Freitag, 19. April 2024

Heikos Rückblende: „Geplatzte Träume“ – Teil 5 der sechsteiligen Serie

Geplatzte Träume – Teil 5

Am 19. September 1851, gut 170 Jahre ist es nun her, wird der Tischler und Sozialdemokrat Johann Heinrich Schucht aus seiner Heimatstadt Osnabrück und aus dem Königreich Hannover ausgewiesen. Er soll sich an der Verbreitung demokratischer, sozialistischer und kommunistischer Ideen beteiligt haben.

Untrennbar verknüpft ist das Osnabrücker Geschehen mit der gescheiterten bürgerlichen Revolution von 1848. Die Sehnsucht vieler Menschen, im staatlich aufgesplitterten deutschsprachigem Raum ein einheitliches Gemeinwesen mit frei gewähltem Parlament, Presse-, Versammlungs-, Organisations- und Meinungsfreiheit zu errichten, wird am Ende durch eine brutale Unterdrückungspolitik von Königen, Fürsten und Herzögen ersetzt.

Die Ausweisung des Sprechers der „Arbeiterverbrüderung“ ist in Osnabrück der entscheidende Schritt einer massiven Unterdrückungswelle. Die Hasestadt, in dessen Stadtgrenzen seit der Revolution von 1848 aktive radikaldemokratische und sozialistische Bewegungen aufgeblüht sind, verliert durch die Ausweisung Schuchts eine entscheidende Persönlichkeit.

Maßgeblich unterstützt wird die Repressionspolitik von Johann Carl Bertram Stüve. Der mit viel Nachruhm versehene Osnabrücker Bürgermeister übt das Amt von 1833 bis 1848 sowie von 1852 bis 1864 aus. Vom März 1848 bis Oktober 1850 agiert als königlich-hannoverscher Innenminister und betätigt sich dabei aktiv bei der Zerschlagung der Demokratie- und Arbeiterbewegung. Denn nichts fürchtet Stüve mehr als die „Pöbelherrschaft“, die er altgriechisch gern als „Ochlokratie“ bezeichnet.

Die Osnabrücker Rundschau widmet sich nach der Serie zum Gesellenaufstand von 1801, betitelt mit „Geplatzte Kragen“, erneut einem wichtigen Abschnitt der Osnabrücker Stadtgeschichte. Was passierte in der Hasestadt, als landauf, landab über die Vision einer demokratischen, gar „roten Republik“ nachgedacht und aktiv gehandelt wurde?

Teil 1 der sechsteiligen Serie widmete sich dem örtlichen Geschehen anno 1848, das zu einem beachtlichen Anwachsen demokratischer und sozialistischer Bewegungen führt.

Teil 2 befasste sich mit den Hoffnungen bei der Wahl zur Nationalversammlung sowie mit der aufblühenden Osnabrücker Pressevielfalt.

Teil 3 beschrieb den Niedergang der Revolutionsbewegung und benannte dabei insbesondere die Rolle des zeitweiligen Ministers, Bürgermeisters, Staatsmanns, Juristen und Historikers Johann Carl Bertram Stüve. Dargestellt wurden auch die ersten Stationen des Gründers der Osnabrücker Arbeiterbewegung, Johann Heinrich Schucht.

Teil 4 zeichnete den Aufstieg des Arbeiterbildungsvereins nach. Die Vereinigung, die von Zigarrenarbeitern, Handwerksgesellen, aber auch vielen Osnabrücker Lehrern getragen wird, wird vor Ort zu einer bedeutenden politischen Kraft. Neben einem ausgeprägten Bildungsangebot sind schnell Strukturen erkennbar, die sich in späteren Jahrzehnten in den Organisationsformen der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung wiederfinden werden.

Teil 5: Stationen der Zerschlagung

Bespitzelungen und Drangsalierungen

Als die Osnabrücker Arbeiterbewegung ihre blühendste Zeit erlebt, ist die Reaktion in Gestalt einzelner Staatsregierungen mit ihren jeweiligen Innenministern längst dabei, die zarten demokratischen Pflanzen zu zertreten. Spitzel übermitteln den Magistraten, Polizeioberen und Behördenchefs recht zügig die gewünschten Nachweise angeblicher Staatsfeindlichkeit. Personalakten vermeintlicher Agitatoren, so auch die des Osnabrückers Schucht, beginnen sich immer weiter zu füllen.

