Legendärer Begegnungsraum mit Sport-, Kinderheim- und Theatertradition
Unter Osnabrücks rund 150 Gaststätten befand sich am Blumenhaller Weg eine, die in diesem Jahr stolze 200 Jahre alt geworden wäre: „Die Blumenhalle“ präsentierte ihre Gastronomie nämlich schon seit 1825. Als Alleinstellungsmerkmal besaß das Haus Tradition, die im Verlauf der Geschichte unterschiedlicher nicht sein konnte. Das Spektrum reichte vom Zielort für Familienausflüge, vom Treff für Spieler und Fans des benachbarten Spielvereins von 1916 über die Nutzung als Kinderheim bis hin zur Theaterspielstätte.
Solange die Gaststätte Blumenhalle in Osnabrück bis in die jüngere Vergangenheit hin bestand, war sie stets in beliebter Ort, der für seine gemütliche Atmosphäre und sein vielfältiges Angebot bekannt war. Immer bot sie eine Auswahl an Speisen und Getränken, die sowohl traditionelle als auch moderne Gerichte umfasste. Die Blumenhalle war stets ein Treffpunkt für Einheimische, aber auch für Besuchende, die die entspannte Umgebung genießen wollten.
Ursprünge
Ein ehemals selbständiger Ort Halle und ein dort ansässiger Landbesitzer Blome sollen der Örtlichkeit, damals noch vor den Stadttoren Osnabrücks gelegen, seinen Namen verpasst haben. Die vier Höfe westlich der alten Stadt wurden „Erste“, „Zweite“, „Dritte“ bis „Vierte Blumenhalle“ genannt und beherbergten zunächst sogar unterschiedliche Gastronomien. Schnell verfügte die älteste Gastlichkeit, die „Zweite Blumenhalle“, über eine ausgedehnte Gartenanlage mit einem Sommerpavillon für Tanzmusik und auch Theateraufführungen, Kegelbahn und ein Karussell für die Kleinsten. Einer der ersten Wirte war 1825 Bernhard Thies. Die „Erste Blumenhalle“ mit der Witwe Winkelmann und die „Dritte Blumenhalle“, auch Neuer Wirth oder Thorbecker Blumenhalle genannt, waren zeitweise „Kleinkaffee-Wirtschaften“, wurden allerdings irgendwann zu reinen Wohnzwecken umgebaut. Die „Vierte Blumenhalle oder Achelerkamp war nie als Gastronomie, sondern nur als Bauernhof genutzt worden.
Zwar mied es Osnabrücks vornehme Gesellschaft, in der nun allein existierenden „Vierten Blumenhalle“ einzukehren, doch der Beliebtheit der Gastlichkeit beim einfachen Volk tat dies keinen Abbruch. Hier verkehrten vornehmlich Dienstboten, einfache Soldaten oder schlichte Bürger, die über den Feldweg in der Wüste angekommen ware. Schnatgangfeste der Martinianer Laischaft und sonntägliche Tanzmusik sorgten stets für ausreichend Publikum. 1875 entstand der große Saalbau, der sich die Bremer Zentralhalle zum Vorbild gemacht hatte und reichlich Platz bot. In Zeiten, als aus der um 1850 herum noch bestehenden 12.500-Seelen-Stadt Osnabrück wurde im Zuge der Jahrhundertwende, vor allem infolge der Industriealisierung eine Großstadt, die eine Chance auf großes Publikum in Saalveranstaltungen bot.
Kurzzeitig zum „Bürgergarten“ machte Betreiber Georg Hagedorn die alte Blumenhalle. Auf der ersten Blumenhalle war am 7. August 1907 das letzte Schnatgangfest der Martinianer Laischaft gefeiert worden, was die öffentliche Beachtung des Hauses demonstrierte. Schon 1915 führte der nachfolgende Inhaber Karl Schnitger seinen Betrieb wieder unter dem Traditionsnamen Blumenhalle fort. Die Gastlichkeit offerierte dem Publikum mittlerweile zwei Kegelbahnen – und vor allem den schon erwähnten imposanten Saal für Tanzveranstaltungen und Großereignisse.
Gastlichkeit und Kinderheim
Mit dem Ersten Weltkrieg von 1914 bis 1918 erlebte auch die Blumenhalle einen großen Wandel. Am 1. Juli 1918 ging die Gastlichkeit in den Besitz des Vereins „Evangelische Kinderpflege“ über und wurde zu einem Kinderheim umgerüstet. Die seit 1914 spürbaren Kriegsjahre waren auch im angrenzenden Bereich schon länger spürbar gewesen. Soziale Einrichtungen konzentrieren sich hier: Seit Frühjahr 1914 gab es bereits in der Nachbarschaft am Blumenhaller Weg das Männerheim Martinsburg.
Vom gedeckten Tisch zur Theaterbühne: Eintritt per Holz und Brikett
Seit der Nachkriegszeit entwickelte sich die Blumenhalle allmählich wieder zu alter Bedeutung. Der 1916 gegründete Club Spielverein 16 besaß in der Gastlichkeit eine wichtige Adresse, sobald Training oder Spiele vorbei waren oder Organisatorisches von Funktionsträgern zu erledigen war.
