Marcel Proust wurde heute vor 155 Jahren geboren

Marcel Proust wurde heute vor 155 Jahren geboren

Marcel Proust, der Sohn des Arztes Adrienne Proust und der jüdischen Börsenmaklerstochter Janne Weil, hat mit der „Suche nach der verlorenen Zeit“ das monumentalste Romanwerk des 20. Jahrhunderts verfasst – und das, vor dem viele ob seiner über 5.000 Seiten oder Prousts Bandwurmsätzen zurückschrecken. Aber die „Suche“ lohnt sich. Sie ist nämlich auch saukomisch.

Nachdem Proust sich von einem eher humorlosen Frühwerk und seiner Besessenheit für die adlige beau monde gelöst hat, entwickelt er in der „Recherche“ einen wunderbar ironischen Stil und radikal neue Perspektiven. Er meditiert über kleine Dinge, als wären sie groß, und behandelt große Dinge, als wären sie klein. Mit Hyperhumor und schillernden Schnörkelsätzen verpackt er die Absurdität des menschlichen Daseins in eine gewaltige Gesellschafts- und Sittenkomödie – und zeichnet die Pariser High Society als ein dumpf-doofes „Reich des Nichts“.

Proust macht sich beispielsweise lustig über:

Möchtegern-Aristokraten:
„Je zweifelhafter die Titel, desto mehr Platz nehmen die Krönchen auf den Gläsern, dem Briefpapier und dem Gepäck ein.“

Die deutsche Philosophie, die nichts weiter sei als eine schlechte Nachahmung der alten griechischen – „aber mit Sauerkraut“.

Seinen launischen Freund Gilbert, der „wie jene gewissen Länder war, mit denen man kein Bündnis zu schließen wagt, weil sie allzu oft die Regierung wechseln“.

Eine Fehde zwischen Köchin und Küchenmagd, die mit Spargeln als Waffen ausgetragen wird – ausgerechnet einem Gemüse, von dem die Magd Asthma bekommt.

Madame Verdurin, die in der Kirche „so betäubt von der Fröhlichkeit der Gläubigen, betrunken von Kameradschaft, Verleumdung und Zustimmung auf ihrem Platz saß wie ein Vogel, dessen Schnabel in Glühwein getaucht worden war, und vor Güte schluchzte“.
(Swann)

Das Monokel des Marquis de Forestelle:
Es „war winzig, hatte keine Einfassung und erzwang eine unaufhörliche und schmerzhafte Kontraktion des Auges, in dem es wie ein überflüssiger Knorpel eingebettet war. Es verlieh dem Gesicht des Marquis eine melancholische Zartheit und brachte die Frauen zu dem Urteil, er sei zu großem Liebeskummer fähig.“
(Swann)

Albertines Tonfall:
„Während sie sprach, hielt Albertine den Kopf ruhig, zog die Nasenflügel zusammen und bewegte nur die Lippenspitzen. Das Ergebnis war ein träger, nasaler Ton, in dessen Zusammensetzung vielleicht provinzielle Vererbungen, eine jugendliche Affektiertheit britischen Phlegmas, die Lehren einer ausländischen Gouvernante und eine kongestive Hypertrophie der Nasenschleimhaut einflossen.“
(Im Schatten junger Mädchenblüte)

Den Marquis de Palancy:
Er „bewegte sich mit ausgestrecktem Hals, schräg gehaltenem Gesicht und dem großen runden Auge hinter dem Glas seines Monokels langsam durch den durchsichtigen Schatten und schien das Publikum im Orchester nicht deutlicher wahrzunehmen als ein vorbeiziehender Fisch. Zeitweise blieb er stehen, ehrwürdig, schnaufend und moosig, und die Zuschauer konnten nicht sagen, ob er Schmerzen hatte, schlief, schwamm, Eier legte oder lediglich atmete.“
(Die Welt der Guermantes)

Madame de Cambremer:
Sie „hatte zwei einzigartige Angewohnheiten, die sowohl auf ihre große Liebe zu den Künsten, insbesondere zur Musik, als auch auf ihre Zahnschwäche zurückzuführen waren. Jedes Mal, wenn sie über Ästhetik sprach, traten ihre Speicheldrüsen, wie die bestimmter Tiere während der Brunft, in eine Phase der Hypersekretion ein, sodass der zahnlose Mund der alten Dame am Winkel ihrer leicht schnurrbärtigen Lippen ein paar Tropfen ‚A‘ ausstieß.“
(Sodom und Gomorrha)

Baron de Charlus, der einem Musiker die Feinheiten des Adels erklärt:
„Was all die kleinen Herren betrifft, die sich Marquis de Cambremerde oder de Vatefairefiche nennen, so besteht zwischen ihnen und dem letzten Pioupiou ihres Regiments kein Unterschied. Ganz gleich, ob sie bei Gräfin Caca pinkeln oder bei Baronin Pipi kacken gehen: Es ist dasselbe. Sie haben ihren Ruf aufs Spiel gesetzt und ein klebriges Handtuch als Toilettenpapier benutzt.“
(Sodom und Gomorrha)

Und schließlich meine Lieblinge: die Zwillingsbrüder, deren Gesichter wie Tomaten aussehen.

Einer von ihnen ist bereit, für sexuelle Gefälligkeiten von „gewissen Herren“ Geld anzunehmen, der andere nicht. So vollkommen diese Ähnlichkeit auch sein mag – Monsieur Nissim Bernard, der für kleine Jungen anfällige Onkel Albert Blochs, kann ihr nichts Schönes abgewinnen. Denn er verwechselt immer wieder Tomate Nummer zwei mit Tomate Nummer eins. Das trägt ihm regelmäßig ein blaues Auge ein – und schließlich eine tiefe Abneigung gegen Tomaten überhaupt.

Bestellt fortan ein Reisender im Grandhotel Tomaten, mischt sich Nissim Bernard ein und klärt ihn darüber auf, dass die Tomaten heute leider faul seien. Am Ende der Saison sitzt der arme Koch auf einem gewaltigen Überschuss und hat keine Ahnung, dass sein wirtschaftliches Unglück mit zwei Zwillingsbrüdern begann, von denen nur einer bereit war, sich als männlicher Prostituierter zu betätigen.

So funktioniert Proust: Eine sexuelle Verwechslung führt zu einem blauen Auge, das blaue Auge zu einer Tomatenphobie und die Tomatenphobie schließlich zu einer gastronomischen Absatzkrise.

Große Literatur muss nicht immer erhaben sein. Manchmal reicht es völlig, wenn sie erklärt, warum ein Hotelkoch auf seinem Gemüse sitzen bleibt.
(Sodom und Gomorrha)

Judith Kessler
Judith Kessler
Judith Kessler ist Sozialwissenschaftlerin, Redakteurin und Autorin mit den Schwerpunkten jüdische Migration, Gegenwartskultur und Biografieforschung.
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