Gedichte statt Geschichte? Warum eigentlich nicht?

„Wenn selbst der Plastikbaum stirbt“: Meine Lektüre eines besonderen Lyrik-Bandes

In diesem Sommer habe ich auf dem Campingplatz lyrische Texte gelesen. Sowas habe ich, soweit ich mich erinnere, eigentlich noch nie gemacht. Vielleicht auch darum, weil man unsereins zu Schulzeiten ständig mit „Gedichten“ zu nerven pflegte. Darum bitte ich schon mal um Vergebung: Es gibt nämlich unzählige tolle Gedichte – früher wie heute. Und solche möchte ich im Folgetext vorstellen.

Schon vor der Lektüre der lyrischen Texte habe ich mir deswegen klargemacht, was Lyrik eigentlich bedeutet und warum man an sie auch im modernen Social-Media-Zeitalter erinnern sollte: Lyrik gilt als übergeordnete literarische Gattung. Zu ihr zählen nahezu alle sprachlichen Kunstwerke, die Gefühle, Stimmungen und Eindrücke ausdrücken.Wie ich es verstehe: Alles erscheint irgendwie als in Wortbilder gemalte Faktenflut

Sogar einen ganzen Gedichtband habe ich mir jetzt reingezogen. Als ich den Buchtitel las, konnte ich tatsächlich nicht mehr vom Sammelband aus dem Geest-Verlag ablassen. Am Campingtisch besitzt man dazu natürlich die nötige Ruhe. Allein schon der Titel hatte mich so neugierig gemacht, dass ich mit dem Lesen nicht mehr aufhören konnte.

„Wenn selbst der Plastikbaum stirbt“ steht auf dem Cover des Gedichtbandes. Erst auf Seite 123 findet sich das komplette Gedicht von Anna Hackstedt, aus dem der Titel stammt. Originalton:


Todesstoß

Wenn selbst der Plastikbaum stirbt,
ist endlich klar:
Wir haben den Absprung
verpasst.

Das kurze Gedicht bringt tatsächlich auf den Punkt, worum es den einzelnen Autorinnen und Autoren geht. Ausführlicher fasst dieses Anliegen Professor Dr. Herbert Zucchi, seit Jahrzehnten bekannt als engagierter Biologe in Osnabrück – und selbst literarisch für den Geest-Verlag aktiv, in wohlformulierte Sätze:

… Natur ermöglicht es uns Menschen, von der frühen Kindheit bis ins hohe Alter beglückende Begegnungen und Erlebnisse zu haben, die zu einer großen Liebe der Welt gegenüber führen können, uns aber auch eine gewaltige Verantwortung für ihre Bewahrung abverlangen. Verantwortung auch dafür, unseren Nachkommen diese Erde möglichst unversehrt zu hinterlassen. Dem werden wir nicht gerecht, wie die andere, die dunkle Seite mit dem verhängnisvollen Wirken von Homo sapiens (?) der Natur gegenüber zeigt: Übernutzung und komplette Zerstörung von Lebensräumen, Gefährdung oder gar Ausrottung zahlreicher Arten, Überschwemmung der Erde mit Giftstoffen, Überdüngung von Land-, Süßwasser- und Meereslebensräumen, Plastiküberfrachtung, Massentierhaltung und andere Phänomene führen uns dies deutlich vor Augen. Vieles bleibt nur noch in der digitalen Welt sichtbar, die gleichzeitig ein weiterer Bedrohungsfaktor ist.

Kurzum: Was gibt es Wichtigeres als den gemeinsam von uns Menschen, Tieren und Pflanzen genutzten Lebensraum? Denn alle, die denken können, wissen, dass das, was Egon Bahr mal zu Recht für den „Frieden“ formulierte, ebenso für „Umwelt“ gilt: Umweltschutz ist nicht alles . Aber ohne eine gesunde Umwelt ist alles nichts.