In den Kriegstagen nach 1939 wurden die Gebäude leidlich verschont. Im Gegenteil: Die Baulichkeiten waren plötzlich gefragt! Denn als das Osnabrücker Theater im letzten Weltkrieg ein Opfer des Bombenkrieges geworden war, wuchs das Bedürfnis der Menschen, sich im zerstörten Osnabrück ein wenig Abwechslung zu verschaffen. Unter den wenigen unzerstörten Saalbauten schien die Blumenhalle schnell besonders dazu geeignet, nach dem Kriegsende 1945 zur Ersatzspielstätte zu werden.
Rund fünf Jahre lang, von 1946 bis 1950, dem Jahr der Wiederinbetriebnahme des neu errichteten Theaters, diente der Saal der Blumenhalle als Not-Spielstätte. Das eigentliche Theater war mit dem letzten Großangriff am Palmsonntag 1945 weitgehend nicht mehr nutzbar. Bis auf die Umgänge, das Foyer und ein paar Büroräume war alles zerstört und ausgebrannt.
Somit bahnte sich das Publikum durch die Trümmer der Stadt seinen Weg zur Blumenhalle. Nach der Stunde null war sehr schnell das Verlangen nach kulturellen Angeboten erwacht. Stadthistoriker Jochen Dierks schrieb dazu am 2. Mai 2017 in der Neuen OZ: „Sobald die Menschen wieder ein Dach über dem Kopf hatten und das Lebensnotwendigste geregelt war, suchten sie Trost und Stärkung im Theater oder im Konzert und wollten dort für zwei Stunden ihre Sorgen vergessen. Angesichts der Trümmerwüste und nahezu hoffnungsloser Lebensumstände wurde Kultur zu einem Kraftspender und (Über-)Lebensmittel.“
Theaterfreudige Einzelpersonen und Ludwig Bäte als erster Leiter des städtischen Kulturamts hatten erfolgreich mit der Militärregierung über einen Wiederbeginn des Theatersbetriebs verhandelt. Die Blumenhalle schien am besten geeignet, auch wenn der unzerstörte Festsaal der Gaststätte „ziemlich weit draußen“ am Blumenhaller Weg lag. Militärgouverneur Major Day gab ihn schließlich frei und erteilte die Lizenz für Theateraufführungen. Intendant Hanspeter Rieschel konnte im Februar 1946 mit Shakespeares „Maß für Maß“ die Notspielstätte eröffnen.
Das stärkste Argument für die Blumenhalle als provisorisches Theater bildete die Größe des Festsaals. Denn jener bot Platz für immerhin 600 Menschen. Bereits in der ersten Aufführung nahmen sie auf alten Gartenstühlen des früheren Kaffeegartens Platz. Auf der eher beengten Empore wurden Schauspiel, Oper und Operette dargeboten.
Jochen Dierks hat in seinem NOZ-Beitrag gut recherchiert, was dem Angebot folgte: „Die meisten Aufführungen in der Blumenhalle waren schnell ausverkauft. Wer eine Karte haben wollte, musste im Winter nicht nur Geld dafür auf den Tisch legen, sondern auch ein Brikett. Oder ein Stück Torf oder zwei Stück Holz. Die Theaterleitung sah keinen anderen Weg, da sie nicht genügend Kohle zugeteilt bekam, um den Saal zu heizen. Mit einem kleinen Vers gab sie der Notmaßnahme einen heiteren Anstrich: „Theaterspiel erfordert Schwung / Schwung weckt in dir Begeisterung. / Doch innere Wärme nicht allein – / Es soll auch warm von außen sein. / Drum hilf uns mit, die Kälte enden: / Bring Holz, Briketts, bring Torf als Spenden.“
Nach dem Neuaufbau des Theaters an der Großen Domsfreiheit anno 1950 wurde das Provisorium Blumenhalle nicht mehr benötigt. Die Gastlichkeit stand nun wieder den Tanzschulen Fink und Stiller, den Vereinen wiederum für Bälle, Karnevalssitzungen und Tanzturniere zur Verfügung.
Noch bis zur Mitte der 60er-Jahre hinein lief das Geschäft für Besitzer Friedrich Schnitger auskömmlich. Doch zum 1. September 1965 verpachtete er den großen Saal an die Bremer Tabakfirma Brinkmann, die ihn fortan als Auslieferungslager nutzte. Danach wurde im Saal eine Zwischendecke eingezogen. Unten fanden sich danach Büros und Lagerräume, oben Appartements. Schnitger selbst betrieb die Gaststätte und den kleinen Saal weiterhin gastronomisch. Nachfolger gingen eigene Wege, ehe die Gastlichkeit in jüngster Vergangenheit ihren Betrieb, der noch bis Mitte des letzten Jahrzehnts viel Wertschätzung erfuhr, vor Jahren doch beendete.