Zum späteren Verhängnis werden Schucht bereits früh seine wachsenden überregionalen Kontakte. Der Briefverkehr mit dem Leipziger Richard Gangloff leitender Redakteur des Zentralorgans „Verbrüderung“, darf keinesfalls auffliegen, wenn Schucht nicht in Schwierigkeiten geraten soll.

Den Osnabrücker und Hannoveraner Spitzeln, die stets im Auftrag des Innenminister Stüves wie seines späteren Nachfolgers unterwegs sind, entgehen auch keine landesübergreifenden Zusammenkünfte wie jener Kongress der Deutschen Arbeiterverbrüderung in Leipzig, den Schucht, wie berichtet, vom 20. bis zum 26. Februar 1850 als aktiver Delegierter besucht hat. Bei der Beobachtung derartiger Zusammenkünfte arbeiten die Innenminister und Polizeiverantwortlichen in Sachsen, Preußen und Hannover einvernehmlich zusammen.

Bis in die Magistratsspitze der Stadt Osnabrück hat es sich herumgesprochen, dass Schucht den Leipziger Delegierten genussvoll erläutert hatte, wie schmählich in seiner Heimatstadt der Versuch konservativer Kreise gescheitert war, einen „Gesellen-Leseverein“ in Konkurrenz zum Arbeiterbildungsverein zu gründen. Regierende in Osnabrück fühlen sich durch Schuchts Erzählung zum Gespött gemacht. Die Wut gegenüber dem Widersacher aus der Arbeiterschaft wächst spätestens von da an vor allem im Osnabrücker Rathaus ins Unermessliche.

Dr. Albrecht Pagenstecher, Stüve-Intimus und kommissarischer Bürgermeister

Das in der letzten Folge dieser Serie erwähnte, im März 1850 im gesamten Königreich Hannover beherzigte Zirkular des Innenministers Stüve „betreffend Geldsammlungen für revolutionäre Zwecke und demokratische Organisationen“ trägt zunehmend Früchte. Es kommt fast zeitgleich mit Schuchts Rückkehr nach Osnabrück in die Hände derer, die jetzt den Kampf gegen ihn umso konsequenter aufnehmen wollen. Magistrat und Polizei sind in permanenter Lauerstellung und warten auf Schritte der örtlichen Arbeiterverbrüderung, um zuzuschlagen. Eine federführende Rolle spielt dabei der Stüve-Intimus Dr. Albrecht Pagenstecher (1800-1863), zeitweise auch Stadtsyndikus, der während der Tätigkeit Stüves für das Königreich Hannover als kommissarischer Bürgermeister Osnabrücks amtiert.

Sündenregister in Stüves Auftrag

Typischerweise sind es gerade Erfolgsmeldungen aus der Arbeiterbewegung, die fleißig in polizeilichen Akten notiert werden. Artikel in der Zeitung „Verbrüderung“ werden somit auch von vehementen Gegnern akribisch genau gelesen, um Beweismaterial zu sammeln. Dazu zählt die Ausgabe vom 20. April 1850, in der ein Berichterstatter stolz über die Gründung eines Arbeiterbildungsvereins in Bramsche schreibt. Schucht selbst ist es, der in einem Beitrag der „Verbrüderung“ am 18. Mai 1850 den Anschluss des Osnabrücker Arbeiterbildungsvereins an die Allgemeine Deutsche Arbeitervereinigung bekannt macht. Letztendlich macht er in der gleichen Nummer, wie zuvor auf dem Leipziger Kongress, auch allen Leserinnen und Lesern den so schmählich gescheiterten Versuch der Osnabrücker Obrigkeit bekannt, einen Gesellenverein zu gründen.

Tatsächlich schreitet die Ausbreitung der Arbeiterverbrüderung ebenso fort, wie ihre Gegner hasserfüllt ihre eigenen Kommentare, Berichte und Dokumente zusammentragen. Die Gründung von Zweigvereinen in Bramsche, Quakenbrück, Melle, Freren, Oldendorf, Neuenhaus und Lemförde schweißt alle Feinde der Arbeiterbewegung jenseits aller Ortsgrenzen unverdrossen zusammen. Vor allem der diensthabende Landdrost, vergleichbar mit einem späteren Regierungspräsidenten, bemüht sich um einen engen Schulterschluss mit Innenminister Stüve.

