Am 13. Juli 1709 gründet Giovanni Baptist Farina in Köln sein Geschäft „G. B. Farina“
Er ist der ältere Bruder von Giovanni (Johann) Maria Farina, der um 1700 aus dem Piemont nach Köln zugewandert war, wo sein Bruder schon mit „französisch Kram“ handelte – mit Bändern, Knöpfen, Seidenstrümpfen, Gürteln, Schnallen, Perücken, Puder usw.
Am 13. Juli 1709 gründete Giovanni Battista Farina in Köln das Unternehmen „G. B. Farina“. Die Familie stammte aus Santa Maria Maggiore im piemontesischen Val Vigezzo, einer Gegend, aus der viele Händler in die europäischen Handelsstädte ausgewandert waren.
Farina verkaufte zunächst keinen Duft, sondern sogenannten „Französisch Kram“: goldene und silberne Bänder und Knöpfe, Seidenstrümpfe, Gürtel, Schnallen, Schmuck, Perücken, Puder, Toilettenwasser und alles, was die besser gestellten Menschen jener Zeit benötigten, um ihren Reichtum möglichst unübersehbar am Körper zu tragen.
Sein jüngerer Bruder Giovanni Maria, später Johann Maria Farina genannt, war bereits um 1700 nach Köln gekommen, trat aber erst 1714 offiziell in das Geschäft ein. Als Einlage brachte er kein Geld mit, sondern etwas wesentlich Wertvolleres: die Rezeptur für ein neuartiges Duftwasser.
Farina beherrschte die Kunst, ätherische Öle in hochprozentigem Alkohol zu lösen und daraus einen leichten, frischen und gleichbleibenden Duft herzustellen. Zwar waren sogenannte Aquae mirabiles, also „Wunderwasser“, schon länger bekannt. Sein Duft unterschied sich jedoch grundlegend von den schweren Parfüms seiner Zeit, die vor allem auf Moschus, Zimt, Sandelholz und anderen möglichst durchschlagenden Essenzen beruhten. Das war auch nötig, denn Körperpflege bestand an manchen europäischen Höfen über längere Zeit hauptsächlich darin, Gerüche nicht zu beseitigen, sondern militärisch zu übertönen.
Farina setzte dagegen auf Bergamotte, Zitrone, Orange, Limette, Grapefruit, Kräuter und Blüten. Über seine Kreation schrieb er:
„Mein Duft ist wie ein italienischer Frühlingsmorgen nach dem Regen, Orangen, Pampelmusen, Citronen, Bergamotte, Cedrat, Limette und die Blüten und Kräuter meiner Heimat.“
In einer anderen überlieferten Fassung ist von Bergnarzissen und Orangenblüten kurz nach dem Regen die Rede. Gemeinsam ist beiden Versionen die Erinnerung an einen italienischen Frühlingsmorgen – gewissermaßen Heimatweh in hochprozentigem Alkohol.
Zu Ehren seiner neuen Heimatstadt nannte Johann Maria Farina den Duft später „Eau de Cologne“. Zunächst war das allerdings kein Verkaufsschlager. Das Duftwasser blieb lange ein Nebengeschäft neben Bändern, Knöpfen, Perücken und dem übrigen französischen Kram.
Hinzu kam, dass die Farinas als auswärtige Händler in Köln nicht überall willkommen waren. Um das Bürgerrecht zu erhalten, mussten Zugewanderte ihren katholischen Glauben nachweisen, eine Gebühr bezahlen und einer Zunft beitreten. Selbst nach ihrer Einbürgerung wurden die italienischen Kaufleute von einheimischen Handwerkern und Händlern angefeindet, die in ihnen unliebsame Konkurrenz sahen. Katholisch waren die Farinas zwar – aber offenbar nicht kölsch genug.
Außerdem war der italienische Frühlingsmorgen ein ausgesprochen teures Vergnügen. Um 1720 kostete eine Flasche ungefähr einen Reichstaler. Ein selbstständiger Handwerksmeister verdiente damals etwa vier Reichstaler im Monat. Farinas Duft war also nichts, was man sich nach dem Wocheneinkauf noch spontan an der Kasse mitnahm.
Dafür blieb die Zusammensetzung dank sorgfältiger Auswahl der Rohstoffe und einer gut organisierten, manufakturartigen Produktion erstaunlich gleichmäßig. Farina schuf damit im Grunde eines der ersten modernen Markenparfüms: Wer eine Flasche kaufte, sollte nicht nur einen angenehmen Duft erhalten, sondern überall und jederzeit denselben.