Themestellung: Erhalt natürlicher Umwelt

Die allesamt sozialökologisch wie lyrisch engagierten Autorinnen und Autoren haben sich in ihrer Anthologie Themenstellungen zur natürlichen Umwelt zu Herzen genommen. Herausgegeben wurde der Sammelband im Frühling dieses Jahres. Herausgeber Alfred Büngen hatte es zuvor geschafft, eine ganze Fülle namhafter Lyriker in seinen Kreis einzubeziehen. Einige davon waren bereits altbewährte Mitstreiter*innen. Denn bereits 2022 hatten sich mit Thomas Bartsch, Frank  M. Fischer, Holger Küls, Hans-Hermann Mahnken, Artur Nickel, Sigune Schnabel und Rieke Siemon sieben Lyriker*innen des Geest-Verlags zusammengetan, um gemeinsame Zeichen für eine engagierte Lyrik zu setzen.

Um die illustre Runde zu erweitern, hatte jedes Mitglied der „Glorreichen Sieben“ jeweils eine weitere, lyrisch engagierte Person zur Runde hinzugewonnen. So trugen auch Miriam Bornewasser, Thalia-Anna Hampf, Anna Hackstedt, Ulrike Marie Hille, Philipp Létranger, Eda Muslubaş und Amanda Wurm dazu bei, dass eine ungemein facettenreiche Gedicht-Anthologie entstanden ist.

Einen lyrischen Weckruf, der unser aller Verzweiflung gut wiedergibt, ist als Kostprobe einem Kurzgedicht von Thomas Bartsch zu entnehmen. In diesem heißt es:


Transformation?

So viele kluge Köpfe
Gute Bücher
Analysen
So viele Warnungen
Lösungsstrategien
Beteuerungen
So viele Täuschungen
Und Lügen
So viele
Marionetten
Der Gier
Und Macht


Aktuelle Anstöße zur Lektüre

Es ist schon merkwürdig, wie bei mir ausgerechnet in diesem Urlaub am Mecklenburger Müritzsee alles zusammenfiel, was allein schon den Anstoß für das Gedichtbuch hätte bilden können. Erst neulich hat ein verheerende Waldbrand im hier beheimateten Naturschutzpark gigantisch große Waldflächen vernichtet. In den stündlichen Tagesnachrichten überschlagen sich Meldungen über katastrophale Waldbrände in Spanien, Frankreich, Griechenland und der Türkei. Was könnte gerade zu diesem Thema passender sein als das folgende Gedicht von Thomas Bartsch? Wortlaut:


Waldbrandgefahr

Endlich fällt der langersehnte Regen
Als sein Prasseln langsam verstummt
Duftet es würzig und frisch
Der gekühlte Boden dampft
Und wer lauscht
Kann die Bäume wispern
Und atmen hören
Als wäre alles, alles
Wieder gut


Sind unsere aktuellen Prioritäten richtig?

Alle Schreckensmeldungen sind gepaart mit Meldungen über furchtbare Kriegsleiden in der Ukraine, in Nahost und in Afrika. Jene Meldungen wiederum erscheinen parallel mit detaillierten, sich gegenseitig überbietenden Vorschlägen unzähliger Staaten, weit über eine Billion Dollar in die weltweite Rüstung aller Konfliktparteien zu stecken. All dies sind Gelder, von denen nur ein winziger Bruchteil die Welt vom Abgleiten in die absolute Klimakatastrophe bewahren könnte. Was nützen denn in Millionenzahl produzierte Granaten, wenn es irgendwann überhaupt keine Bäume mehr gibt, auf denen Granatäpfel wachsen können?


Poesie statt Programmberge

Die Information über Fakten scheint heutzutage kaum noch auszureichen, um dem Wahnsinn der heutigen Menschheit seine Grenzen aufzuzeigen. Helfen da Gedichte? Warum eigentlich nicht? Politische Daten und Fakten, die nötig sind, um den Zerstörern unserer natürlichen Umwelt in den Arm zu fallen, gibt es mehr als genug. Selbst kleinen Kindern könnte man schnell erklären, dass man ihre Zukunft vor allem dadurch sichert, indem man die natürliche Umwelt schont und am Ende erhält.

Politische Programme benötigen deshalb immer auch Überbringer*innen mit richtigen Worten. Jene Worte sollten sich niemals in komplizierten Wendungen allein verlieren. Ebenso wichtig sind anschauliche Bilder, Melodien, Lied- und eben auch Gedichttexte.