 Die Reaktion marschiert

So uneinig sich auch die deutschen Einzelstaaten und ihre jeweiligen Regierungen häufig sind, desto einheitlicher agieren sie jetzt mit rigiden Maßnahmen, die für alle Mitgliedsstaaten des Deutschen Bundes gelten. Ein Beschluss ist von grundlegender Bedeutung: Am 12. Juni 1850 wird das Zentralkomitee der Allgemeinen Deutschen Arbeiterverbrüderung für aufgelöst erklärt.

Beleg für ein funktionierendes Vereinsleben: Stempel auf der Mitgliedskarte dokumentieren gezahlte Beiträge für den Arbeiterbildungsverein

Die Genossen an der Hasestadt lässt das nicht unberührt. Aber sie treffen kluge Gegenmaßnahmen: Osnabrück schließt sich nach der Zwangsauflösung des Zentralkomitees der noch bestehenden Norddeutschen Arbeiterverbrüderung an. Die örtliche Gruppe zählt zur Jahresmitte exakt 221 per jeweiliger Eintrittskarte gemeldete Mitglieder. An fünf Abendstunden sowie sonntags erteilen auch weiterhin fünf Lehrer Unterricht. Teilnehmende üben sich unbeirrt im Zeichnen, Rechnen, in der Schön- und Rechtschreibung, in Geschichte und Erdkunde sowie Stilkunde, Buchführung, Musiklehre, Turnen und Fechten. Im extra organisierten Arbeitergesangverein wird weiter Liedgut und Gesangskunst auf hohem Niveau zelebriert. Der Arbeiterturnverein macht weiter durch spektakuläre Aktionen im Stadtgebiet auf sich aufmerksam und zieht durchaus Publikum an. Und in politischen Zusammenkünften, die besonders akribisch überwacht werden, lässt man sich weiterhin nicht einschüchtern und redet Klartext.

Das Alltagsleben im Arbeiterbildungsverein bildet für viele einen wunderbaren Kontrast zur tristen Arbeits- und Wohnsituation. Lange Arbeitszeiten und eine völlig fehlende Hygiene in den Behausungen der engen Gassen vermitteln nichts als Tristheit.

Trister Alltag für sozial Schwache: Armenhäuser an der Bocksmauer

Hinnehmen müssen alle vor allem die wachsende Pressezensur. Sie führt in Sachsen zum Verbot der in Leipzig produzierten Zentralorgans. Am 29. Juni 1850 erscheint die letzte Ausgabe der „Verbrüderung“. Auch in Osnabrück hatte das Blatt bis dahin eine interessierte Leserschaft gefunden. Mit dem mit herbeigeführten Verschwinden des Zentralorgans wächst andererseits für das Ministerium Stüves die Notwendigkeit, die Aktivitäten der Arbeiterverbrüderung auch in Osnabrück wesentlich konspirativer in Form von Spitzelberichten und angeordneter Polizeiaufsicht zu erfassen.

Selbstbewusst bilden sich zugleich die Mitglieder des Arbeiterbildungsvereins auch durch die Lektüre kritischer Bücher weiter. Die Leibibliothek des Vereins hat bislang 100 Bände und acht Periodika. Seit Anfang März hatte auch das von Karl Marx herausgegebene Blatt „Neue Rheinische Zeitung“ dazu gezählt. Die Unterstützung der örtlichen Demokraten bringt einen echten Schub in den Bibliotheksaufbau. Durch Bildung einer Bücherkommission rufen die um die Tageblatt-Macher gruppierten Demokraten im Juni 1851, Stüve ist mittlerweile zurückgetreten und ohne Amt in seine Heimatstadt heimgekehrt, zur Gründung eines Volkslesevereins auf. Der Aufruf hat großen Erfolg. Noch im selben Jahr kann der Verein ein gedrucktes Bücherverzeichnis vorlegen, das beachtliche 700 Bände enthält. Bibliothekar der zunächst im Gasthaus von Hermann August Dreinhöfer aufgestellten Sammlung ist der Lehrer und Schriftführer des Arbeiterbildungsvereins, H. W. Schröder. Der Bibliotheksstandort ist nicht zufällig gewählt. In demselben Haus pflegen nahezu alle wichtigen Zusammenkünfte des Arbeiterbildungsvereins stattzufinden.

