Fußball-WM als manipulierte Propaganda-Show: nix Neues!

Pseudo-Sport anno 1934 im faschistischen Italien: Warum Infantino und Trump für die Zukunft noch Luft nach oben haben

Tag Eins nach dem WM-Endspiel wird gern dazu genutzt, sportlich wie politisch Bilanz zu ziehen. Vor einem Befund sei dabei dringend gewarnt: Die Trump-Infantino-Games haben nur auf den ersten Blick Rekordskandale von FIFA und dem Gastgeberland USA produziert. Wir erinnern uns: Schon bei der WM in Katar anno 2022 schienen solche Grenzwerte erreicht worden zu sein. Doch weit gefehlt! Bei der Weltmeisterschaft im Jahre 1932, Zeitzeugen wird es kaum noch geben, sorgte Italiens Diktator Benito Mussolini höchstpersönlich dafür, dass restlos alles nach seinen persönlichen Wünschen verlief. Falls Trump und Infantino daraus lernen, wüssten sie womöglich, wie der Ball zur nächsten WM 2030 noch passgenauer rollen könnte.

Aus naheliegenden Gründen veröffentlichen wir folgend zumindest Teile eines Beitrags, der in der OR bereits 2022 zu lesen war, erneut. Nicht nur Fans des runden Leders dürfen den Inhalt gern als Warnung verstehen. „Nie wieder!“ muss auch für den Sport gelten.


Dezente Hinweise auf unverkennbare Parallelen

Klar: Vergleiche sind immer problematisch. Auch dieser scheint gewagt: Kann man die Folgen von 104 Jahren faschistischer Machtergreifung in Italien und die aktuelle WM in Kanada, USA und Mexiko miteinander spiegeln? Beide Ereignisse scheinen, zumindest auf den ersten Blick, absolut nichts miteinander zu tun zu haben. Und dennoch bleibt die Mussolini-WM durchaus eine Bastelanleitung für Trump und Konsorten, was noch alles machbar wäre, um die persönlichen Triumphe endgültig auszukosten. Die Machthaber in Katar hatten dazu ja auch schon dienliche Vorlagen geliefert. Und dass in Italien derzeit eine Regierungschefin Giorgia Meloni waltet, deren Partei sich als Gralshüterin des Faschismus begreift, macht den historischen Vergleich sogar noch brisanter.

Rein fußballerisch gibt es mindestens ein Bindeglied mit markanten Parallelen. Die Fußball-Weltmeisterschaft anno 1934 war nämlich, ebenso wie die jetzige auf dem amerikanischen Kontinent, ein lupenreines, teuer finanziertes Propagandaspektakel, bei der ein Staat und sein System als Marketingprodukt verkauft wurden, um weltweit aufflammende Kritik auf ein Minimum einzudampfen – was Trump und Infantino allerdings mit wechselnden Selbsttoren nur bescheiden gelang.

Arm hoch für den Faschistengruß: Für Italiens Siegermannschaft und den WM-Dritten Deutschland erscheint es als gern erfüllte Pflichtübung.


Die Welt von 1934 – und ein trickreicher Bewerbungswettlauf

Verlassen wir zunächst die zunächst plump anmutende Vergleichsebene. Machen wir stattdessen eine Zeitreise ins Jahr 1934. Der Faschismus ist in diesem Jahr beginnt erst damit, in Europa zur dominierenden Staatsform zu werden. Italien ist seit 1922 ein Staat, in dem Demokratie, Meinungsfreiheit, unabhängige Gerichte und freie Presse brutal zerstörte Relikte der Vergangenheit sind. Das Deutsche Reich ist dem italienischen Beispiel seit 1933 gefolgt und betrachtet den italienischen Faschismus mit seinem Diktator Mussolini ganz offen als Vorbild. Selbst Österreich ist seit Februar 1934 ein klerikal anmutender Faschismus unter christlich-sozialen Diktatoren. Die USA, Großbritannien, Frankreich, Spanien, Benelux-Staaten und Skandinavien sind jedoch noch offiziell demokratischen Ideen verpflichtet. Regierungsparteien verschmähen die Diktaturen mit ihren Verbrechen und zweifelhaften Ritualen.

Image-Werbung ist angesagt. Vor allem Italiens Diktator Mussolini ist es, der als erster vor aller Welt um Ansehen für sich und sein System buhlen will, indem er vor der Welt ein Großereignis präsentieren will. Er wird Erfolg haben: Die Endrunde der Fußball-Weltmeisterschaft 1934, der „Campionato Mondiale Di Calcio“, darf aufgrund geschickter Manöver vom 27. Mai bis zum 10. Juni 1934 in Italien stattfinden.

Vorausgegangen ist ein Bewerbungswettlauf, der in der Tat kleine Verweise auf die FIFA-Praxis zulassen dürfte.


