Konservative triumphieren mit eigenem Blatt
Am Freitag, dem 13. September 1946, heute vor exakt 80 Jahren, erscheint die letzte Ausgabe der ersten Osnabrücker Rundschau. Nach nur sechseinhalb Monaten darf sie ihre Leser*innen nicht mehr informieren. Platz machen muss die Ur-OR dem neuen, deutlich CDU-ausgerichteten „Neuen Tageblatt“, das sich am 22. Dezember 1950 „Neue Tagespost“ nennen wird. Grund genug für die aktuelle OR-Redaktion, in die Tiefen der eigenen Historie einzusteigen.
Auferstanden aus Ruinen …
Wer die Entwicklung der Osnabrücker Nachkriegspresse verstehen will, muss zunächst zurückblicken: Am 4. April Osnabrück 1945 besetzen britische Truppen die Stadt an der Hase. Osnabrück liegt in Trümmern. Beinahe zwei Drittel aller Gebäude der Stadt, rund 80% der Altstadt-Häuser, sind zerstört. Heimkehrer finden im Schutt der Straßen nur mühsam den Weg zu ehemaligen Wohnstätten. Zur Versorgung tragen „Schwarzmärkte“ bei, auf denen die letzten Habseligkeiten getauscht werden, um zu überleben. „Hamsterfahrten“ zu Landwirten des Umlands sorgen für ein Minimum an Brot, Butter, Fleisch oder Wurst. Weniger als 80.000 Menschen zählen noch zu den „Alt-Osnabrückern“. Rund 10.000 „Displaced Persons“ warten als ehemalige Kriegsgefangene oder Zwangsarbeiter auf die Rückkehr in ihr Heimatland und prägen das Straßenbild. Ebenso wie rund 3.000 deutsche Flüchtlinge und einige Tausend britische Soldaten. Osnabrücker, die den mörderischen Weltenbrand als Frontsoldaten überlebt haben und sich in ferner Kriegsgefangenschaft befinden, kehren erst allmählich wieder in ihre Heimatstadt zurück.
Kurzum: In den ersten Monaten nach der Befreiung gibt es zunächst andere Aufgaben als die Herausgabe von Zeitungen. In den kargen, oft provisorischen Behausungen hocken oft traumatisierte Menschen. „Der Osnabrücker (…) sitzt zu Hause, ohne Rundfunk, ohne Zeitung, ohne elektrisches Licht, ohne Gas, auch der Wasserhahn gibt nicht viel her“, schreibt Stadtschreiber Dr. Hans Glenewinkel in die offizielle städtische Kriegschronik.
Trotzdem wollen die Menschen inmitten der Trümmer ihrer Stadt unbedingt erfahren, was um sie herum geschieht. Deshalb informiert die britische Militärregierung die Bevölkerung seit der Besetzung im April 1945 zunächst allein per Lautsprecherwagen, über Flugblätter und Plakate. Weil es an Papier, Druckerfarbe, aber auch Druckkapazitäten mangelte, ist an mehrseitige Zeitungen aber noch lange nicht zu denken. Die größten Druckereien liegen in Trümmern und können ihre Tätigkeit erst im Lauf des Jahres 1945 unter primitivsten Umständen wieder aufnehmen. Dies waren vor allem das Verlagshaus Fromm (Verleger der vormals katholisch-konservativen Osnabrücker Volkszeitung) sowie das Haus Meinders & Elstermann (zuvor Macher des Osnabrücker Tageblatts). Die Druckerei der Freien Presse, Anfang Februar 1933 von den Nazis verbotene SPD-Tageszeitung, hatten sich die Nazis sofort unter den Nagel gerissen. Der Verbleib der aus SPD-Mitgliederspenden finanzierten Maschinen sollte für immer ungeklärt bleiben.
Zudem müssen etliche Journalisten und Verleger, die sich aktiv im „Tausendjährigen Reich“ betätigt hatten, vor einer weiteren Betätigung auf ihr Verhältnis zum Nationalsozialismus überprüft werden, was viel Zeit beansprucht.
