Kalla Wefel: „Diese WM ekelt mich derartig an, dass ich kein Spiel verpassen werde!“

Eine Weltmeisterschaft zwischen Friedensengeln, Funktionären und Fremdscham

Nun, selbstverständlich werde ich die Spiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit klammheimlich konsumieren. Natürlich nur aus rein wissenschaftlichem Interesse eines Augenzeugen, und zwar mit angewiderter Miene, heruntergelassenen Jalousien und der geistig-moralischen Grundhaltung eines Menschen, der erwartungsfroh in den Gully blickt, falls Infantino und Trump vermisst werden sollten.

Kurz gesagt: Diese WM ekelt mich derartig an, dass ich kein Spiel verpassen werde, denn es ist die Faszination vor dem Bösen, die mich hin und wieder sogar dazu bringt, RTL II zu schauen. Vor allem aber treibt mich die Hoffnung an, dass der Blitz dieses Mal nicht wieder den Linienrichter trifft und die Gullys in den USA endlich jene zivilisatorische Tiefe und mafiöse Breite erreicht haben, wie man sie von einer führenden Industrienation erwarten darf.

Ich liebe Fußball. Wirklich. Natürlich nicht diesen VIP-Logen-Hochglanzfußball, bei dem Menschen mit sehr teuren Uhren sehr wenig Ahnung vom Spiel haben, aber immerhin wissen, welcher Champagner am besten zur moralischen Verwahrlosung gereicht werden sollte.

Ich liebe den echten Fußball: Flutlicht, Stehplätze, Bratwurstduft, kalte Füße, durchnässte Kleidung. Diese Spiele, bei denen man schon nach wenigen Minuten denkt: „Warum tue ich mir diesen Scheiß bloß an? Wie blöd bin ich eigentlich?“, um dann am nächsten Morgen trotzdem wieder voller Hoffnung auf die Tabelle zu schauen.

Ich liebe dieses gemeinsame Leiden im VfL-Podcast nach Niederlagen genauso wie diese kollektive Selbstüberschätzung nach einem 1:0-Rumpelsieg gegen einen Gegner, dessen löchrige Abwehr auch fünf weitere Tore zugelassen hätte. Fußball ist für mich Lebenselixier. Der VfL ist – und das gilt genauso für alle Fußballfans dieser Erde mit ihren angestammten Vereinen – eine chronische Krankheit, aber eben auch Heimatliebe ohne jeden Nationalismus. Er ist regionaler Irrsinn mit Pommes, eine Ersatzreligion für Menschen, die mit Gott nichts anfangen können, aber bei einer Ecke in der Nachspielzeit plötzlich wieder beten.

Und häufig besteht Fußball nur aus ein paar endlos langen Stunden ohne jeden Erkenntnisgewinn, ist also völlig sinnlos und genau deshalb so schön. Er ist der letzte Ort, an dem man freiwillig friert, schreit, verzweifelt, weint und am Ende trotzdem behauptet, das alles habe etwas mit Glück zu tun.


Aber diese WM? Nein danke!

Diese Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko ist kein Fußballfest, sondern eine Verkaufsmesse mit angeschlossener Rasenfläche: 48 Mannschaften, 104 Spiele. Das ist kein Turnier mehr, das ist ein All-you-can-eat-Buffet für korrupte Funktionäre ohne Scheu vor Verdauungsstörungen.

Und selbst diese 104 Spiele stehen offenbar unter dem Vorbehalt, dass sich der Planet an diesen Tagen gnädig verhält, um nicht selbst als zwölfter Mann mit hohem Fieber ins Spielgeschehen einzugreifen. Mehrere Partien könnten wegen Hitzegefahr zur Gesundheitslotterie werden, manche womöglich gar nicht wie geplant stattfinden. Noch schöner: Die FIFA verbietet aus Sicherheitsgründen wiederbefüllbare Wasserflaschen, weil ein Plastikbehälter offenbar gefährlicher ist als ein Turnier, das bei Hochofentemperaturen über den Kontinent geprügelt wird. Ohne eigene Wasserflasche darf man also in aller Ruhe dehydrieren oder sich eine für 8,90 $ im Stadion kaufen.

Vor vielen, vielen Jahren hatte eine WM wenigstens noch den Anschein eines freudigen Weltereignisses, das durchaus der Völkerverständigung dienen konnte. Heute wirkt sie wie ein Mafiakongress, bei dem aus Versehen Sport betrieben wird. Der Fan ist nur noch Kreditkarteninhaber und dekoratives Stimmungsaccessoire für Fernsehbilder. Früher kaufte man eine Eintrittskarte, mittlerweile braucht man neben einer positiven Schufa-Auskunft auch einen Finanzberater, der einem schonend erklärt, dass man statt einer Karte für das Achtelfinale auch ein gebrauchtes Reihenhaus in der Dodesheide hätte kaufen können.

Die Fans werden am Flughafen nicht mehr von albern herumhüpfenden Maskottchen empfangen, was schon gruselig genug war, sondern von bis an die Zähne bewaffneten ICE-Agenten, ausgestattet mit dem Charme und der Herzlichkeit einer SA-Schlägertruppe. Unterdessen verschickt Trump schon mal die nächste militärische Grußkarte in Richtung Iran, denn wenn der Sport heutzutage Brücken baut, dann nur noch über moralische Abgründe.

