Alwine Wellmann und Wiebe van der Sluis begeistern mit beherzten Reden gegen den aufkommenden Faschismus
Enge demokratische Zusammenhang im heutigen EUREGIO-Gebiet besitzt eine Geschichte, an die unbedingt erinnert werden muss. Fakt ist: Im Kampf gegen den Faschismus waren viele Deutsche und Niederländer*innen fest vereint. Dass es Alwine Wellmann (1891-1966), Abgeordnete des Preußischen Landtags, für eine Kundgebung Anfang 1932 nach Enschede zieht, zählt deshalb auch im Nachhinein zu den besonders bedeutenden Erlebnissen ihrer Mandatstätigkeit. Die gemeinsame sozialdemokratische Manifestation von Enschede zählt bis heute zu den zentralen Widerstandsaktionen gegen den aufkommenden Faschismus.

Alwine Wellmann: vielgefragte Rednerin betritt niederländisches Podium
Die Osnabrücker SPD-Landtagsabgeordnete, die in der OR bereits einschlägig vorgestellt wurde, ist vor 1933 in ganz Deutschland eine vielgefragte Rednerin auf Demonstrationen und Kundgebungen. Angefordert wird sie vor allem dann, sobald es um das Aufzeigen der Gefahren einer nationalsozialistischen Machtergreifung geht. Denn der aufkommende Nationalsozialismus bleibt in der Endphase der Weimarer Republik das alles beherrschende Thema ihrer agitatorischen Arbeit.
Als Kronzeugin gegen die aufkommende nationalsozialistische Gefahr und für den internationalen Völkerfrieden zieht es Wellmann am 4. September 1932 auch in das niederländische Enschede unweit der Reichsgrenze, wo man sie sprechen hören möchte. Ort des Geschehens ist der De-Ruyter-Platz, niederländisch De Ruyterplein, in der die Bisschopstraat einmündet. Heute heißt der Ort Ariënsplein. Der Name des Platzes wurde seit 1979 offiziell geändert.
Besonders angetan sind auch die holländischen Parteianhängerinnen und -anhänger, die Wellmann das erste Mal erleben. Vorgeschaltet ist der Ansprache eine gemeinsame Demonstration deutscher und niederländischer Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten.
Enschede: Heimat einer starken Sozialdemokratie
Enschede, damals Hochburg der niederländischen Textilindustrie, beheimatet zum Zeitpunkt der Kundgebung eine besonders starke SDAP. Seit den Stadtratswahlen vom 17. Juni 1931 ist die SPD-Schwesterpartei in Enschede mit rund 30% der Stimmen sehr stark vertreten.
Von Nationalsozialisten ist zu diesem Zeitpunkt nicht nur in Enschede fast nichts zu merken. Am 15. Mai des Folgejahres, die deutschen Nazis regieren bereits dreieinhalb Monate lang, wird die offizielle NS-Ortsgruppe „Kring Enschede“ gegründet werden. Die Gründungsversammlung in der Groote Sociëteit in Enschede wird allerdings von wütenden Arbeitern gestürmt. Selbst seitdem die Unterstützung zunimmt, werden die niederländischen Nazis bei nationalen Wahlen nie mehr als zwischen 4% und 8% erhalten.
Völkerverbindende Manifestation
Die völkerverbindende Manifestation findet vor beachtlichen 13.000 Teilnehmenden statt.[1] Das Motto der Kundgebung lautet „Gegen Krieg und Faschismus“. Im Europa jener Zeit benutzt die gesamte Linke den Begriff des Faschismus als Sammelbegriff, um die unterschiedlichen Spielarten nationalistischer Diktaturen mitsamt ihren militaristischen Massenbewegungen mit einem zentralen Begriff zu definieren. Beispiele, auf die der Begriff seitens der Linken trotz aller nationalen Besonderheiten schon 1933 angewandt wird, sind neben Italien, wo Mussolini 1923 putschte, seit 1926 auch Portugal sowie auch das vom ehemaligen Admiral Horthy mit eiserner Hand regierte Ungarn.
Im Volkshuis der Enscheder Sozialdemokratie herrscht ein reges Kommen und Gehen. Das Haus findet sich am Noorderhagen 54 und dient der Enscheder Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) sowie den angeschlossenen freien Gewerkschaften (NVV) als zentrales Versammlungs- und Kulturhaus.
200 Menschen aus Osnabrück
Die Verwendung eines international anzuwendenden Kampfbegriffs mobilisiert auch im niederländischen Enschede erfolgreich: Allein aus Osnabrück sind mindestens 200, meist junge Sozialistinnen und Sozialisten, darunter ein Fanfarenchor der Sozialistischen Arbeiterjugend und Menschen mit Trommel wie Pfeife der Osnabrücker Arbeitersportler*innen angereist. Transportmittel für die Hollandfahrenden sind rumpelnde, aber kostengünstige Lastkraftwagen sowie eigene Fahrräder für diejenigen, die sich nicht zu schade sind, für ihre Sache kräftig in die Pedale zu treten.