OR-Geburt am 1. März 1946: britische Geburtshelfer und deutsche Schreiber
Aber die Briten sind am Ende doch die entscheidenden Geburtshelfer, um vor Ort endlich wieder eine Zeitung an die Leserinnen und Leser zu bringen. Zuvor aus Oldenburg oder Bielefeld transportierte Blätter konnten an der Hasestadt mit ihrer reichen eigenen Pressetradition nicht überzeugen. Als Name des neuen, von der Militärbehörde herausgegebenen Blattes, wird der historisch unbelastete Titel „Osnabrücker Rundschau“ gewählt.
Diese Suche nach Redakteuren, die mit der örtlichen Situation vertraut sind, gestaltet sich zwar mühsam, ist am Ende aber erfolgreich. Das Blatt kann starten, kann aber aufgrund der Mangellage noch lange keine optimale Informationsquelle präsentieren. Papier ist mehr als knapp, was zu geringen Seitenzahlen und nur wenige Erscheinungstagen führt.
Geringe Seitenzahl und wenige Erscheinungstage prägen dann logischerweise auch die am 1. März 1946 erscheinende „Osnabrücker Rundschau“. Zu haben ist sie jeweils am Dienstag und am Freitag und kostet 20 Pfennige. Gerichtet ist die Neuerscheinung an immerhin 120.000 abnehmende Haushalte in Stadt und Umland. Zusätzlich soll das Blatt sogar auch in der Grafschaft Bentheim, in Meppen, Lingen, Aschendorf-Hümmling, Melle, Wittlage, Bersenbrück und auch Tecklenburg zu haben sein.
Als erfahrenen, nicht durch NS-Vorgeschichte belasteten Verlagsleiter verpflichten die Briten Archilles Markowsky, der lange Jahre beim Berliner Ullstein-Verlag verbracht hatte und für dieses Haus zuletzt in Hamburg tätig gewesen war. Die Journalisten-Runde, die Markowsky um sich herum versammelt, sind politisch bunt und vielfältig: Am Redaktionstisch versammeln sich der Konservative Karl Kühling neben dem damaligen Kommunisten Josef Burgdorf (später ging er zurück in seine vormalige Partei SPD) bis hin zum Sozialdemokraten Hans Wunderlich. Hinzu kommt der legendäre Feuilletonist Bernhard Schulz.
Alle gelernten Zeitungsmacher legen trotzdem einträchtig los und präsentieren Weltnachrichten, Feuilleton, Kommentare und „Buntes“, Lokalberichte, Sport, eine gesonderte Seite „Welt der Frau“ sowie die vielgelesenen Anzeigen.
Nicht beklagen können sich die OR-Macher über mangelnden Zuspruch: Gleich die erste Nummer am 1. März 1946 weist auf der Frontseite die unterschiedlichsten Grußbotschaften auf. Darunter befinden sich der damalige Oberbürgermeister Dr. Kreft, Regierungspräsident Dr. Petermann, Bischof Berning, Superintendent Bünding, Philipp Münz als Vertreter der wieder entstandenen Israelischen Synagogengemeinde, nicht zuletzt örtliche Parteien wie SPD, CDU, KPD und die Niedersächsische Landespartei.
Streit um die Ausrichtung
Die Osnabrücker Rundschau kann sich jedoch nicht kritiklos auf dem regionalen Markt etablieren. Vor allem aus eher konservativen Landkreisgemeinden hagelt es viel Kritik an der inhaltlichen Ausrichtung. Zu wenig kämen, so ein Kommentar, Belange der Landkreisbevölkerung zur Sprache. Aufsehen erregt offenbar auch die Kündigung des Redakteurs Karl Kühling, der viele Jahre später NOZ-Lokalchef und städtischer Senator werden wird. „Da ich“, schreibt er in seinem Lebenslauf, „den Stil dieser Zeitung nicht für gut hielt und dem auch Ausdruck gab, wurde ich nach wenigen Monaten fristlos entlassen.“ 1947 wechselt er zur Volkszeitung nach Celle, die der – deutlich rechts von der CDU angesiedelten – Deutschen Partei nahesteht. 1949 kehrt Kühling, der danach wie viele Parteifreunde zur CDU findet, allerdings wieder dauerhaft nach Osnabrück zurück und wird zusätzlich Autor zahlreicher stadtgeschichtlicher Bücher.
