucht. Die Flüchtlinge müssen sich verstecken. Viele schließen sich dem Widerstand an.
Insgesamt helfen Vinclair und seine Kameraden 100 bis 200 Gefangenen zur Flucht. Die vielen nächtlichen Aktionen bleiben schließlich nicht unbemerkt. Ende November 1943 werden die Fluchthelfer von einem Spitzel der Gestapo verraten. Am 30.November um 23.20 Uhr wird Raymond Vinclair verhaftet und in einer „Hauszelle“ gefangen gesetzt. Francis Lucas wird am 4. November 1943 von einem SS-Scharführer abgeholt. Auch Bertin und weitere Beteiligte, Francis Lucas, Marie Claudel und Ferdinand Cerceau, werden verhaftet. Bis zum 9. Dezember bleiben sie in den Zellen der Gestapo. Die Verhöre führt der Kriminal-Assistent Fritz Strathmann. Bertin und Vinclair machen unterschiedliche Angaben zur Fluchthilfe und zu ihren Motiven, und bezeichnen sich gegenseitig als Initiatoren der Aktion. Sie werden abwechselnd immer wieder stundenlang verhört, und geben in jeder Vernehmung weitere Fluchthilfen zu, nachdem sie jeder anfangs nur von einer einzigen Aktion gesprochen haben. Am Ende nennt Bertin sogar die konkreten Namen von Franzosen, die aus Osnabrück fliehen konnten. Unter welchen Bedingungen solche Verhöre der Gestapo stattfanden, ist bekannt. Aus den erhaltenen Unterlagen geht hervor, dass Raymond Vinclair von dem Gestapobeamten Strathmann am 2. Dezember 1943 von drei Uhr nachmittags bis neun Uhr abends verhört wurde.
„Eigennutz dürfe ihn kaum geleitet haben“
Beide betonen, dass sie völlig unpolitisch seien und nicht im Auftrag einer Organisation gehandelt noch von einer dritten deutschen oder französischen Person zu der eingestandenen Fluchthilfe veranlasst worden seien. Vinclair sagt über sein Motiv in den Verhören durch die Gestapo: „Alle Beihilfe habe ich aus Mitleid geleistet.“ Bertin gibt an, er hätte mit der Flucht Geschäfte gemacht, weil er für die Hilfe Geld, Zigaretten und Schokolade oder andere Lebensmittel bekommen habe, sowie Kleidung, die von den Kriegsgefangenen bei der Flucht zurückgelassen wurde. Einen Teil des Gelds habe er nach Hause geschickt. Vinclair sagt aus, dass Bertin im Lager mit den Zigaretten und anderen Dingen gehandelt haben soll. Er habe sich dank der Fluchthilfe sogar zwei Akkordeons leisten können.
Vinclair betont, Bertin habe sicher nicht als Patriot gehandelt, sondern vielleicht etwas aus Mitleid für die Gefangenen, vor allem aber, um Gewinn zu machen. Das gleiche behauptet Bertin von Vinclair. Die Argumentation wirkt, als wollten die Fluchthelfer um jeden Preis von einem politischen Hintergrund ablenken. Dabei könnte es sich um eine Verteidigungsstrategie der beiden gehandelt haben. Doch der dritte Fluchthelfer, Francis Lucas, sagt bei seiner Vernehmung, Vinclair sei „ein guter Patriot“ und seinem Wesen nach Soldat gewesen. „Wenn er Kriegsgefangenen zur Flucht verholfen hat, so tat er das aus Mitgefühl und Kameradschaft und als guter Franzose.“ Lucas beschreibt Vinclair als hilfsbereiten und „anständig denkenden“ Mensch. „Eigennutz dürfe ihn kaum geleitet haben.“ Für Bertin hat er dagegen keine Sympathie.
Eine „strenge Bestrafung angebracht“
Die Osnabrücker Kriminalpolizei stellt nach Abschluss der Ermittlungen am 14. Dezember 1943 fest, dass eine „strenge Bestrafung angebracht“ sei. Die Beamten sind der Meinung, dass Raymond Vinclair aus Kameradschaft als Soldat, Mitleid und Patriotismus gehandelt habe, es Bertin aber mehr um den Verdienst gegangen sei. Am 16. Mai 1944 werden die beiden in die Justizvollzugsanstalt Plötzensee in Berlin verlegt.
Vor dem Volkgericht werden die Angeklagten von einem deutschen Anwalt vertreten. Fünf Richter und ein Staatsanwalt bildeten das Tribunal für das Schnellverfahren. Es dauert nur einen Tag. Das Urteil entbehrt jeder Rechtsstaatlichkeit, die Urteilsbegründung ist reine Propaganda. Der vierte Senat des Volksgerichtshofs in Berlin unter den Landgerichtsdirektoren Mittendorf, Brenner, Storbeck und Bezirksstadtrat Vahlberg kommt zu dem Schluss, dass bei Bertin materielle Vorteile eine große Rolle spielten, während Vinclair aus „falsch verstandenem Patriotismus und Mitgefühl mit seinen Landsleuten“ gehandelt hätte. Es verurteilt aber beide, Bertin und Vinclair, weil sie sie vorgehabt hätten, sich dem „Verrätergeneral de Gaulle“ oder „französischen „Bandengruppen“ anzuschließen. Jedenfalls habe es sich bei ihnen um „Reichsfeinde“ gehandelt. Durch die Freilassung potenzieller künftiger Widerstandskämpfer hätten die Angeklagten das Deutsche Reich und seine Bevölkerung gefährdet. Aber auch, falls sie lediglich vorgehabt haben sollten, zu ihren Familien zurückzukehren, würde dies nach Ansicht des Volksgerichtshofs die harte Bestrafung rechtfertigen, denn damit entzögen sie sich „eigenmächtig ihrem auf die Bedürfnisse des totalen Krieges abgestimmten Arbeitseinsatz in Deutschland.“ Dem Gericht ging es anscheinend darum, festzustellen, dass die Fluchthelfer dem Deutschen Reich geschadet hatten, um sie wegen Landesverrats verurteilen und die Todesstrafe verhängen zu können.
