Wie die NOZ mal wieder Deutschlands Niedergang erklärt

Spezialökonom Michael Clasen bereitet die uralte Arie der angeblichen „Macht von Gewerkschaft und Politik“ wieder auf

Dass es mit Deutschland stramm bergab geht, behauptet AfD-Chefin Alice Weidel bei jeder passenden wie unpassenden Gelegenheit. Die in der CDU-Bundestagsfraktion mächtige „Mittelstandsvereinigung“ malt ein ähnliches Bild. Die Krisenerklärungen münden in der ewig gleichen Trinität von zu viel Bürokratie, zu hohen Steuern und Sozialausgaben. Peinlich für die CDU-Mittelständler nur, dass dies alles auch unter Beteiligung oder gar Führung der CDU geschah. Aber das war der ökonomische Betriebsunfall Merkel, jetzt ist es Merz.

Die Arie vom freien Fall des Wohlstandes durch das deutsche Erfolgsprojekt der „sozialen Marktwirtschaft“ wegen zu hoher Sozialausgaben findet ihre Ergänzung in der Krise des Flaggschiffs des deutschen Exportmodells, der Automobilindustrie. Der Weltkonzern VW plant einen Abbau von 100.000 Arbeitsplätzen (nicht nur) in Deutschland. Für den meinungsstarken Spezialökonomen Michael Clasen von der NOZ ist diese Ankündigung „Sinnbild für Deutschlands Niedergang“.

Und Clasen hat dafür auch eine Erklärung parat. Die findet er auch im VW-Konzern, sogar in dessen Führung. Aber nicht in deren Verantwortung für teure Betrugsskandale, die längst dem Vergessen anheimgefallen sind. Ursache des mangelhaften „Innovationstempos“ ist für Clasen die „Macht von Gewerkschaft und Politik“ im Konzern. Wir fragen diesen Meinungsmacher lieber nicht, wie er sich dann erklärt, dass auf dieser ruinösen Basis VW überhaupt zum Weltkonzern werden konnte oder andere Konzerne in vergleichbare Krisen geraten, die nicht unter solchen Lasten wie gewerkschaftlicher Mitbestimmung leiden.

Immerhin stellt er aber auch fest, dass der „Goldstandard“ der Automobilherstellung von Deutschland nach China abgewandert ist und sich die Zukunft dieses Gefährts nicht mehr um Verbrenner- oder Elektromotoren dreht. Heute geht es beim Auto der Zukunft um künstliche Intelligenz und Batterien. Und hier hat der Chinese nun die Nase vorn.

Das liegt nicht nur an den systemwidrigen Wettbewerbsvorteilen, die der chinesische Staatskapitalismus bietet, sondern nach Clasen an einer „völlig verfehlten Industriepolitik in Deutschland“. Im Falle der Automobilindustrie könnte man ihm sogar zustimmen, denn was hier verschlafen wurde, findet man in der Missachtung der von China gesetzten Fakten in Sachen Elektromobilität. Hierzulande klammerte man sich unter dem Label der „Technologieoffenheit“ an den Erhalt des Verbrenners. Damit geriet die deutsche Automobilindustrie für ihren Weltexport in die Defensive, was sich nun rächt, denn die Entwicklung in die E-Mobilität droht eine Umkehrung der Verhältnisse einzuleiten. Künftig geht die Kompetenz der technologischen Entwicklung nach China – und in Deutschland bleiben vielleicht noch ein paar Werkbänke als Ableger chinesischer Weltmarktführer.

Aber nicht nur für die Automobilbranche ist die Energiefrage von zentraler Bedeutung. In dem Maße, wie der Welthandel politisiert und Energie zur politischen Waffe wird, ist Deutschlands Energieabhängigkeit von Importen eine zentrale Frage der ökonomischen Zukunft. Damit rückt die Frage, wie man von äußerer Energieabhängigkeit unabhängiger wird, ins Zentrum. Energieträger jenseits der fossilen Basis werden nicht nur aus ökologischen Gründen überlebenswichtig.

Dabei erfordert gerade Clasens Hinweis auf die (hohen) Energiepreise in Deutschland als Wettbewerbsnachteil eigentlich einen ganz anderen Blick auf die Krisendimension. Auf welches Energiesystem soll Deutschland angesichts der globalen politischen Ordnungskrise, die sich zu einem nicht unwesentlichen Teil auch um die Energiefrage dreht, setzen und was bedeutet das für die Tragfähigkeit des Geschäftsmodells „Exportweltmeister“? Aber diese Frage stellt sich in seinem vorgegebenen Repertoire an Antworten nicht. Nach den jüngsten Erfahrungen mit dem Irankrieg ist jedenfalls die Flucht in die fossile Energiewelt nicht nur aus ökologischen Gründen ein ungewisser und schlechter Weg.

Der für Deutschlands ökonomische Struktur, die sich im Vergleich mit anderen hochentwickelten Volkswirtschaften immer noch durch hohen Anteil an Industrieproduktion auszeichnet, so lebenswichtige Weltfreihandel steht politisch unter Beschuss. Das hat sich mit der Zollpolitik Trumps noch verschärft. Ob das zugleich das Ende der „Globalisierung“ ist, lassen wir hier offen. Der Verweis darauf, dass Deutschlands Mittelstand mit ca. 1600 Unternehmen, den sogenannten „Hidden Champions“, Führung am Weltmarkt vorweisen kann, berechtigt zum Stolz.

Es handelt sich dabei überwiegend um Produkte mit Alleinstellungsmerkmalen, die kaum jemand kennt, Es sind in der Regel keine Konsumgüter, sondern dienen in vielfältiger Form als Produkte oder Dienstleistungen der Produktion der Unternehmen. (Weidenfeld 2026, S. 15) Aber diese Erfolge ändern nichts an der Tatsache, dass der Autoexport das Rückgrat des deutschen Exportmodells ist und für die zum Teil riesigen Überschüsse in der Handelsbilanz von bis zu acht Prozent des Bruttoinlandsproduktes vor der Corona-Pandemie sorgte. (Hesse 2026, S. 21)

Was Deutschlands Krise ausmacht, ist mit der ewigen Wiederholung von Gründen wie Bürokratie, zu viel Sozialausgaben und zu hohe Steuern weder hinreichend beschrieben noch erfasst und schon gar nicht mit Weisheiten, dass Wohlstand erst erarbeitet werden muss, bevor er verteilt werden kann. Fragen, wer den Wohlstand eigentlich schafft und dann von ihm profitiert, erschöpft sich nicht mit dem Verweis auf Sozialausgaben als Kostenfaktor. Die Frage wäre zumindest, warum sind sie überhaupt erforderlich? Doch damit ist man schon bei der „sozialen Gerechtigkeit“, die vielleicht ein größeres gesellschaftliches und politisches Problem ist, als die Marktwirtschaftler es gern hätten.

Um die relevanten Probleme zu lösen, bedarf es intensiverer Krisenanalysen, als sattsam bekannte und primär interessegeleiteter Wiederaufbereitungsverfahren von Antworten, die den Herausforderungen nicht gerecht werden.

 

Zitierte Literatur:

  • Hesse, Jan-Otmar: Made in Germana und die deutsche Exportwirtschaft, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 76. Jg. 27-28/2026, S.16-21
  • Weidenfeld, Ursula: Made in Germany: Eine Bestandaufnahme. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 76. Jg. 27-28/2026, S. 10-15
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