Streit um Krankenhaus und Pflege-Institut

Besonders Schucht entpuppt sich als Arbeitervertreter, der trotz aller Repressalien selbstbewusster auftritt denn je. Ein Auftritt ist es, den ihm die Stadtoberen besonders übelnehmen. Denn Mitte 1850 kritisiert Schucht auf der Jahresversammlung des Gesellen-Pflege-Instituts massiv dessen mangelhafte Angebote und die Leistungsfähigkeit des damaligen Krankenhauses, das diese Bezeichnung nur schwerlich verdient. Das muffige und beengte Gebäude namens „Tecklenburger Hof“ in der Großen Gildewart entspricht weder hygienischen Anforderungen, noch wird es auch nur halbwegs von medizinischem Personal betreut. Mutig fordert Schucht als ersten Schritt eine eigene, von Arbeitern und Gesellen selbst verwaltete Hilfskasse, um darauf aufbauend eine bessere stationäre und ambulante Versorgung zu schaffen.

Anlass für öffentliche Kritik Schuchts: ein heruntergekommenes Krankenhaus als Beleg unzureichender Gesundheitsvorsorge im „Tecklenburger Hof“ in der Großen Gildewart

Zeichen der Einschüchterung

Noch zur Amtszeit Stüves, der mit Gleichgesinnten im Oktober 1850 das Landeskabinett verlässt, hatte sich bereits in Osnabrücks Nachbarstädtchen Bramsche angedeutet, welche Folgen demokratisches Auftreten für die Betroffenen haben kann: Der Bramscher Präsident des dortigen Arbeiterbildungsvereins musste die Stadt aufgrund gesammelter Ermittlungen gegen ihn verlassen. Seine Ausweisung bildet unter den Osnabrücker Gesinnungsgenossen ab sofort ein wichtiges Gesprächsthema. Droht etwa Schucht ein ähnliches Schicksal?

Viele trösten sich damit, dass der vormalige „Ausländer“ Johann Heinrich Schucht mittlerweile deutlich bodenständig geworden ist. Er hat glücklich geheiratet. Und in seinem Tischlerberuf hat er es nach bestandener Prüfung zum Meistertitel gebracht. Mit dem könnte er nun sogar einen eigenen Betrieb gründen.

Dass das Klima um die Aktivitäten des Osnabrücker Arbeiterbildungsvereins wird mittlerweile immer rauer. Alles spiegelt sich allmählich auch in der Mitgliederentwicklung wider. Im Laufe des Jahres 1851 beteiligten sich noch beachtliche 400 Personen am Vereinsleben, darunter 22 Ehrenmitglieder, zu denen vor allem engagierte Lehrer zählen. Bis zum Jahresende vermindert sich die Gesamtzahl jedoch um mehr als die Hälfte. Exakt 22 sind bereits aus Furcht vor der Polizei austreten, 94 als Wandergesellen in andere Orte weitergereist. Der in Osnabrück besonders bekannte Lehrer des RATSGYMNASIUMS; Dr: Onno Klopp, hat sich öffentlich und besonders spektakulär vom Arbeiterbildungsverein losgesagt. Gut 100 vormalige Mitglieder, die, warum auch immer, nicht mehr an Bildungsabenden teilnehmen und aus unterschiedlichen Gründen keinen Beitrag mehr entrichten, müssen vom Schiedsgericht des Vereins wegen Nichterfüllung der Verpflichtungen ausgeschlossen werden. Die Zeit der Euphorie eines unablässigen Wachsens des Vereins scheint unumkehrbar dem Ende zuzugehen.

