Besonderer Film auf Osnabrücker Leinwand. OR-Interview mit IG-BAU-Sekretär Maik Bolduan
Weltweit soll am 15. Juni an arbeitende Menschen erinnert werden, die harte Arbeit bei der Gebäudereinigung verrichten. Wie könnte man den Alltag der Kolleginnen und Kollegen besser präsentieren als auf der Leinwand in einem eindrucksvoll produzierten Film? IG BAU-Gewerkschaftssekretär Maik Bolduan äüßerte sich im Gespräch über den Internationalen Tag der Gebäudereinigung, über eine besondere Kinovorführung im Cinema Arthouse Osnabrück – und über eine Branche, die fast unsichtbar arbeitet.
Hintergrund: Am Sonntag, dem 14. Juni 2026 – einen Tag vor dem Internationalen Tag der Gebäudereinigung – lädt die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) gemeinsam mit der anderen DGB-Gewerkschaft ver.di zu einer Sondervorführung des Films „Ich verstehe Ihren Unmut“ ins Cinema Arthouse Osnabrück ein. Der Film feierte Premiere auf der Berlinale 2026 und zeigt den erschöpfenden Alltag einer Objektleiterin im Niedriglohnsektor.
Der rote Teppich wird ausgerollt – für Menschen, die sonst unsichtbar bleiben. Für die OR sprach ich mit Maik Bolduan, Gewerkschaftssekretär der IG BAU und Organisator des Abends.
Lieber Maik, am Sonntag, dem 14. Juni, ladet ihr gemeinsam mit der IG BAU Gebäudereinigerinnen und Gebäudereiniger aus der Region zu einer ganz besonderen Kinovorführung ins Osnabrücker Cinema Arthouse ein — einen Tag vor dem Internationalen Tag der Gebäudereinigung. Der rote Teppich wird ausgerollt, es gibt eine Begrüßung und anschließend eine Podiumsdiskussion mit weiteren Infos. Diese Art eines Kino-Events ist ungewöhnlich für eine Gewerkschaft. Was hat euch zu dieser Idee bewogen — und warum nutzt ihr ausgerechnet das Kino?
Das Cinema Arthouse ist dafür bekannt, dass auch Filme gezeigt werden, die nicht dem Mainstream entsprechen, aber ihren Platz auf der Leinwand verdienen. Auch haben wir hier die Möglichkeit bekommen, neben dem bloßen Film einen politischen Rahmen setzen zu können. Das heißt, mit den Zuschauenden in den Dialog zu kommen und über das Thema und über die im Film handelnden Personen zu sprechen. Es geht dabei um eine Branche, die meist versteckt arbeitet und abseits des Publikumsverkehrs tätig ist. Wir wollen all dem eine Bühne geben. Auch war es symbolisch sehr schön, dass wir hier tatsächlich unseren GebäudereinigerInnen den „roten Teppich“ ausrollen können.
Der Film „Ich verstehe Ihren Unmut“ zeigt Heike, eine 59-jährige Objektleiterin, die täglich zwischen Unternehmensleitung, Kunden und Reinigungskräften aufgerieben wird — moralische Grenzen inklusive. Der Film feierte Premiere auf der Berlinale. Er wird von Kritiker*innen bereits in einem Atemzug mit dem britischen Filmemacher Ken Loach genannt. Was hat dich an genau diesem Film für diesen Abend überzeugt — und was glaubst du: Werden deine Kolleginnen und Kollegen sich auf der Leinwand wiedererkennen?
Ich habe den Trailer zum Film gesehen. Und mich hat fasziniert, wie die Kameraführung im Film die Schauspieler*innen dargestellt hat. Die Kamera ist immer im Geschehen. Sie ist dabei und mittendrin. Der Trailer wirkte nicht wie eine Hochglanzproduktion, dafür aber real und lebendig. Man wird mitgenommen in eine Welt, die einem ansonsten verborgen bleibt, wenn man nicht ihr arbeitet. Ich bin gespannt, wie der Film die verschiedenen Konfliktfelder darstellt, die mir aus meiner Arbeit als Gewerkschaftssekretär natürlich gut bekannt sind. Auch habe ich mit Interesse gelesen, dass die Hauptdarstellerin Heike eine Kollegin aus der Branche ist und keine Schauspielerin. Sie soll aber einen unfassbar guten Job vor der Kamera gemacht haben.
