Wieso mir beim Vorlesen eines Märchens ausgerechnet Jens Spahn in den Sinn kam
„Auf Liegende tritt man nicht!“ Mit diesem Vorsatz werden Menschen geschützt, die bereits genug „gebüßt“ haben. Das gilt natürlich genauso für den vormaligen Vorsitzenden der CDU-Bundestagsfraktion, Jens Spahn. Ja, er hat mit seinem Rücktritt „gebüßt“. Spahns gewinnbringenden Immobilienprojekte oder Milliardenversluste infolge seiner fragwürdigen Deals mit Maskenfirmen in der Corona-Krise blieben bislang allerdings völlig „unbereut“. Vor allem blieben sie „unverziehen“ – obwohl Spahn im April 2020, mitten in der Corona-Krise, gesagt hat: „Wir werden einander viel verzeihen müssen.“ Zumal ich nicht zu denen zähle, die Jens Spahn jemals verzeihen konnten, habe ich alles, unten folgend, in einem umgeschriebenen Märchen verarbeitet. Ungewöhnlich, aber egal.
Sachliche Vorbemerkung zu einem märchenhaften Thema
Erinnern wir uns heute noch einmal kurz, worum es bei Spahn eigentlich ging: Anlass für seine Demission bildete eine heftige Debatte um die Geburt seines Sohnes über eine sogenannte Leihmutter in den USA. Da Spahn und die CDU eine solche Leihmutterschaft – die in Deutschland illegal ist – zuvor strikt abgelehnt hatten, geriet er wegen dieses Widerspruchs massiv in die Kritik. Am Ende verlor er zu Recht den Rückhalt in den eigenen Reihen. Der Weg , den Spahn mit seinem Mann wählte, hatte zuvor offenbar zu einer Vermittlungsagentur geführt. Die hat sich darauf spezialisiert, Leihmütter im Ausland zu organisieren. In den USA werden dafür Preise von um die 150.000 Euro aufgerufen. Man wiederhole: 150.000 Dollar kostet dort ein kleiner Mensch. Der reiche Jens Spahn konnte sich ihn also kaufen.
Laut WDR kommen Leihmütter für deutsche Paare besonders häufig aus der Ukraine und den USA. In den Vereinigten Staaten ist das Modell etabliert. Schwule Paare nutzen es, aber auch viele wohlhabende Eltern oder Promis – darunter Paris Hilton, Alec Baldwin, Nicole Kidman oder Sarah Jessica Parker. So weit, so gut – oder auch nicht. Ob man solch ein System in Deutschland gegen den CDU-CSU-Widerstand etabliert, muss sachlich diskutiert und sollte in Zukunft durchaus entschieden werden. Nicht zuletzt auch, was wichtig wäre, um auch weniger betuchten schwulen Paaren eine legale Elternschaft zu ermöglichen. Tonangebender Aspekt sollte dabei aber vor allem die Entscheidung der jeweiligen Frau selbst sein, nicht die besserwissender Männer oder kluger Politiker und Juristen. Nichtstun seitens der Gesetzgebung oder Verweigerungshaltungen helfen hier also nicht weiter.
Aber darum soll es hier ausdrücklich nicht gehen!
„Erleuchtung“ beim Vorlesen aus dem Märchenbuch: Warum eine weitere Grimm-Legende auf den Müllhaufen der Geschichte gehört
Mir selbst lag seit vielen Wochen ein ganz anderes Thema auf der Seele. Mir kam es wie eine „Erleuchtung“, nachdem ich meiner Enkelin soeben pathetisch und empathisch das Grimm’sche Märchen von „Rumpelstilzchen“ vorgelesen hatte. Also das über jenen bedauernswerten Zwerg, der einer Müllerstochter gegen die Gabe ihres Kindes an ihn Kammern voller Gold und den Titel einer Königin verschafft hatte – und dennoch, die Abmachung einfordernd, tragisch mit dem eigenen Tode für dieses Geschäft bestraft wurde.
Die Gebrüder Grimm mussten sich posthum mittlerweile ohnehin daran gewöhnen, dass viele ihrer permanent aufgebauten Feindbilder sich mittlerweile in „normale“ Mitglieder der menschlichen Gesellschaft umgewandelt haben. Der „böse“ Wolf genießt längst viel mehr Schutz als „liebe“ Hasen, Wildschweine, Rehe oder Hirsche. Angeblich finstere „Stiefmütter“ können ebenso lieb und fürsorgend sein wie „leibliche“ Mütter. Und „Hexen“ sind spätestens seit Bibi Blocksberg soziale Gesellschaftsglieder mit echten Hilfs- und Fürsorgequalitäten.
Ich meine: Endlich müssen jetzt auch angeblich böse Zwerge wie Rumpelstilzchen dran sein! Über Jahrhunderte galt der kleine Kerl als böser Bunkel. Dabei hat er sich weit ehrenvoller geschlagen als, ja, jetzt kommt es: Jens Spahn!