Weitere deutsche Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten stammen aus der erweiterten Region wie solche aus Bramsche, Schüttorf und Nordhorn. Aber auch die Teilnahmezahl von Genossinnen und Genossen aus Westfalen ist beeindruckend. Folgt man einem (unten faksimilierten) Bericht der in Dortmund angesiedelten SPD-Tageszeitung „Westfälische Allgemeine Volks-Zeitung“ (WAVZ), sind auch sozialistische Delegationen aus Burgsteinfurt, Rheine, Gronau, Bochum, Hamm, Dortmund, Bottrop, Hüls und Ahlen dabei.
Die niederländischen Genoss*innen schwenken wie ihre deutschen die seinerzeit üblichen roten Fahnen mit drei Pfeilen, welche in Deutschland die SPD-nahe Schutzformation „Eiserne Front“ präsentieren. Diese wiederum ist ein antifaschistischer Zusammenschluss von Gewerkschaftern, Arbeitersportler*innen und der republikanischen Wehrorganisation Reichsbanner. Angehörige der niederländischen Schwesterpartei sorgen als gute Gastgebende dafür, dass die Deutschen die Spitze des Demonstrationszuges bilden dürfen. Alle werden dabei immer wieder eifrig beklatscht und mit Solidaritätsrufen begleitet.
Die Veranstaltenden lassen Alwine Wellmann gleich nach den Begrüßungsworten des regionalen Gewerkschaftsvorsitzenden sprechen. Die Osnabrücker SPD-Tageszeitung Freie Presse ist natürlich auch mit einem schreibenden Redakteur vertreten. Der wiederum fasst Wellmanns Auftritt in der Ausgabe vom 5. September wie folgt zusammen:
Dann trat Genossin Alwine Wellmann an das Mikrophon (…). Von brausendem Beifall empfangen, wies sie auf die Gefahren hin, die der Arbeiterklasse von einem kommenden Kriege und vom Faschismus drohen, und zeigte die Wege auf, die die deutsche Arbeiterklasse zur Bekämpfung dieser Gefahren eingeschlagen hat.

Der Auftritt Alwine Wellmanns bleibt nicht nur ihren mitgereisten deutschen Genossinnen und Genossen in bleibender Erinnerung. Die WAVZ entnimmt Wellmanns Rede diese Passage:
Genossin Wellmann verwies darauf, dass viele den Weltkrieg vergessen hätten. Das internationale Proletariat aber werde ihn nie vergessen, und das internationale Proletariat werde auch Europa nicht untergehen lassen. Die deutsche Arbeiterbewegung führe einen mutigen Kampf gegen den Faschismus, der der Feind der Freiheit, aber nicht der Feind des Krieges ist. Das Proletariat fordere Abrüstung und nicht Aufrüstung …“
Aber auch die andere Ansprache begeistert. Redner ist hier der niederländische Sozialdemokrat Wiebe van der Sluis(1881–1963). Der 1881 in Friesland geborene Bauernsohn ist ein bedeutender niederländischer Politiker der Sociaal-Democratische Arbeiderspartij (SDAP). Der Agrarexperte vertritt seine Partei seit 1925 in der Zweiten Kammer des niederländischen Parlaments. Jene Tweede Kamer der Niederländischen Generalstaaten ist, ähnlich wie das britische Unterhaus, das politisch tonangebende und mächtigste Gesetzgebungsorgan des Landes und – im Gegensatz zur royalen Ersten Kammer – das direkt vom Volk gewählte Unterhaus.
Als Ausnahmeerscheinung ist Wiebe van der Sluis schon seit 1926 Bürgermeister im benachbarten Goor und dadurch einer der ersten sozialistischen Bürgermeister in der Geschichte der Niederlande. Der entschiedene Abstinent ist als begeisternder Redner bekannt. Sein wichtigster Kampf gilt Militarismus und Faschismus- weshalb die WAVZ besonders die darauf bezogene Redepassage des Niederländers weitergibt:
Genosse van der Sluis kennzeichnete die grenzenlose Wirtschaftskrise und folgerte daraus, dass diese Krise den Faschismus und Kommunismus gebäre. Der Militarismus müsse vernichtet werden.
Ungebrochen ist der Wille, über Staatsgrenzen hinaus aktiv gegen den aufkommenden Faschismus zu kämpfen. Dass zum Zeitpunkt der Kundgebung nur noch knapp fünf Monate ins Land gehen sollen, bis den Nationalsozialisten die totalitäre Macht über das Deutsche Reich übertragen wird, ahnt in Enschede noch niemand.
Alwine Wellmann selbst, die stets couragiert selbst NSDAP-Versammlungen besucht hatte, um dort für Republik und Sozialdemokratie zu kämpfen, wird noch 1933 nach einem Besuch in den Niederlanden verhaftet, verhört und gedemütigt werden. Am Ende wird sie zu einer befreundeten Familie in Bulgarien flüchten müssen, wobei sie bis Kriegsende von der Gestapo im NS-verbundenen Land penibel beäugt werden wird. Ab 1950 wird sie in Osnabrück bei der dortigen Bezirksregierung Vertrauensfrau für politisch Verfolgte der NS-Zeit – ehe Kräfte der Vergangenheit dafür sorgen werden, dass ihre Funktion ersatzlos abgeschafft wird.
[1] Vgl. im „Für Frieden und Freiheit“, Freie Presse vom 5. September 1932