Perfekte Vorarbeit und gigantische Bauvorhaben

Alles beginnt mit einem Rückblick. Mussolini und seinen Kumpanen wurmt noch das Geplänkel der Endzwanziger um die weltweit erste WM, die 1930 an Uruguay gefallen war. Italien hatte sich schon damals ausgiebig um die Austragung der WM bemüht, musste aber mangels begüterter Mäzene gegenüber Uruguay den Kürzeren ziehen. Korruption war wohl noch nicht ganz so entwickelt wie heute. 1932 aber sollte alles anders laufen! Geld und geschickt genutzte Kontakte bringen Mussolini schließlich in die Erfolgsspur.

Nahezu alles wird nun vom „Duce“ und seinen Zuträgern perfekt eingeleitet: Den Zuschlag zur Ausrichtung der publikumswirksamen WM erhält Italien am 14. Dezember 1932 in Zürich. Benito Mussolini, der sich 1925 endgültig zum Diktator Italiens aufgeschwungen hat, ist gewaltig aus der Tasche gekommen. Er stellt das notwendige Kleingeld für eindrucksvolle acht nagelneue oder massiv erweiterte Stadien zur Verfügung. Errichtet werden diese mit Bauarbeitern, die mies entlohnt werden und, nicht zuletzt durch das Verbot von Gewerkschaften, ohne Rechte sind. Allen Arbeitern werden überdies die Löhne gekürzt, ohne dass sie sich dagegen wehren können. Jetzt stehen die imposanten Bauwerke in Bologna, Florenz, Genua, Mailand, Neapel, Rom, Triest und Turin. Es sind Stadien, die damals weltweit ihren Vergleich suchen. Alles soll weltweit Furore machen: Bei der WM-Premiere 1930 in Uruguay war noch allein in der Hauptstadt Montevideo gespielt worden.

Mit seinen Muster-Stadien gaukelt Mussolini der Welt ein starkes Italien vor, das sogar an das untergegangene Imperium Romanum anknüpfen will. „Panem et circenses“ (Brot und Spiele) hatten schon damals die von Mussolini angehimmelten römischen Kaiser ihr erfolgreiches Motto genannt, um ihre Macht auch in Gestalt populärer Großereignisse auszubauen.

Eile tut für Mussolini allerdings not. Die Lira befindet sich in Wahrheit längst im inflationären Sinkflug. Mussolini denkt aus all diesen Gründen doppelt eigennützig: Neue Arenen können nicht nur Spielstädten wie im angebeteten Römischen Reich die Amphitheater sein. Sie können zugleich vortrefflich als perfekte Kulisse zur Selbstinszenierung genutzt werden.

Alles nimmt somit für Italiens Faschisten ein famoses Ende: Die formelle Vergabe der Weltmeisterschaft 1934 an Italien wird eine offizielle Entscheidung des FIFA-Exekutivkomitees. Am 9. Oktober 1932 beschließt jenes Vorläufer-Gremium des heutigen Infantino-Fanclubs auf einem Kongress in Stockholm offiziell, das Turnier nach Italien zu vergeben.

Der Duce weiß es verlässlich: Wo immer er unter Massenpublikum auftaucht, sorgen seine schwarz uniformierten Schlägertruppen für perfekt inszenierte Jubelstürme. Überdies will der Diktator bei der WM sichergehen. Er hat seinen glühenden Anhänger Giovanni Mauro an die Spitze des italienischen Fußballverbandes gestellt. Der ideale Verbindungsmann zwischen Verband, FIFA und faschistischer Partei ist Giorgio Vaccaro, zugleich der General einer faschistischen Miliz.

Der Clou des Duce gelingt bereits vor dem Anpfiff des ersten Spiels. Konservative, Liberale wie christlich ausgerichtete Demokraten zeigen sich tolerant bis freundlich gegenüber dem massiv in Szene gesetzten Mussolini-Spektakel. Zwei Jahre später, anlässlich der Olympischen Spiele im nationalsozialistisch regierten Berlin, wird sich diese freundliche Toleranz noch spektakulärer wiederholen.


Sozialistisches Gegenturnier in Paris

Protest gegen die aktuelle WM zeigt sich heutzutage vor allem durch Nichtgucken oder politische Erklärungen. 1934 besitzt man die Kraft zu einer Alternative. Sozialdemokratische, sozialistische und kommunistische Parteien in den meisten bürgerlichen Demokratien durchschauen das Propagandamanöver der italienischen Schwarzhemden. Dabei bleibt es nicht bei Protestnoten und Ankündigungen. Noch in den Vorjahren haben sich die Mitgliedsvereine der Sozialistische Arbeiter-Sport-Internationale (SASI) und der Rote Sportinternationale (RSI) noch heftig bekämpft. Angesichts der international fühlbaren faschistischen Bedrohung rückten sie nun aber eng zusammen.

Als erste große antifaschistische Veranstaltung des geeinten Arbeitersports, an der sich Sozialdemokraten wie Kommunisten beteiligen, findet im August 1934 im Pariser Stade Pershing ein mehrtägiges internationales Arbeitersportlertreffen statt. 10.000 Zuschauende und Teilnehmende aus zahlreichen Staaten sind dabei. Im Rahmen des Treffens findet – im direkten Kontrast zur italienischen WM – ein als „Arbeiterfußball-Weltmeisterschaft“ deklariertes Turnier statt. Es begreift sich offen und mutig als Gegenveranstaltung zur WM in Italien. Dass dieses Turnier am Ende von der sowjetischen Mannschaft gewonnen wird, die im Endspiel Norwegen besiegt, gilt als zweitrangig. Im Mittelpunkt stehen Solidarität und Völkerfreundschaft, naturgemäß auch die Warnung vor Krieg und Faschismus.