Kurzum: Ich habe mir stur erlaubt, das Märchen der Gebrüder Grimm zeitgemäß umzuschreiben. Der Dank für diese Idee gilt allein Jens Spahn.
Jens Rumpelstilzchen
Neuschreibung eines Märchens der Brüder Grimm zur Rehabilitierung eines kleinwüchsigen Mitmenschen, der wahren Reichtum für eine Leihmutter ausgab
Es war einmal eine arme Frau in der Vereinigten Staaten. Da ihr wahrer Name nicht bekannt werden soll, werden wir sie fortan Jenny nennen. Jenny war arm und brauchte Geld, um sich täglich ein warmes Süppchen zu kochen und wärmende Kleidung leisten zu können. Von einem Herbergsvater hörte sie, dass dieser einen reichen Gast aus dem fernen Deutschland habe, der ihr bestimmt helfen könnte.

Sofort eilte die arme Frau in die Herberge, um den reichen Mann mit einer geheimnisvollen Brille und stechendem Blick zu treffen. Der empfing sie auch sehr großmütig und verwies sie auf seinen ihm zur Seite sitzenden Gatten, der lächelte und meistens schwieg. „Mein Name tut nichts zur Sache. Den sollst du nicht erfahren“, sagte der Fremde. „Ja, ich kann dir aber helfen, aus deiner Armut heraus zu finden.“
„Oh edler Herr“, antwortete die arme Jenny. „Was darf ich tun, damit ich mich deiner Hilfe erfreuen darf?“ Der großmütig auftretende Jens lächelte, lehnte sich zurück, nickte seinem Gatten zu, schaute Jenny in die Augen und sprach: „Kannst du dir vorstellen, in neun Monaten ein Kind zu gebären?“
„Welch ein Glück“, antwortete Jenny. „Ich liebe Kinder. Doch ich habe keinen Mann und auch kein Geld, um ein Kind zu gebären und aufzuziehen.“ Tränen rollten über ihre Wangen. „Ich weiß einen Weg, dass du ein Kind ohne Ehemann gebären und trotzdem viel Geld bekommen kannst“, sprach der Fremde, lehnte sich zurück und starrte die traurige Jenny mit hervorstechenden Augen durch seine Brille an. Dann schwieg er. Nur sein Gatte nickte fortwährend mit dem Kopf und lächelte Jenny in ihre traurigen Augen. Als er dem Fremden mit der geheimnisvollen Brille die Worte „Das läuft doch gut, Jens!“ zuflüsterte, konnte die arme Frau dies nicht hören.
Jenny schluckte. Sie schüttelte ihr verzerrtes Gesicht, fasste sich Mut und fragte nach: „Was soll ich denn tun, um ein Kind und viel Geld zu bekommen? Wie soll das beides klappen?“ Der Fremde, der also Jens hieß, beugte sich vor, fasste Jenny am linken Arm, zog sie an sich heran und flüsterte ihr vernehmlich ins Ohr: „Merke es Dir! Ich gebe dir gleich ein winziges helles Zauberfläschchen mit. Damit gehst Du zu Dr. Rybach in das Krankenhaus gegenüber, zweiter Stock. Dann lässt du dich von ihm behandeln, er weiß Bescheid und kennt uns. Wenn du nach Hause gehst, wirst du schwanger sein. Ich gebe dir schon mal dieses Säckchen voller Dollar, damit dir in den nächsten Monaten geholfen ist und du dir viele warme Süppchen kochen kannst.“
Jenny steckte das kleine helle Fläschchen in ihre Handtasche, fasste danach an den Dollarsack und strahlte. Jens hielt den Sack allerdings noch mit einer Hand fest, so dass Jenny ihn noch nicht gemeinsam mit dem kleinen Fläschchen in ihre große Handtasche verstauen konnte. „Oh. edler Fremder, wie wunderbar und mildtätig du bist! Ich werde ein Kind bekommen und außerdem noch viel Geld bekommen, um mir danach täglich ein warmes Süppchen zu kochen. Darf ich den Namen meines großen Wohltäters mit der geheimnisvollen großen Brille wissen?“
Jens lächelte unbeirrt, während sein Gatte ein wenig die Augen verzog. „Unsere Namen tun absolut nichts zur Sache. Aber dir soll geholfen werden. Auch in meiner Heimat bin ich als mildtätiger Mensch bekannt, mehr musst du nicht wissen“, flüsterte der Fremde. Dann schwieg er und schaute zu Boden. Sein Gatte blickte minutenlang unter die Decke.