Du sprichst von Konfliktfeldern, die euch aus eurer Arbeit bekannt sind. Die Gebäudereinigung ist mit rund 700.000 Beschäftigten in Deutschland das beschäftigungsstärkste Handwerk überhaupt — und doch bleibt die Branche gesellschaftlich weitgehend unsichtbar. Was sind das für Konflikte, die du täglich in deiner Arbeit als Gewerkschaftssekretär erlebst — und warum bekommt diese Branche so wenig öffentliche Aufmerksamkeit?
Viele Menschen nehmen es meiner Meinung nach merkwürdigerweise erst wahr, dass ein Mensch die Büros, Flure und Sanitärbereiche reinigt, wenn ausnahmsweise einmal nicht gereinigt wird. Wenn die Arbeit also schlicht nicht erledigt wird. Dann wird das allerdings negativ wahrgenommen. Das Tagewerk der KollegInnen wird aber selten gesehen, weil sie zumeist dann arbeiten, wenn ansonsten niemand mehr, zum Beispiel im Büro oder in der Schule, anwesend ist. Die KollegInnen kommen oft früh morgens, bevor die reguläre Arbeit beginnt oder spät abends, wenn schon alle gegangen sind. Somit sind die Reinigungskräfte für die meisten Menschen schlicht unsichtbar. Was dazu führt, dass sie auch keine Wertschätzung erfahren. Wer sollte sie ihnen auch geben, wenn sie alleine ihre Arbeit verrichten? Viele KollegInnen in der Branche arbeiten darüber hinaus auch unter vielen anderen schwierigen Bedingungen. Eine Vollzeitstelle für jemanden in der Gebäudereinigung gibt es selten, fast alle arbeiten in Teilzeit. Sie müssen häufig für KollegInnen einspringen, wenn mal jemand fehlt. Es werden oft Schichtpläne aufgrund von Personalmangel umgeworfen. Und Mehrarbeit auf Zuruf wird vorausgesetzt. Eine Planung des Privatlebens ist hier fast unmöglich. Auch gibt es häufig Fälle in der Branche, wo nicht alle geleisteten Stunden bezahlt werden. KollegInnen, die sich dann wehren können, weil sie Mitglied der Gewerkschaft sind, bekommen dann auch ihre Rechte durchgesetzt. Aber viele nicht in der Gewerkschaft organisierte KollegInnen bekommen dann weniger und wissen auch oft nicht ausreichend Bescheid um ihre Rechte. Dies wird, auch von einigen Arbeitgebern, meiner Meinung nach gezielt ausgenutzt, um die eigenen Gewinne zu steigern. Auch ist sicher eines der Probleme der Branche, dass sie zumeist migrantisch geprägt ist. Die Sprachbarriere und die mangelnde Kenntnis im deutschen Arbeitsrecht verstärkt die Möglichkeit zur Ausbeutung durch die Arbeitgeber. Der Gender-Pay-Gap in Deutschland ist ja ein bekanntest Problem. In einer zumeist weiblich geprägten Branche verstärkt sich hier natürlich dann die Problematik aus hoher Ausbeutung der persönlichen Arbeitskraft und aus der geringen Bezahlung noch. Die hohe Teilzeitquote macht dies noch stärker.
Ihr habt die Veranstaltung gemeinsam mit ver.di organisiert, um bewusst alle Gebäudereinigerinnen einzuladen — egal, ob sie im privaten oder öffentlichen Bereich arbeiten. Gewerkschaften gelten manchmal als Konkurrenten um Mitglieder. Was sagt es über diesen Abend aus, dass IG BAU und ver.di hier an einem Tisch sitzen — und was erhofft ihr euch von dieser gemeinsamen Botschaft an die Beschäftigten in der Region?