Aktendeckel schließen sich

Gleichwohl bleiben insbesondere Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen für viele Arbeiter und Handwerksgesellen unverändert attraktiv. Insbesondere diese Art von Zusammenkünften führt, wie Schucht es in seinem oben genannten Aufsatz in der „Verbrüderung“ dargestellt hat, „viele tüchtige Kräfte“ zusammen, „welche in den Diskussionsstunden durch lebhafte Beteiligung an den Debatten und Vorlesungen dazu beitragen, sich und andere weiter zu bilden.“

Bestimmte Zusammenkünfte des Osnabrücker Arbeiterbildungsvereins sind es anno 1851 allerdings, welche die Gemüter der städtischen Magistratsmitglieder, mit hoher Wahrscheinlichkeit auch den heimgekehrten Johann Carl Bertram Stüve, besonders erregen.

Auf den Debattenabenden Diskutierende wagen es nämlich, Tacheles zu reden und werfen Fragen auf, die in der Tat systemsprengend klingen: „Wie es anzufangen sei, um die Fürsten vom Throne zu stürzen?“, wird ein Anliegen im Amtsdeutsch der Ermittler wiedergegeben.  Nicht minder schlimm erscheint eine andere Frage: „Ob es wahr“ sei, „dass die Monarchen, Könige und Fürsten eine Räuberbande“ seien. Und deren „Soldaten Mitglieder der Bande“, wird in einem weiteren Beitrag als aufgeworfene Frage genannt.

Als Krönung ermittelter Belege gilt die Schlussfrage einer Zusammenkunft: „Was anzufangen sei, wenn eine neue Revolution ausbrechen sollte“, wird von den Beobachtern aus einer besonders regen Debatte berichtet. Auch heutige Beobachter können durchaus spüren, dass sich so manche Ohren von Beweisträgern bei derartigen Themen deutlich gerötet haben dürften. Durchaus anzunehmen ist allerdings auch, dass sich Berichterstatter gegenüber dem Osnabrücker Magistrat durchaus gern darin sonnen, bewusst zu überziehen und besonders spektakuläre „Delikte“ an den Mann zu bringen. Erwartungen der autoritären Auftraggeber zu treffen soll zeitübergreifend karrierefördernd sein.

Ein im Freien ermittelnder Spitzel weiß in der Ermittlungsakte darüber zu berichten, dass Schießübungen des Arbeiterturnvereins angeblich dazu dienen, sich dadurch auf eine bewaffnete Revolution vorzubereiten. Die Turner seien „Werkzeuge der Umstürzler, auf die sie durch ganz Deutschland hin“ im Augenblick des Ausbruchs ihrer „beabsichtigten Revolution greifen können“, heißt es in dramatischer Weise. Den Beweis für eine solche Behauptung sieht der Berichterstatter darin, „dass noch in neuester Zeit sich unter den Mitgliedern des Arbeitervereins eine Gesellschaft gebildet“ habe, die zu einem Scheibenschießen aufgefordert hätte, dessen Ziel ein „Neger“ gebildet habe. Ob Letzteres die Wortschöpfung der Schießenden war oder ein Synonym für die königliche Herrschaft bildete, kann heute nicht mehr geklärt werden.

Als sicher darf gelten, dass die städtischen Magistratsmitglieder zusehends in Aufruhr gegen angebliche „Umstürzler“ geraten. Allen ist bewusst, dass Oppositionelle andernorts längst in Gefängnissen gelandet oder schlichtweg resigniert haben. Nur in Osnabrück müssen sich Freunde des Hannoveraner Königshauses noch immer mit Demokraten und Sozialisten „herumplagen“, zumal auch die Redaktion des regelmäßig erscheinenden Osnabrücker Tageblatts mit ihren Redakteuren Rosenthal, Detering, Schröder oder den beiden Advokaten Brickwedde unvermindert kritisch gegen die Obrigkeit berichtet.

Jenseits des Rathauses bildet vor allem der „Club der Harmonie“ in der Hakenstraße einen Ort, in der konservative Stadtobere sich allzu gern bei Wein und Zigarren darüber austauschen, wie man der demokratischen Opposition aus Märzverein und Arbeiterverbrüderung möglichst punktgenau den Garaus machen kann. Stark zu vermuten ist, dass mittlerweile bei derartigen Zusammenkünften auch der aus Hannover heimgekehrte Johann Carl Bertram Stüve eine prägende Rolle spielt. Zu eng ist seine tiefe Freundschaft mit dem kommissarischen Bürgermeister Pagenstecher. Viel zu stark sind breit getragene Initiativen, Stüve wieder schnellstmöglich zum Bürgermeister zu machen.