Jenny schluckte mehrmals. In ihr kam Unsicherheit hoch, was zu tun sei. Noch hielt Jens seinen Geldsack fest. Nur einmal hob er ihn hoch, schüttelte ihn so laut, dass Jenny die Dollarscheine knistern hören konnten und donnerte alles wieder auf den Tisch. „Bekomme ich nun das Geld, das du mir eben versprochen hast?“, fragte Jenny leise und schluckend, wobei sie ihre Augen sehnsüchtig aufriss.
Jens legte den Arm und seinen Gatten und schwieg zunächst weiter. Beide starrten Jenny minutenlang an. Dann räusperte Jens sich kurz, hob den Dollarsack hoch und sagte: „Du weißt, liebe Jenny, das Leben ist ein Geben und Nehmen. Du nimmst dir gleich dieses Geld – und musst uns nur ein einziges kleines Versprechen geben.“ Dann schwieg er wieder, während sein Gatte wie verschämt zu Boden schaute.
Jetzt konnte Jenny ihrer Ungeduld nicht Herr werden und sprach: „Bitte, gebt mir das Geld. Ich werde alles, was ich vermag, für dich und euch beide tun, damit ich das Geld behalten kann. Ich brauche es doch so dringend.“ Auf diesem Moment hatte Jens, wie auch sein Gatte, gewartet: „Nun denn. Wir freuen uns sehr darüber, dass du auch uns helfen möchtest. Ich fasse mich darum kurz und sage es ehrlich zu dir: Wir geben dir 150.000 Dollar. Viel Geld, wie du weißt. Und dafür dürfen wir in genau neun Monaten dein gerade geborenes Kind mit in unsere Heimat nehmen.“
Als Jens dies gesagt hatte, trat eine lange Stille ein. Dicke Tränen quollen Jenny aus ihren Augen. Sie konnte kaum noch sprechen. Die Wartezeit schien endlos zu dauern. Ein leises „Ja“ entfuhr Jenny schließlich aus ihrem fast geschlossenen Mund. Auf dieses „Ja!“ hatten Jens und sein Gatte gewartet. Sie wiederholten das „Ja!“ jetzt laut im Duo. Beide sprangen auf und umarmten plötzlich die völlig überraschte Jenny. Dann schoben sie die Verdutzte lautlos, aber bestimmt zur Tür, drückten ihr den Dollarsack in die Hand und schlossen den Eingang ihres Herbergszimmers, sobald ihr Gast draußen war.
Neun Monate vergingen.
Jenny erlebte eine zuweilen schmerzvolle Schwangerschaft. Aber sie blieb gesund. Jeden Tag verzehrte sie von Jens‘ Geld ein warmes Süppchen und konnte sich sogar noch neue Kleidung und andere Mahlzeiten als warme Süppchen leisten. Auch für die Miete reichte endlich das Geld. Als Jenny nach neun Monaten ihr Kind geboren hatte, trug sie es nach Hause und fühlte sich sehr glücklich, sobald sie der kleine Junge anlächelte. Liebevoll lächelte sie zurück. „Ach, mein Kleiner“, hauchte sie.
Plötzlich klingelte es an der Tür. Jenny öffnete – und erschrak fürchterlich. Jens und seinen Gatten, die sie postwendend mit riesigen Blumensträußen erblickte, hatte sie fast vergessen. Sie völlig zu vergessen war ihr aber nicht gelungen. Nur ein wenig hatte sie zu hoffen gewagt, dass die ihr unbekannten reichen Männer unbekannt bleiben wollten und sich deshalb nicht mehr meldeten. „Was verdanke ich eurem Besuch?“, stotterte Jenny schüchtern, wobei sie ihre Frage eigentlich schon selbst beantworten konnte.
Jens und sein Gatte legten die beiden Blumensträuße unwirsch auf den Tisch. Dann rannten sie wenige Schritte zum kleinen Jungen hin und starrten ins Kinderbettchen. „Ganz die Väter!“, rief der Gatte von Jens, als er den Kleinen erblickte. Jens grinste breit. Einen kurzen Moment starrten alle vor sich hin. Dann hob Jens den Kleinen aus seinem Bettchen und legte ihn postwendend in einen zeitgleich vom Gatten hineingeschobenen Kinderwagen. Es ging so schnell, dass Jenny dem Geschehen kaum folgen konnte.
„Wir holen unseren zugesagten Kleinen jetzt ab, Jenny“, sagte Jens trocken. „Wie abgemacht. Hier ist das restliche Geld. Denk in der Zukunft an unsere Großmütigkeit, wenn du es ausgibst!“, lachte er. Im gleichen Moment wies er auf den Sack mit Dollarscheinen auf den Küchentisch. Niemanden schien zu interessieren, dass dieser absackte und dann auf den Boden fiel.