Ich sehe uns hier nicht als Konkurrenz. Unter dem Dach des DGB sind unsere Branchen klar geregelt und die Zuständigkeiten aufgeteilt. Wir, die IG BAU, organisieren die privatwirtschaftlichen Unternehmen der Gebäudereinigung. Mit dem Bundesinnungsverband der Gebäudereinigung haben wir gute Tarifverträge abgeschlossen. Und der Lohntarifvertrag für den Mindestlohn ist sogar durch das Bundesministerium für Arbeit allgemeinverbindlich erklärt worden. Hier haben wir klare Maßstäbe gesetzt – oberhalb des gesetzlichen Mindestlohns. Seit Januar 2026 gilt in der Branche für die Lohngruppe 1 deswegen ein Mindestlohn von 15 Euro für alle Reinigungskräfte in der Branche.
Verdi verhandelt hier mit den öffentlichen Trägern ihre eigenen Tarifverträge. Und das ist auch gut so, da diese KollegInnen sonst nicht vertreten werden. Ich erhoffe mir in Zukunft mehr gemeinsame Aktionen und Zusammenarbeit. In diesem Monat werden sich unsere Tarifkommissionen auch wieder zusammenfinden und neue Forderungen für 2027 formulieren. Wir von der IG BAU gehen also in die nächsten Forderungen, da sich die Löhne und Arbeitsbedingungen eben nicht von alleine entwickeln. Die Ziele dafür werden von den ehrenamtlichen KollegInnen in den Tarifkommissionen formuliert, das heißt, von KollegInnen aus der Branche. Nicht von den Gewerkschaftssekretären im Büro. Was am Ende erreicht wird, hängt immer von unserer Stärke ab. Hier ist es aber auch wichtig, zusammenzuarbeiten und sich solidarisch untereinander zu zeigen.
Der Abend endet nicht mit dem Abspann. Du selbst wirst die Veranstaltung eröffnen. Eine Betriebsrätin und ehrenamtliche Vorstandskollegin sowie ein Teamleiter aus dem Bereich Gebäudereinigung werden mit dir auf dem Podium sitzen. Menschen also, die die Branche von innen kennen. Was soll diese Diskussionsrunde leisten, was der Film alleine nicht kann — und welche Botschaft sollen die Zuschauerinnen und Zuschauer an diesem Abend mit nach Hause nehmen?
Mein Kollege auf dem Podium ist Gewerkschaftssekretär und Teamleiter der IG BAU für den Bereich Gebäudereinigung. Er ist ein erfahrener Mann, der schon vieles erlebt hat: von Streiks bis zu sehr persönlichen Schicksalen aus der Branche. Die ehrenamtliche Kollegin aus dem Vorstand gehört auch der Bundesfachgruppe an, die gerade die Forderungen für die nächste Tarifrunde aufstellt. Beide sind sehr kompetent, beide langjährig dabei. Sie kennen diese Branche. Ich fand die Idee mit dem Film großartig – aber es wäre schade, wenn alle nach dem Abspann einfach rausgehen, ohne dass man über das Gesehene spricht. Es wird sicher vielerlei Emotionen geben, und diese möchte ich nutzen. Ich möchte das Gesehene besprechen und den Kolleginnen einfach einmal zuhören. Neben den eingeladenen Reinigungskräften werden auch weitere Gäste anwesend sein – die können dann sicher einiges mitnehmen, was sie so noch nicht wussten über eine Branche, in der so viele arbeiten, aber so wenige gesehen werden. Und ja – wir werden die Plattform natürlich auch nutzen, um auf die kommende Tarifrunde aufmerksam zu machen.
ICH VERSTEHE IHREN UNMUT
Die Filmvorführung – zusammengefasst
Im Flyer dazu heißt es würtlich: „Ein Film über Euren Alltag. Über Zeitdruck, Personalmangel und den täglichen Kampf um Würde im Niedriglohnsektor. Ehrlich, nah und leise hoffnungsvoll. Mit Sabine Thalau in der Hauptrolle, gefeiert auf der Berlinale 2026.“
Sondervorstellung mit anschließender Podiumsdiskussion
- Sonntag, 14. Juni 2026, 15:00 Uhr Cinema Arthouse, Osnabrück
- Für IG BAU- und ver.di Mitglieder kostenlos.
- Kolleginnen, die nicht Mitglied sind, zahlen an der Abendkasse.












