Die erste bekannte Heiratsannonce der Welt – erschien heute vor 330 Jahren

Der Engländer John Houghton gab seit den 1680er-Jahren eine Wochenzeitung mit dem handlichen Titel „A Collection for Improvement of Husbandry and Trade“ heraus. Darin stellte er Errungenschaften aus Landwirtschaft und Gewerbe vor und erteilte nützliche Ratschläge zum Umgang mit Vieh, Hopfen, Mais und Schafswolle. Irgendwann kam er auf die Idee, sich neben den Bedürfnissen liebeskranker Nutztiere auch den einsamen Herzen der Landbevölkerung zu widmen.

Am 19. Juli 1695 musste Houghton seiner Leserschaft zunächst erklären, worin Zweck und Vorteil dieser neuartigen Geschäftsidee lagen. Eine solche Anzeige, schrieb er, könne sich „als sehr nützlich erweisen“. Schließlich werde „niemand etwas von der Angelegenheit erfahren“ – jedenfalls nicht durch ihn, denn Diskretion gehörte offenbar schon damals zu den Leistungen, die besonders zuverlässig erbracht wurden, wenn man dafür bezahlte. Außerdem müsse ein später glücklich verheiratetes Paar ja niemandem erzählen, auf welchem Wege es zueinandergefunden habe. Man konnte schließlich behaupten, man habe sich zufällig beim Kauf von Schafswolle kennengelernt.

Dann erschien die mutmaßlich erste Heiratsannonce:
Ein „Gentleman um die 30 Jahre mit ansehnlichem Besitz“ suchte „eine gute junge Dame, die ein Vermögen von etwa 3.000 Pfund hat“.

Romantik war also von Anfang an eine Frage der Liquidität. Bescheiden war der Herr jedenfalls nicht: Ein Tischler verdiente damals ungefähr zwei Schilling am Tag. Der Gentleman suchte weniger die Frau fürs Leben als eine frühkapitalistische Vermögensverschmelzung mit weiblichem Begleitprogramm.

Es folgte noch ein zweiter Versuch. Diesmal erklärte sich ein Vater bereit, 1.000 Pfund zu investieren, falls sein 25-jähriger Sohn auf diesem Wege die richtige Frau finden sollte. Der junge Mann sei „in einem sehr guten Geschäft“, außerdem „ein nüchterner Mann“ und von seinen Eltern als „Dissenter“, also als Andersdenkender, erzogen worden.

Dass seine Nüchternheit ausdrücklich erwähnt wurde, war vermutlich ein starkes Verkaufsargument. Der Sohn hatte Arbeit, trank offenbar nicht ständig und verfügte über religiöse Ansichten, die von der Mehrheit abwichen. Für das ausgehende 17. Jahrhundert war das wahrscheinlich schon beinahe ein Traumprofil.

Apropos Frauen: Die erste bekannte Kontaktanzeige einer Frau wurde erst 32 Jahre später gedruckt. Im Jahr 1727 überredete die alleinstehende Engländerin Helen Morrison den Herausgeber des „Manchester Weekly Journal“, eine kleine Anzeige für sie zu veröffentlichen. Darin erklärte sie, sie suche einen Mann, mit dem sie ihr Leben angenehm verbringen könne.

Helen erhielt tatsächlich sofort eine Reaktion.Allerdings nicht von einem heiratswilligen Mann, sondern vom Bürgermeister. Der ließ sie für vier Wochen in eine Irrenanstalt einweisen. Ein Mann, der öffentlich eine wohlhabende Frau suchte, galt als geschäftstüchtig. Eine Frau, die öffentlich einen netten Mann suchte, galt als verrückt.

Damit waren die Grundregeln der Partnersuche für die kommenden Jahrhunderte festgelegt.

Judith Kessler
Judith Kessler
Judith Kessler ist Sozialwissenschaftlerin, Redakteurin und Autorin mit den Schwerpunkten jüdische Migration, Gegenwartskultur und Biografieforschung.
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