Jenny schluckte. Natürlich hatte sie an diesen Moment gedacht. Und der Name des Mannes, der jetzt ihr Kind mitnahm, interessierte sie ohnehin nicht. Sie hatte ihn nämlich schon vor neun Monaten vom Herbergsvater erfahren, weil sie ihm einige der Dollars abgegeben hatte. Ganz genau hatte sie sich seither „Jens Spahn“ gemerkt.
Außerdem hatte sich Jenny auf die Situation etwas vorbereitet. Dabei hatte ein Buch eine besondere Rolle gespielt. „Könnt ihr mir noch eine winzige Chance geben, damit ich mein Kind doch behalten kann?“, fragte sie darum plötzlich und wedelte mit einem kleinen Büchlein, auf dem „Grimms‘ Fairy Tales“ zu lesen stand. Beide Gäste blickten verstört und runzelten die Stirn. „Was soll das bedeuten“, fragte Jens unwirsch. Jenny schluckte, blätterte im Büchlein und wies mit dem Finger auf eine Seite, die mit „The Tale of Rumpelstiltskin“ überschrieben war. Der überraschte Jens runzelte erneut, synchron mit seinem Gatten, die Stirn. „Willst du uns verspotten?“, fragte er ungeduldig.
„Nein. Aber hört mir bitte zu! Im Märchen ist alles fast genau so passiert wie hier mit euch. Ihr habt mir wertvolle Dienste erwiesen, und ich habe euch dafür mein Kind versprochen.“ Jenny rang mit diesen Worten nach Luft. Dann schluckte sie, blickte Jens auf die Augen hinter dessen dicker Brille und fügte leise hinterher: „Wenn ich jetzt, so wie im Märchen von Rumpelstilzchen, deinen Namen rate, darf ich mein Kind dann auch behalten? Im Märchen hat Rumpelstilzchen das ihm versprochene Kind sogar mit drei Kammern voller Gold bezahlt und eine Müllerstochter zur Königin gemacht. Dagegen sind deine 150 Dollar doch nichts, oder?“
Jens schüttelte irritiert seinen Kopf, ebenso wie sein Gatte. Dann lachte er aber so laut los, das man ihn bis draußen auf der Straße hören konnte. Auch sein Gatte konnte sich kaum beruhigen. Sie prusteten beide um die Wette. „Das Leben ist kein Wunschkonzert. Menschen müssen Leistungen für ihren Lohn erbringen. Wir sind hier nicht im Märchen“, stellte Jens fest. „Und so dumm wie dein Rumpelstilzchen im Märchen, der sich am Ende sogar selbst zu Tode bringt, sind wir auf keinen Fall. Mit Geschäften kenne ich mich aus. Das kannst du mir glauben. Und meinen Namen kennst du ja auch nicht.“
„Ich weiß aber, wie du heißt“, trug Jenny wie im Stakkato vor. „Im Märchen hat die Königin auch den Namen von Rumpelstilzchen erraten und durfte ihr Kind behalten.“
Jens stutzte ungläubig. Jenny ließ sich nicht beirren und sprach weiter: „Höre mir also zu, was ich jetzt verrate: Du heißt Jens Spahn und bist in Deutschland der Vorsitzende aller Abgeordneten eurer größten Regierungspartei. Du bist sehr reich und sollst deinen Reichtum auch mit vielen Immobiliengeschäften erweitert haben. Außerdem hast du Menschen, die in Deutschland Steuern zahlen, um Milliarden ihrer Zahlungen gebracht, weil du in der Zeit der Corona-Pandemie von deinen reichen Freunden viel zu teure Schutzmasken gekauft hast. Und hier in den Vereinigten Staaten hast du viele zwielichtige Freunde wie Peter Thiel und Leute aus der Trump-Regierung. Darum mögen dich viele in Deutschland nicht leiden. Und ich auch nicht.“
„Das du jetzt meinen Namen kennst, ist mir egal. Dann weißt du sicher auch, dass ich bisher nie für etwas bestraft worden bin, das ich angerichtet habe. Bleib also hier in deiner Hütte! Wir haben Besseres zu tun, als uns wie Rumpelstilzchen selbst in die Hölle zu befördern“, schrie Jens mit einem lauten Lachen. Beide Gäste murrten danach nur noch Unverständliches vor sich hin.
Kopfschüttelnd standen sie auf und bewegten sich mit einem Pokerface mitsamt Kinderwagen zielgerichtet aus dem Raum. Sie schauten sich nicht mehr um. Nicht einmal ein Abschiedgruß kam von ihren Lippen. Das Knallen der Tür war das letzte, was Jenny von ihren ungebetenen Gästen hörte. Tage später sah sie im Fernsehen, dass Jens Spahn verkündet hatte, alles in den Vereinigten Staaten sei gut gelaufen und er sei jetzt glücklicher Papa. Dass er später seinen Posten aufgeben musste, interessierte sie schon nicht mehr. Traurig verzehrte sie ihr warmes Süppchen.












