Wie ich sehr früh in den Konflikt mit dem Zeitgeist geriet
Zuweilen habe ich es ja schon anklingen lassen: Als überzeugter Radfahrer habe ich schon früh eine deutliche Distanz zum Auto besessen. Beim Nachdenken über meine Haltung, die zuweilen lauten Protest auslöst, fiel mir eine Begebenheit aus der Albert-Schweitzer-Schule im Jahre 1964 ein. Die folgende Erzählung mag verstehbar machen, warum meine Skepsis zu PS und brummenden Vehikeln offensichtlich schon sehr früh begann.
Als ich fünf Jahre alt wurde, war es nicht mehr zu übersehen: Ich besaß einen Bruder! Am Anfang kam der mir ziemlich mickrig vor. Meistens pflegte er zu schlafen. Wenn wir ausgingen, legte Mutti ihn sanft in einen Kinderwagen. Dieses Gefährt war für mich aber eher ein rollendes Schlafbett. Langweilig irgendwie. Sobald ich dem Fahrzeug einen kräftigen Schubs gab, damit ein wenig Tempo in den Alltag geriet, kam das nie besonders gut an. Vorsichtiges Schieben empfand ich als langweilig. Das machte ohnehin meistens Mutti. Also wurde ich bezüglich eigener Fahrpraxis zurückhaltender und beschränkte mich dafür auf mein Fahrrad. Immerhin waren dessen Stützräder soeben abgeschraubt worden und hatten aus mir einen stolzen Pedalritter gemacht.
Dann jedoch kam der Tag, der alles veränderte. Dabei geschah eigentlich nur, was alle Familien mit wachsendem Nachwuchs erleben: Mein Bruder erhielt nämlich das Gefährt, das Osnabrücker als „Kuddel“ bezeichnen. Also einen Kinderwagen für junge Zweibeiner, die sich noch mit Gehbehinderungen herumplagen müssen. Mit anderen Worten: Ein mechanisch getriebenes Fortbewegungsmittel, das immerhin Frischluft und freie Sicht auf die Außenwelt garantiert.
Mein erster Sportwagen
Mein Problem sollte auftreten, nachdem ich voller Neugier nach dem Namen des nagelneuen Fahrzeugs gefragt hatte. Denn alles hatte ja, wie ich täglich lernte, einen Namen. „Das ist ein Sportwagen“, klärte mich Mutti auf. Ich nickte, murmelte das Wort still vor mich hin, prägte mir den Begriff fest ein und ergänzte auf diese Weise meinen Wortschatz. Dass ähnlich komponierte Schiebe-Fahrzeuge um mich herum oft auch „Karre“ oder „Kuddel“ hießen, fiel mir nie besonders auf. In Wahrheit war es der Beginn eines späteren Desasters.
Nun denn: Unsere Familie besaß immerhin einen brandneuen Sportwagen! Es war zwar nur ein kleiner Einsitzer für Menschen mit weit unter 20 kg Körpergewicht, aber immerhin. Solch ein schnittiges Gefährt war schon was! Vor allem deshalb, weil es in unserer Familie gewissermaßen der Zweitwagen war. Denn Papa fuhr inzwischen einen nagelneuen Simca 1.000, in den wir alle passten, sogar der neue Sportwagen für meinen Bruder.
Da ich naturgemäß bescheiden war, brüstete ich mich nie damit, dass unsere Familie einen Sportwagen besaß. Womöglich habe ich sogar nie darüber gesprochen. Ich hätte sonst wahrscheinlich völlig problemlos von Osnabrücker Mitschülern erfahren, dass deren Geschwister mit einer Kuddel statt mit einem Sportwagen über die Bürgersteige geschoben wurden. Irgendwann war das ohnehin kein Thema mehr, denn mein Bruder konnte inzwischen laufen. Und der Sportwagen hatte schon lange irgendeinen Käufer gefunden.
Außerdem hatte ich Fahrzeuge mit vier Rädern ohnehin schon früh für mich abgeschlossen. Während mein Bruder alltäglich mit Matchbox-Autos spielte, versammelte ich ganze Heerscharen von Rittern, Cowboys und Indianern um mich herum, mit denen ich spielfilmreife Abenteuer erlebte. Somit war das Nachdenken über fahrbare Untersätze für mich eigentlich abgehakt. Dachte ich zumindest.
Wie das Unglück seinen Lauf nahm
Das Unglück nahm seinen Lauf, als die schrille Klingel der Albert-Schweizer-Schule zur Kunststunde läutete. Ein angenehmer Klang, denn Kunst gehörte schon in der 4. Klasse zu meinen Lieblingsfächern. Im Gegensatz zu meinen Bewertungen in Deutsch, Mathe oder Heimatkunde wurde ich hier sogar meistens gelobt und gut beurteilt. Also jetzt Kunst: Mit strengem Blick erteilte uns die Klassenlehrerin, sie hieß Frau Hildebrand, das Thema unseres Werkes, das in jener Stunde mit tropfenden Pelikan-Wasserfarben entstehen sollte.
