Jeder Vierzehnte arbeitet wöchentlich fast 50 Stunden. 650.000 Teilzeitjobber*innen möchten Vollzeitstellen
Bundeskanzler Friedrich Merz beschimpft Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer immer wieder gern als Menschen, die im europäischen Vergleich auf der faulen Haut liegen. Millionen von Menschen nachgesagte „Lifestyle-Teilzeit“ ist dem Kanzler ein Grauen. Legt man sachlich ermittelte Zahlen zugrunde, ist dies alles hanebüchener Unsinn. Deutsche Vollzeitbeschäftigte arbeiten nämlich im Schnitt 40,2 Stunden pro Woche. Damit liegen sie nahezu exakt im Mittelfeld der EU, deren Mitgliedsstaaten im Schnitt auf etwa 40,3 Wochenstunden kommen.
Falls man Merz zugute halten möchte, dass im Lande zu viel Teilzeit gearbeitet würde und dies die Statistik versemmelt, stimmt dies tatsächlich – aber bedingt. In der Tat: Sobald man alle Erwerbstätigen betrachtet, liegt Deutschland mit durchschnittlich knapp über 34 Wochenstunden pro Kopf im hinteren Drittel Westeuropas. Nur: 650.000 Teilzeitbeschäftigte würden liebend gern Vollzeit arbeiten. Sie finden schlichtweg keinen Fulltime-Job. Ob Merz da Ideen hat?
Fast 5 % der Teilzeitbeschäftigten werkeln unfreiwillig in Teilzeit – und würden viel lieber mehr arbeiten. Umgekehrt sind etliche Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer überlastet. Im Jahr 2025 arbeiteten 7,1 % der rund 30 Millionen Vollzeiterwerbstätigen gewöhnlich 49 Stunden und mehr pro Woche. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) weiter mitteilt, waren dies vor allem Selbstständige mit Beschäftigten (44,5 %) und Solo-Selbstständige (23,0 %). 4,1 % aller vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer arbeiten so viele Stunden. Im Durchschnitt arbeiteten Vollzeiterwerbstätige im vergangenen Jahr 40,2 Stunden in der Woche.
Gewerkschaftliche Studien ermitteln darüber hinaus unzählige unbezahlte Überstunden. In Deutschland wurden 2024 danach insgesamt rund 638 Millionen unbezahlte Überstunden geleistet. Dies entspricht mehr als der Hälfte (rund 53,6 %) aller geleisteten Mehrarbeitsstunden. Laut dem Statistischen Bundesamt (Destatis) leistet fast jede fünfte Person (19 %) mit Mehrarbeit unbezahlte Überstunden.
Nur knapp ein Drittel der Führungskräfte sind Frauen
Frauen sind in Führungspositionen weiter stark unterrepräsentiert. Strukturelle Hürden, veraltete Rollenbilder und unbewusste Vorurteile machen den Aufstieg schwer. Der Mangel an flexiblen Arbeitsmodellen und die ungleiche Verteilung der Familienarbeit zwingen Frauen häufiger in Teilzeit, während Männer oft von Netzwerken profitieren. Der Frauenanteil an Führungspositionen lag mit 30,3 % im Jahr 2025 deutlich niedriger als der Frauenanteil an allen Erwerbstätigen von 47,1 %.
Auch wenn sich heute mehr Frauen in Führungspositionen befinden als noch vor über 30 Jahren (1992: 25,8 %), waren 2025 immer noch knapp sieben von zehn Führungskräften männlich. Viele Entscheidungsprozesse in Unternehmen sind von Vorurteilen geprägt. Männern werden oft intuitiv mehr Führungskompetenzen zugeschrieben als Frauen. Weil bestehende Vorstände und Führungsebenen allein schon geschichtlich männerbeherrscht sind, fehlen Frauen oftmals der Zugang zu geeigneten Seilschaften und weiblichen Kontaktpersonen, die Türen öffnen. Viele Unternehmen investieren überdies oft noch zu wenig in gezielte Förderprogramme.