Versammlungsort der konservativen Stadtspitze: der Club der Harmonie in der Hakenstraße

Schuchts Ausweisung: mehr als ein Verwaltungsakt

Auch angesichts der schrittweisen Beseitigung aller noch 1848 erkämpften Rechte schlägt die deutsche Reaktion immer brutaler zu.

Im Zuge von Ermittlungen, die in vielen deutschen Staaten zu den so genannten „Kommunistenprozessen“ führen, muss schließlich auch der Osnabrücker Johann Heinrich Schucht eine Razzia über sich ergehen lassen. Federführend bei allen Maßnahmen ist neben dem kommissarischen Bürgermeister Pagenstecher unter anderem Stadtrichter Dr. Droop sowie Dr. Franz Mathias Wiemann, seines Zeichens Magistratsmitglied und oberster Osnabrücker Polizeikommissar.

Der Osnabrücker Magistrat hatte bereits Stüves Zirkular vom März 1850 aktiv dazu genutzt, um nicht nur über die in der Stadt bestehende Zigarrenarbeiterorganisation und den Arbeiterbildungsverein zu berichten. Wichtig war den Inquisitoren der Stadtspitze, auch die Lektüre der „Verbrüderung“ sowie der „Concordia“, Zentralorgan der Zigarrenarbeitergewerkschaft, besonders akribisch zu nutzen. Heraus kommt am Ende eine Bewertung des Arbeiterbildungsvereins, die es in sich hat. Die Schlussfolgerung der Ermittler klingt rückblickend wie eine Generalabrechnung mit den Ursprungszielen des Arbeiterbildungsvereins und der Osnabrücker Arbeiterverbrüderung:

„Um der Sache eine gute Außenseite zu verschaffen, zugleich aber den Hauptzweck besser, zu verfolgen, wurden sogenannte Arbeiterbildungsvereine‘ gebildet, die auf den ersten Blick viel Empfehlendes haben, wahrscheinlich aber mehr dahin streben, gefährliche und verderbliche Lehren unter der arbeitenden Klasse zu verbreiten, als für die wahre Wissenschaft und Bildung zu sorgen“, heißt es im Originalton.

Kurzum: Für den Magistrat steht nach diesen Spekulationen fest, dass die Leiter der Assoziationen keine „Verbesserung der Arbeiterverhältnisse, sondern den Umsturz“ planen.

Johann Heinrich Schucht wird auf der Basis derartiger Ermittlungen auch menschlich ungemein hart angegangen. Die Ehe mit einer Osnabrückerin, die er zuvor eingegangen ist, wird brutal annulliert. Auch sein ordentlich per Prüfung und Meisterstück erworbene Titel eines Tischlermeisters wird ihm rigoros aberkannt.

Schucht wird schließlich inquisitorisch verhört und danach aus der Stadt und aus dem Königreich Hannover ausgewiesen. In mehreren deutschen Staaten steht er auf einer Art Fahndungsliste. Vor allem die Polizeipräsidenten Preußens und Hannovers, sie heißen für Hannover Karl Georg Ludwig Wermuth und für Preußen Wilhelm Stieber, haben durch genaue Personenbeschreibung ein Auge auf ihn geworfen, Fakten zusammenstellen lassen und all dies örtlichen Polizeistellen übermittelt. Breite Solidarisierungen der Tageblatt-Redakteure und sozialer Demokraten können die restaurative Wende in Osnabrück ebenso wenig aufhalten wie ähnlich verzweifelte Versuche in allen deutschen Staaten. Schucht gelingt am Ende trotzdem die Flucht nach London, wo sich viele Tausend deutscher Demokraten und Sozialisten jener Zeit aufhalten.

Wie es weitergeht

Schuchts Ausweisung bedeutet noch nicht das endgültige Ende jener Osnabrücker Träume von einem sozialen und demokratischen Deutschland. Doch das Ende der Bewegung kommt unweigerlich und dermaßen konsequent, dass es Jahrzehnte brauchen wird, um neue zarte Pflanzen eines demokratischen Aufbruchs zu setzen.

 

 

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