Die Kritik an der Ausrichtung der Rundschau setzt sich auch in der Folgezeit immer heftiger fort. Konservativen Kräften erscheint das Blatt zu SPD-nahe. Überdies wächst der Unwille an Zeitungen, die im Ruf stehen, den Besatzungsmächten hörig zu sein. Hinzu kommt allerdings, dass auch den britischen Besatzern im niedersächsischen Umland sehr daran gelegen ist, dass es zeitgleich mit zahlreichen, landesweit vertriebenen SPD-nahen Blättern nun vor allem solche mit konservativer Ausrichtung gibt. Am Ende setzt sich dieses Bestreben durch. Die Tage der ersten „Osnabrücker Rundschau“ sind gezählt. Am Freitag, dem 13. September erscheint die letzte Nummer. Die Ur-OR hat keine sechseinhalb Monate existiert.
Unbeeinflusst von britischen Kontrolleuren triumphieren jetzt bei den deutschen Akteuren die vorherigen Kritiker: Am Dienstag, dem 17. September 1947 erscheint als Nachfolgezeitung das „Neue Tageblatt“. Das Entscheidende: Neben dem parteilosen Markowsky gesellen sich als neue Lizenzträger zwei aktive Christdemokraten hinzu. Dies sind der zeitweise als Oberbürgermeister amtierende Dr. Adolf Kreft sowie Dr. Josef Kannengießer. Die Umbesetzung hat direkte Folgen für die Ausrichtung der Zeitung, die fortan, später unter dem Namen „Neue Tagespost“, als CDU-nahes Blatt erscheint. Redakteure werden später auch der bekennende CDU-Mann Karl Kühling sowie, der allerdings keineswegs so konservativ wie die Blatt-Linie, Eberhard Schulz.
Von der Osnabrücker zur Nordwestdeutschen Rundschau
Eine in Osnabrück gelesene „Rundschau“ gibt es allerdings weiter: Hans Wunderlich ist mittlerweile seit April 1947 Redakteur der in Wilhelmshaven produzierten „Nordwestdeutschen Rundschau“. Die ist eindeutig sozialdemokratisch ausgerichtet und wartet in Osnabrück mit eigenen Lokalnachrichten auf. Bis in das Jahr 1949 hinein, als – mit Hans Wunderlichs Hilfe als Mitglied des Parlamentarischen Rates – das Grundgesetz beschlossen und verkündet wird, begegnet den älteren Osnabrücker Leser:innen in begrenzter Weise wieder einer parteipolitischen Zeitungslandschaft, die sie noch aus Weimarer Zeiten kennen. Dass Blätter aus der NS-Tradition fehlen, verwundert natürlich niemanden. Erneut glauben Verkäufer oder Zusteller, die politische Ausrichtung der jeweiligen Zeitungskäufer zu erkennen: Lesen sie die „rote“ Nordwestdeutsche Rundschau“ oder lieber das „schwarze“ Neue Tageblatt?
Hans Wunderlich wiederum ist es, der nach seiner gescheiterten Bundestags-Kandidatur 1949 einem Ruf nach Dortmund folgt und dort später zum Chefredakteur einer anderen „Rundschau“, der Westfälischen Rundschau, avanciert.
Bis Ende 1967, dem Gründungsjahr der Neuen Osnabrücker Zeitung als Fusion des Tageblatts mit der Neuen Tagespost, wird die „Freie Presse“ das sozialdemokratische Alternativangebot abgeben. Als sie, die im letzten Halbjahr mit dem Titel „Osnabrücker Presse“ erscheint, eingestellt wird, ist der Weg zur allein und konkurrenzlos angebotenen „NOZ“ bis heute geebnet.