Das Turnier in Italien: Farce des „Fair Play“ mit korrupten und köpfenden Schiedsrichtern

Bei allen gemeinsam anmutenden Hintergründen der italienischen und der letzten WM: Mindestens ein Ablauf von Ereignissen dürfte unvergleichbar bleiben. Deshalb seien sie hier nur skizzenhaft angedeutet.

Mussolini und seine Vasallen setzen von Beginn an alles daran, dass der WM-Sieger allein Italien heißen darf. Alles ist überschaubar, die WM wird nur im K.o.-System ausgetragen. Den ersten Skandalakt bildet das Viertelfinale, das Italien gegen Spanien bestreitet. Die Italiener hatten den iberischen Rivalen schon bei der WM-Vergabe ausgebootet. Nach einem 1:1 nach Verlängerung wird nur einen Tag später ein Wiederholungsspiel angesetzt. Spaniens Torwart Nogués wird beim entscheidenden 1:0 für Italien gleich von mehreren Spielern behindert – Italiens legendärer Stürmer Giuseppe Meazza stützt sich gar auf den Keeper auf. Kopfschüttelnd nehmen Unbeteiligte zur Kenntnis, dass der Schweizer Schiedsrichter René Mercet dieses Tor gibt und zum Mittelpunkt zeigt. Dies wiederum toppt er noch, indem er den Spaniern in der zweiten Halbzeit zwei reguläre Tore verweigert.

Vor dem Halbfinale geht Mussolini dann weiter systematisch auf Nummer sicher: Einen Tag zuvor lädt er den schwedischen Schiedsrichter Ivan Eklind, den Schweizer Mercet und den belgische Schiedsrichter Louis Baert als prächtig bewirtete Ehrengäste zu sich ein. Dabei scheint weit mehr herausgekommen zu sein als leckeres Essen. Im Spiel lässt Eklind es zu, dass Österreichs Star-Spieler Sindelar, übel ohne Sanktion gefoult, krankenhausreif vom Platz getragen werden muss. Meazza und drei weitere Italiener bugsieren später den Ball mitsamt dem österreichischen Torhüter Peter Platzer über die Linie. Eine Flanke auf den völlig freistehenden Österreicher Karl Zischek köpft der Referee höchstpersönlich unter johlendem Publikum aus der Gefahrenzone.

Schon beim Sieg Italiens gegen die damals als legendär bezeichnete Mannschaft Österreichs spielt die Faschisten-Elf mit unfairen, von ihrer Regierung gern unterstützten Mitteln.

Im so erreichten Endspiel gegen die Tschechoslowakei verweigert Eklind den Tschechoslowaken mehrere klare Elfmeter. Italien gewinnt am Ende mit 2:1 in der Verlängerung. Randbemerkung: Deutschland schlägt Österreich 3:2 im Spiel um Platz 3. Die Duce-WM ist gerettet. Die vor allem durch Brutalität und üble Fouls aufgefallene Azzuri-Mannschaft besteht fortan aus verehrten Nationalhelden. Alle passen vorzüglich zum faschistischen Vorzeigestaat Mussolinis. Ganz erfolgreich sind die italienischen Faschisten jedoch nicht. Die hohen Eintrittspreise und der parallel laufende Giro d’Italia führen dazu, dass die Bevölkerung dem Geschehen weit überschaubarer folgt, als sich dies der „Duce“ gewünscht hat. Es bleibt also noch Luft nach oben – eine Steilvorlage für die deutschen Faschisten um Adolf Hitler.

 

1. August 1936: Der legendäre Olympia-Auftakt im faschistischen Deutschland begeht bald seinen 90. Jahrestag

Die deutschen Nazis werden die Erfahrungen ihrer italienischen Freunde bei der eigenen Propaganda-Olympiade 1936 in der Reichshauptstadt Berlin systematisch perfektionieren. Allein im Fußball wird ein schmähliches 0:3-Ausscheiden gegen Norwegen am Image NS-Deutschlands kratzen.

Dennoch: Die Berliner Olympischen Spiele von 1936 gelten bis heute als grässlich gelungene Propagandashow des deutschen Faschismus. Bis zum Beginn des deutschen Angriffskrieges gegen Polen am 1. September 1933 wird sich das NS-Regime Fast hoher Sympathien in der bürgerlichen Politik- und Kulturwelt erfreuen. 1936 wird bis zum 16. August – die Linke ausgeschlossen – fast die ganze Welt applaudieren – und jede Mark an Investitionen wird sich für die Nazis lohnen. Am 1. August dieses Jahres wird sich der Auftakt jener legendären Propagandashow zum 90. Male jähren. Grund genug, daran zu erinnern. „Wehret den Anfängen!“ gilt auch für den Sport.

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