Was könnte den Folgetext nun reicher machen als exemplarische Texte aus dem Band „Wenn selbst der Plastikbaum stirbt“? Man lese und genieße. Eda Muslubaş dichtet dazu:


Was klingt

Tropfen, die auf Blätter fallen,
auf Erde, auf irgendetwas Echtes.
Das Rauschen ist perfekt,
zu perfekt.

Ich lausche dem Regen.
Zumindest klingt es so.
Ein Wald, den ich nur höre,
weil jemand ihn auf Spotify hochgeladen hat.

Ich stelle mir vor,
wie die Luft riechen würde.
Feucht. Schwer.
Nach Leben, nicht nach System.

Ich höre „Regen“
und weiß gleichzeitig,
dass er nirgends fällt,
außer in meinen Kopfhörern.

Und ich liege hier,
umgeben von vier Wänden.
Ohne Blätter, ohne Wind,
ohne die Kühle, die die Haut wach macht.

Ich drücke auf „Stop“.
Das Prasseln verstummt, der Wald verschwindet.
Der Bildschirm glüht noch kurz,
bis auch er schwarz wird.

„Eigentlich“ nennt wiederum Amanda Wurm ihre Gedichtzeilen. Originalton:


Eigentlich

kenne ich den Sommer nicht mehr
wie er früher war
als Sommerregen und Eisschmelzen
noch Frische und Frühling bedeuteten
das Unnormale ist normal und Schnee eine Glückssache
doch unser Glück
müssen wir uns erst erarbeiten

Nach dem Hören von Tagesmeldungen formuliert Holger Küls:


Bericht aus dem Radio

An einem Morgen
vor vier Jahren.
Es ist noch dunkel.
Teewasser im Glas.

Eine Stimme aus dem Radio:
Die Flutwelle durch das Tal.
Tote. Eingestürzte Häuser.
Viele noch vermisst.

Das Zittern in der Stimme
der Sprecherin.
Heute. Wieder am Morgen.
Teewasser. Wieder das Radio.

Wieder die gleiche Stimme:
Verbrenner
bleiben länger erlaubt.

Eda Muslubaş zeigt den Facettenreichtum von Lyrik, deren Reichtum auch längere Texte ausmachen. Er bedient sich mit dem Verweis auf einen Baum mit süßen Früchten.


Unter einem Feigenbaum

Unter einem Feigenbaum lernte ich, wie leicht sich Kindheit anfühlen kann.
Kindheit hat das Gewicht von zwei Händen, die dich anschubsen.
Dort lernte ich den Duft von Freiheit kennen.
Sie riecht nach warmem Staub, nach Blüten und nach der Sonne.
Ich lernte das Gefühl von Wärme auf der Haut kennen, spürte, wie die Sonne sie erwärmte.
Lernte, wie der Baum mich hält, während ich im Hin- und Herschaukel
fast die Wolken berührte.

Ich lernte viel an diesem Feigenbaum.
Er war der Baum, der alles wusste – und Opa der, der ihn übersetzte.
Ich war klein, er war groß, und dazwischen spannte sich ein Sommerhimmel.
Ich lernte die Farben unserer Welt kennen –
das Gold der Sonne, das Grün der Blätter, das Blau des Himmels,
die flüchtigen Rot- und Lilatöne der Blumen am Wegesrand.

Und unter seinem Blätterdach schien die Welt unendlich und voller Farben.
Unter der Asche des Feigenbaums spüre ich, wie schwer Trauer sein kann.
Die Hände, die mich einst anschubsten, sind fort, vergangen.
Der Duft von Freiheit ist verklungen –
es riecht nach Staub, nach Rauch, nach Leere.

Die Wärme auf meiner Haut ist kühl geworden, die Sonne erreicht mich nicht mehr.
Die Blätter rascheln nur noch wie ferne Erinnerungen.
Der Baum hält mich nicht mehr, während ich im leeren Raum taumle.

Ich habe so viel verloren an diesem Baum.
Er schweigt, Opa schweigt, und niemand übersetzt.
Ich bin klein, die Welt ist groß, und dazwischen hängt nur grauer Himmel.

Die Farben unserer Welt sind verblasst –
die Sonne blass, das Grün tot, das Blau stumpf,
keine Blumen, nur Aschereste am Wegesrand.
Jetzt ist die Welt leer, die Farben verglüht, und nur die Erinnerung hält mich warm.