Sehr hilfreich war außerdem, dass Farina sein Eau de Cologne nicht bloß als Duft, sondern zeitweise auch als medizinisches Heilmittel anpries. Noch bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts lag den Flaschen eine Gebrauchsanweisung bei, die aufzählte, gegen welche Krankheiten das Kölnisch Wasser angeblich helfen sollte. Man konnte es äußerlich anwenden, inhalieren, auf Zucker träufeln oder sogar trinken. Es sollte beleben, erfrischen, den Magen beruhigen und nach Ansicht mancher Hersteller sogar vor der Pest schützen. Die medizinische Beweislage war ungefähr so überzeugend wie bei heutigen Entgiftungstees, aber das Marketing funktionierte.
Nach dem Tod seines Bruders übernahm Johann Maria Farina 1732 allein die Firma. Er baute das Duftgeschäft aus und knüpfte Handelsbeziehungen in ganz Europa. Zu den frühen Kunden gehörten Friedrich Wilhelm I. von Preußen und der Kölner Kurfürst Clemens August. Während des Siebenjährigen Krieges sorgten vor allem französische Offiziere dafür, dass sich der Duft in Frankreich verbreitete. Später bestellten Könige, Kaiserinnen, Adlige, Geistliche, Dichter und andere Menschen, deren Geruch schon aus gesellschaftlichen Gründen angenehm zu sein hatte.
Mit dem Erfolg kamen erwartungsgemäß die Nachahmer. Um 1750 eröffnete ein entfernter Verwandter die Firma „Johann Anton Farina zur Stadt Mailand“. Da es noch keinen wirksamen Markenschutz gab, ergänzte Johann Maria Farina seinen Firmennamen um die Ortsangabe „gegenüber dem Jülichs-Platz“. Daraus entstand später die Kurzbezeichnung „Farina gegenüber“.
Nach Johann Maria Farinas Tod am 25. November 1766 wurde die Lage noch unübersichtlicher. Während der französischen Herrschaft wurde die wirtschaftliche Niederlassungsfreiheit erweitert, und immer mehr Hersteller produzierten eigenes Kölnisch Wasser. Weil „Farina“ – zu Deutsch „Mehl“ – in Italien kein seltener Name war, fanden sich stets irgendwelche Farinas, die bereit waren, ihren Namen an einen Duftwasserfabrikanten zu vermieten.
Zeitweise existierten in Köln mehr als fünfzig Unternehmen, die Eau de Cologne herstellten und sich vielfach mit dem Namen Farina schmückten. Einer dieser Nachahmer wurde schließlich bekannter als das Original: Wilhelm Mülhens vertrieb seit 1799 Kölnisch Wasser in der Glockengasse und nannte sein Unternehmen zunächst „Franz Maria Farina, Glockengasse 4711, Cöln“. Erst nach jahrzehntelangen Rechtsstreitigkeiten wurde den Mülhens 1881 endgültig untersagt, den Namen Farina zu verwenden. Danach entwickelte sich „4711“ zur eigenständigen Marke.
Omas gruseliges „4711. Echt Kölnisch Wasser“ ist deshalb zwar keine Fälschung des Farina-Duftes im heutigen strafrechtlichen Sinn, stammt aber eindeutig aus jener frühen Kölner Tradition kreativer Produktnachahmung: Man kopierte weniger die geheime Rezeptur als den berühmten Namen, die Herkunft und das Ansehen des Originals.
Zu Farinas prominenten Kunden gehörten im Laufe der Jahrhunderte unter anderem Mozart, Goethe, Napoleon Bonaparte, Beethoven, Heinrich Heine, Oscar Wilde und Queen Victoria. Goethe bestellte 1814 sechs Gläser vom Duft der „feinen Gesellschaft“, und Queen Victoria soll es gleich auf 600 Flaschen gebracht haben. Napoleon I. benutzte der Überlieferung nach so große Mengen, dass man vermuten könnte, er habe Europa nicht nur erobern, sondern gleichzeitig desodorieren wollen.
Und das „Eau de Pologne“?
Ganz erfunden ist die Geschichte nicht. Während des Ersten Weltkriegs wurden in Frankreich aus antideutscher Stimmung tatsächlich Versuche unternommen, deutsche oder deutsch klingende Bezeichnungen aus dem Alltag zu verbannen. „Eau de Pologne“ wurde dabei als Ersatzbezeichnung für „Eau de Cologne“ verwendet. Daneben kursierte auch „Eau de Louvain“, benannt nach dem von deutschen Truppen zerstörten belgischen Löwen.
Von einer dauerhaften, überall verbindlichen Umbenennung während beider Weltkriege kann jedoch keine Rede sein. Es handelte sich eher um eine patriotische Sprachmode des Ersten Weltkriegs – ähnlich dem späteren amerikanischen Versuch, aus „French Fries“ aus politischen Gründen „Freedom Fries“ zu machen. Das Parfüm blieb am Ende Eau de Cologne.
Und „Eau de Pologne“ blieb das, was der Name heute am ehesten vermuten lässt: entweder ein Scherz, ein süßliches Billigparfüm oder etwas, das man besser nicht mit dem gleichnamigen Wodka verwechselt.