„Heute malen wir einen Sportwagen!“, startete die Dame das künstlerische Schaffen. Alle Jungen außer meiner Person brachen in wahre Jubelchöre aus. Einige reckten ihre Hände in den Himmel, als wenn sie auf diesen Moment seit ihrer Einschulung gewartet hätten. Tatsächlich: Die Aufgabenstellung schien das Thema ihres Lebens zu sein! Nur ich blieb vollkommen ruhig. Warum einige laut „Brrrrummm, brrrummm!“ riefen, verstand ich nicht. Ratlos betrachtete ich meinen Tuschkasten, um nicht allzu verlegen gegenüber den Geschlechtsgenossen zu wirken.
Die meisten Mädchen reagierten überraschenderweise ähnlich verhalten wie ich. Ich erschrak vor mir selbst: Hatte ich plötzlich etwas Mädchhaftes an mir? War ich nicht ganz normal? Das wäre schrecklich! Ich bemühte mich also, zumindest etwas bestimmter zu gucken als die Mitschülerinnen.
„Komisch!“, dachte ich vor mich hin, während ich meinen Pinsel das erste Mal ins Wasser tauchte. Die meisten Mädchen, die ich von Ferne kannte, schoben begeistert Kinderwagen oder auch Sportwagen vor sich her, in welche sie ihre dämlichen Puppen quetschten. Und so etwas sollte ich jetzt malen?
Ein Kunstwerk nimmt Gestalt an
Egal. Ich malte also meinen eigenen Heiko-Sportwagen. Trotz technischer Minderbegabung gelang mir das Werk, wie ich befand, zufriedenstellend. Ich beließ es allerdings bei der Abbildung eines bunten Sportwagens. Meinen Bruder, der mittlerweile ja keinen mehr fuhr, ließ ich malerisch außen vor. Da ich schneller als andere gearbeitet hatte, nahm ich mir nach Fertigstellung zurückgelehnt die Zeit, den trocknenden Sportwagen zu betrachten. Ich war zufrieden.
„Fertig!“, schrie plötzlich Frau Hildebrand in die Klasse. „Jetzt bitte die Blätter trocknen lassen und alles wieder saubermachen!“, ergänzte die Klassenlehrerin. Während sie mit strengen Augen beobachtete, wie ihre Aufforderung befolgt wurde, begann sie ihren Gang durch die Reihen. Denn auf den Tischen lagen ja bereits alle Werke. Die meisten davon trockneten schnell.
Die Lehrerin durchstreifte geheimnisvoll die Stuhlreihen. Warum Frau Hildebrand plötzlich mein Bild als erstes ergriff, es ruckartig hochhob und diesen Schritt mit einem glucksenden Lachen ergänzte, begriff ich nicht. Aber ich fragte mich eh nie danach, nach welcher Logik Lehrkräfte auf irgendwelche Situationen reagierten.
Gegröle des Schreckens – und das zarte Happy End
Das persönliche Desaster, das mich kurz darauf ereignete, konnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht einmal erahnen. Erst in dem Moment, als Frau Hildebrand mein Produkt deutlich erkennbar in die Höhe hob, damit es jedermann betrachten konnte, erahnte ich, was geschehen war.
Denn im gleichen Moment hatte ich zum ersten Mal irritiert auf die Tische der Nachbarn geblickt. Und siehe da: Auf jedem Tisch lag ein Blatt mit mehr oder weniger gelungenen Kraftfahrzeugen. Ein Auto bunter als das andere. Schnittig! Viele ohne Dach, manche mit dämlich grinsenden Fahrern.
In der Klasse grinste nur Frau Hildebrand. Der Rest der Meute grölte. Und zwar ohrenbetäubend.
„Heiko hat `ne Kinderkuddel gemalt!“, prustete irgendein Zeitgenosse vor sich hin. Das Gegröle wurde noch ohrenbetäubender. Wahrscheinlich habe ich all jene Schmährufe, die jetzt folgten, verdrängt. Meine liebevoll gemalte Kinderkuddel würdigte ich jetzt jedenfalls mit keinem einzigen Blick mehr. Irgendwann sammelte Frau Hildebrand alle Werke ein, und meines landete endlich anonym im Klassenstapel. Als es endlich zum Schulschluss klingelte, grölten einige noch immer. Sobald jemand mit dem Finger auf mich zeigte, wurde das Grölen ohrenbetäubend laut. Und auch die Lehrerin verabschiedete mich mit einem ziemlich dämlichen Abschiedsgrinsen.
Womöglich erklärt mein tragisches Kindheitserlebnis nun, weshalb ich mich mein Leben lang nie nach einem Sportwagen gesehnt habe und heute viel lieber Fahrrad fahre. Fahrrad statt Ferrari! Trotzdem erlebte mein traumatisches Kindheitserlebnis am Ende doch noch einen versöhnlichen Ausklang. In der nächsten Kunststunde gab Frau Hildenbrand die Bewertungen der gemalten Bilder bekannt. Gewohnheitsmäßig gab es bei dieser kritischen Lehrerin eher schlechte Zensuren. Für mich ausnahmsweise nicht: Als einziger bekam ich ein „gut“. Jetzt grinste ich – und die anderen guckten bedeppert aus der Wäsche.