Lange Arbeitstage von Selbständigen
30,8 % der Selbstständigen mit Beschäftigten haben 2025 regelmäßig zwischen 18 und 23 Uhr gearbeitet. Bei den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern war es gut jede siebte Person (13,4 %). Bei der Nachtarbeit von 23 bis 6 Uhr war das Verhältnis allerdings ausgeglichen. Nur 4,2 % der Selbstständigen mit Beschäftigten und 4,3 % der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verrichten ihre Arbeit nachts.
Jeder zwanzigste Beschäftigte arbeitet unfreiwillig in Teilzeit
Oft scheint Teilzeitarbeit für Jüngere oder für Menschen, die Familienarbeit leisten, attraktiv. Doch Vorsicht! Teilzeitarbeit hat handfeste Nachteile. Der größte ist das geringere Gehalt, weil Lohn sowie Sonderzahlungen gewöhnlich anteilig gekürzt werden. Daraus folgern weniger Rentenpunkte und ein höheres Risiko für Altersarmut. Zudem drohen oft schlechtere Karrierechancen, auch für spätere Jahre. Fast 5 % aller gut 13 Millionen Teilzeiterwerbstätigen betrachteten 2025 die Teilzeitarbeit als Notlösung. Sie gaben als Grund für ihre Teilzeittätigkeit an, keine Vollzeitstelle gefunden zu haben. 2025 waren 6,5 % der teilzeitbeschäftigten Männer und 4,3 % der Frauen auf der Suche nach einem Vollzeitjob. Würde man den Appell des Bundeskanzlers an alle, gefälligst mehr zu arbeiten, im Teilzeitbereich umsetzen können, würden allein hier 650.000 neue Jobs entstehen.
Fast jeder vierzehnte Arbeitsvertrag ist befristet
Im Zuge neoliberaler Arbeitsmarktveränderungen wird es zunehmend leichter, Jobs zu befristen. Ein Stressfaktor ist dabei die Unsicherheit über die berufliche Zukunft, die unter anderem mit der Befristung von Arbeitsverträgen zusammenhängt. 2025 waren in Deutschland 7,2 % der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ab 25 Jahren befristet beschäftigt. Die meisten der befristet Beschäftigten (52,4 %) besaßen einen Arbeitsvertrag mit einer Laufzeit von weniger als einem Jahr. Bei 21,3 % der Befragten betrug die Befristung ein bis unter zwei Jahre, bei weiteren 14,7 % zwei bis unter drei Jahre. 11,6 % gaben an, einen Vertrag mit einer Laufzeit von mehr als drei Jahren zu besitzen. Gewerkschaften warne unverdrossen, befristete Arbeitsverträge, wie aktuell von der Bundesregierung geplant, vereinfachter zu befristen. Denn ein befristeter Job bringt vor allem finanzielle Unsicherheit, schwierige Lebensplanung und ein automatisches Ende ohne Kündigungsschutz mit sich.
41 % der Beschäftigten werkeln seit mindestens zehn Jahren auf demselben Arbeitsplatz
Vorbei sind die Zeiten, in denen von nahezu allen vom Berufseinstieg bis zum Ruhestand bei einem einzigen Arbeitgeber gearbeitet wird. Dennoch trifft es noch für beachtlich viele zu. Dies besitzt einen großen Vorteil: Wer sich in seinem Arbeitsumfeld wohlfühlt, ist weniger geneigt, den Job zu wechseln. Insofern ist die Dauer der Beschäftigung beim aktuellen Arbeitsgeber ein Hinweis für die Zufriedenheit von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern.
2025 waren 41,3 % der Erwerbstätigen ab 25 Jahren seit mindestens zehn Jahren bei ihrem Arbeitgeber beschäftigt. 20,1 % arbeiteten seit fünf bis zehn Jahren am gleichen Arbeitsplatz und eine Beschäftigungsdauer von weniger als fünf Jahren gaben mehr als ein Drittel (38,6 %) an. Darum gilt die Warnung, befristete Arbeitsverhältnisse einzugehen: Sie bieten auf den ersten Blick Flexibilität. Unbefristete Verträge gewährleisten aber mehr Sicherheit. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sollten deshalb penibel darauf achten, welche Kündigungsfristen in Ihrem Vertrag stehen und ob eine Verlängerung rechtlich zulässig ist.