Die ebenfalls angeklagten Lucas, Cerceau und Claudel erhalten lange Zuchthausstrafen. Francis Lucas wird er zu sechs Jahren verurteilt, Ferdinand Cerceau und Marie Claudel zu drei Jahren. Von Plötzensee werden die Verurteilten am 15. Juni in die Justizvollzugsanstalt Brandenburg-Görden verlegt, wo Bertin und Vinclair auf die Vollstreckung des Todesurteils warten. „Ich verlasse euch daher für heute, in der Hoffnung, dass ich einen weiteren Brief erhalten werde“. So beendet Raymond Vinclair seinen letzten Brief, den er am 22. Juni 1944 aus dem Zuchthaus am Stadtrand von Berlin an seine Eltern schickt. Am 24. Juli 1944 um 15.20 Uhr wird er mit der Guillotine hingerichtet und anschließend auf dem französischen Friedhof in Berlin eingeäschert.
1948 erfolgt die Exhumierung der sterblichen Überreste, die auf Initiative eines seiner Brüder in seine Heimatstadt Rennes überführt werden. Vielleicht, weil der Familie die linke politische Einstellung des Ermordeten nicht geheuer war, wurde in Vinclairs Familie nichts weiter über das Schicksal dieses Familienmitglieds überliefert, das von den Nationalsozialisten im Juli 1944 ermordet wurde. Im letzten Brief, den Vinclair einen Monat vor seiner Hinrichtung nach Hause schrieb, sagte er nichts über das Todesurteil oder darüber, was zu seiner Verurteilung führte.
„Dafür brauchte es Mut und Selbstvertrauen“
Der Osnabrücker Historiker Volker Issmer stieß vor zwanzig Jahren als erster auf die Akten, aus denen sich Vinclairs tragisches Schicksal rekonstruieren lässt. Er schrieb die Bürgermeister der Städte Betton und Hirson an, aus denen Raymond Vinclair und Louis Bertin stammten. Auf seine Anregung wurde der Bahnhofsplatz in Betton nach Raymond Vinclair benannt. Durch Issmers Recherchen wurde ein Verwandter von Raymond Vinclair auf die Geschichte seines Großonkels aufmerksam. In Begleitung seiner deutschen Frau und ihrer Kinder hat der französische Filmemacher Jean-Marie Vinclair seit 2017 versucht, das Leben und Sterben seines Großonkels zu rekonstruieren. Es ist ihm gelungen, eine Liste von 72 Kriegsgefangenen zu erstellen, denen die Flucht aus dem Osnabrücker Lager gelungen ist. Auf der von dem Historiker Christophe Woehrle 2021 konzipierten französischen Website Un réseau d’évasion au coeur du Reich (Ein Fluchtnetzwerk im Herzen des Reiches) finden sich neben vielen weiteren ausführlichen Informationen zum Netzwerk Viel-Bertin-Vinclair Listen mit den Biographen der geretteten Gefangenen.
Die makabre Notiz, dass die Vollstreckung mit der Guillotine von der Vorführung bis zur Vollzugsmeldung im Fall von Vinclair acht Sekunden gedauert habe, wurde zum Titel des Dokumentarfilms 8 Sekunden. Der Film soll „eine Art poetische Antwort auf seine Zeilen sein, stellvertretend für die vielen Opfer“, so der Filmemacher Jean-Marie Vinclair. Er vermutet, „dass Raymond aus Idealismus handelte. Er glaubte an seine politischen Ideen und war engagiert in der Linken. Vielleicht war er aber auch nur ein Humanist, der für seine Vision des Lebens das eigene gab.“ Der Film sei daher auch eine Form der Anerkennung und Würdigung des Widerstandes. „Dafür brauchte es Mut und Selbstvertrauen.“
In der Osnabrücker Gedenkstätte Gestapokeller ist ein weiterer Film von Jean-Marie Vinclair mit dem Titel „Als Verbrechen habe ich es nicht aufgefasst“ zu sehen – ein Zitat von Vinclair aus den Verhören. „Vor dem Hintergrund des Anwachsens von Nationalismus und Extremismus in Europa hofft der Filmemacher auf ein breites Publikum“, schreiben die Arolsen Archives auf ihrer Website.
Der Bahnhofsplatz in seiner Heimatstadt Betton wurde nach Raymond-Vinclair benannt. Es wäre sicher eine gute Idee, auch am Ort seiner Rettungsaktion an ihn zu erinnern, im neuen Lokviertel in Osnabrück, auf dessen Gelände sich Ende 1944 in einem ausgebrannten Schuppen am Güterbahnhof auch die brutale Hinrichtung eines Zwangsarbeiters durch die Gestapo abgespielt hat.