Amanda Wurm formuliert ihren Text, denkend an die Nachwelt, mit einem besonders bezeichnenden Titel:


Testament

Dies ist ein Testament. Ein Testament aller großen Brachvögel. Wir vererben unser Land und unsere Nester allen anderen Vögeln in der Hoffnung, dass diese ihnen von Nutzen sein können und sie vor den Menschen schützen, die uns dieses Leid angetan haben.

Dies ist ein Testament. Ein Testament aller Otter. Wir vererben unsere Bäche und Flüsse den Bibern in der Hoffnung, dass sie es schaffen, diese sauber zu halten und gegen den Strom der Menschen zu schwimmen. Wir haben es nicht geschafft.

Dies ist ein Testament. Ein Testament aller Alpenhummeln. Wir vererben unsere Blumenfelder und Gartenbüsche an unsere Freunde, den Bienen, in der Hoffnung, dass dort im nächsten Jahr eine buntere Blumenmischung wachsen wird mit sauberem Nektar. Für uns gab es nicht genug.

Dies ist ein Testament. Ein Testament aller Braunbären. Wir vererben unsere Beerenbüsche den Vögeln in der Hoffnung, dass sie ihnen schmecken werden und nicht von der Umwelt verschmutzt sind. Auch wünschen wir unseren Namensvettern, dass sie schneller sein werden als unseresgleichen. Wir kamen nicht davon.

Und da wohl auch das Lesepublikum dieser Buchbesprechung unverdrossen Sommergefühle hegt, soll dieses Werk von Hans-Hermann Mahnken den Reigen der Kostproben abschließen:


An den Sommer

Du Mediensommer – hingestreckt liegst du da,
du Lebenssatter. Namenlos weisen schon
die Dinge über sich hinaus, die
Trockenheit fordert die Flut der Bilder.

Verdorrte Felder! Staunend vernehmen wir,
was wir längst wissen. Staubwolken stieben auf,
und hastig bergen Mähmaschinen
welkende Halme auf dürren Äckern.

Die Wälder brennen. Flüsse versiegen still,
und Gletscher schmelzen. Fischsterben in HD,
und in den Terminals Touristen,
Glücksjäger warten auf Starterlaubnis.


Statt eines Resümees

Wer zum Schluss vom Autor einer Buchbesprechung ein Resümee erwartet, soll deshalb enttäuscht werden, weil kompetentere Autoren das in diesem Fall viel besser können. Denn Herbert Zucchi, der bereits zitierte Verfasser des Geleitwortes, schreibt resümierend das exakt Richtige. Deshalb soll er hier das letzte Wort haben. Zucchi würdigt die Texte nämlich allesamt als „in starker Bildhaftigkeit und von Stimmungen und Gefühlen durchdrungen“. Und weiter: „In Schönheit, Faszination, Kritik, Düsternis, Verlust und Schmerz. Lyrik eben in unterschiedlicher, in vielfältiger Form. Berührend, erschreckend, aufwühlend, aufregend, anregend.“

Mögen Lesende, das würde wiederum ich mir wünschen, den gleichen Eindruck gewinnen.


Daten zum Band im Stakkato:

Wenn selbst der Plastikbaum stirbt. Gedichte. Mit Beiträgen von Thomas Bartsch, Frank  M. Fischer, Holger Küls, Hans-Hermann Mahnken, Artur Nickel, Sigune Schnabel und Rieke Siemon, im Dialog mit Miriam Bornewasser, Thalia-Anna Hampf, Anna Hackstedt, Ulrike Marie Hille, Philipp Létranger, Eda Muslubaş und Amanda Wurm. Mit einer Einleitung von Prof. Dr. Herbert Zucchi. Herausgegeben von Alfred Büngen, Geest-Verlag 2026. ISBN 978-3-69064- 561-4, 14,50 Euro, 190 Seiten.

spot_img
Juli/August 2026spot_img
erscheint August 2026spot_img
6.9.2026spot_img
Oktober 2023spot_img
Oktober 2025spot_img
6.9.2026spot_img
August 2024spot_img
August 2024spot_img
Juni 2025spot_img
2015spot_img
November 2020spot_img