Und über allem thront Gianni Infantino, dieser aalglatte Hohepriester des globalen Fußballausverkaufs mit der Ausstrahlung eines Sonnenstudio-Machiavellis.

Jeder Mensch hat das Recht, ein Arschloch zu sein!

Der groteskeste Höhepunkt: Donald Trump als Friedensengel!

Man muss diesen Satz ganz langsam lesen, um dem Verstand genug Raum und Zeit zu lassen, sich beleidigt in die Schmollecke zurückzuziehen. Donald Trump, diese orange lackierte Abrissbirne jedweder politischen Kultur, wird von der FIFA als Heilsbringer des Friedens hofiert. Der Mann, der selbst auf einer Pressekonferenz herumbrüllt wie Aale-Dieter auf dem Hamburger Fischmarkt, bekommt von Infantino den Heiligenschein aufgesetzt.

Kriegstreiber, Vergewaltiger, Kinderschänder, Gangster und Menschenhasser Trump als Friedenssymbol — das ist nicht nur absurd, das ist pervers. An dieser Stelle ist für mich der Punkt erreicht, an dem Satire ihre Sachen packen kann, weil die Realität inzwischen billiger, lauter und geschmackloser ist, als ich sie mir in meinen schlimmsten Fantasien vorstellen könnte.

Eine FIFA, die sich bei jeder politischen Frage sonst ohne Umschweife scheinheilig das Neutralitätsmäntelchen überstülpt, salbt ausgerechnet Kriegstreiber Trump zum Friedensapostel. Daneben steht Infantino und lächelt wie ein Gebrauchtwagenhändler beim Verkauf eines Unfallwagens mit Motorschaden und Blut im Kofferraum.


Und Deutschland?

Na, Deutschland macht natürlich ganz artig den Kotau. Was denn sonst? Man will ja nicht unangenehm auffallen. Also wird genickt, gelächelt, gereist, mitgespielt und, falls unbedingt erforderlich, hinterher wieder betroffen geguckt. Betroffenheit ist schließlich die höchste Eskalationsstufe deutscher Empörung.

Genau hier fügt sich auch DFB-Präsident Bernd Neuendorf nahtlos ins Bild ein: kein Aufschrei, kein sichtbares Fremdeln mit dieser lächerlichen Friedensattrappe aus dem Hause Infantino, sondern die beschwichtigende Funktionärssprache, in der selbst ein moralischer Totalschaden noch klingt wie ein bedauerlicher, aber irgendwie konstruktiver Beitrag zur Völkerverständigung. Neuendorf verteidigte die Vergabe des FIFA-Friedenspreises an Donald Trump sinngemäß mit dem Hinweis auf den beendeten Konflikt im Nahen Osten und die Rolle der USA. Das Irre daran ist, dass er es offenbar ernst meint und für Differenzierung hält.

Und damit niemand glaubt, hier rede irgendein verblödeter AfD-naher Stammtischbruder, der zu viel Müllermilch getrunken hat: Weit gefehlt. Neuendorf ist in der SPD, was die Sache noch tragischer und trostloser macht. Wenn selbst dort der Reflex nicht mehr lautet: „Was für eine groteske Auszeichnung!“, sondern: „Nun ja, man muss das differenziert betrachten“, dann weiß man, wie tief der deutsche Fußball in der Kunst des moralischen Abnickens bereits gesunken ist.

Und Julian Nagelsmann? Der sagt nach der WM-Gruppenauslosung in Washington, mit so einem Preis müsse verbunden sein, „dass man sich für die Zukunft für den Frieden auf der Welt einsetzt“. Trump sei schließlich „der einflussreichste Mann der Welt“. Nagelsmann meint das vermutlich diplomatisch, ganz nach dem Motto „Frieden durch Erwartungshaltung“ und „Weltpolitik als Teambuilding-Maßnahme“. Demnächst bekommt Putin dann bestimmt den Fair-Play-Wimpel überreicht, verbunden mit der Hoffnung, weniger Blutgrätschen einzusetzen. Kim Jong-un könnte man vorsorglich schon mal den Integrationspreis für das Entsenden nordkoreanischen Soldaten in russisch besetzte Gebiete der Urkaine verleihen, verbunden mit der Bitte, künftig wenigstens die Abseitsregel zu beachten.

So also spricht der deutsche Fußball über eine politische Groteske sondergleichen. Neuendorf verteidigt, Nagelsmann hofft, Infantino grinst, Trump glänzt und irgendwo im Hintergrund fragt sich der Fußball, wann er eigentlich aufgehört hat, Sport zu sein. Und es bleibt die Erkenntnis zurück, dass jeder Mensch das Recht hat, ein Arschloch zu sein, was in FIFA-Funktionärskreisen offenbar längst als Qualifikationsnachweis gilt.


Und die Medien?

Der „kicker“? Die NOZ bei uns vor Ort? Auch dort wird man gewiss wieder tapfer den Spagat üben: ein bisschen kritisches Stirnrunzeln in Zimmerlautstärke, damit die Gewissensabteilung nicht völlig verwest, und dann schnell zurück zu Viererkette, Kaderanalyse und der drängenden Frage, ob der linke Schienenspieler gegen Curaçao „für mehr Tiefe sorgen“ könne.

Schon bei den Turnieren in Russland und Katar war das Muster gut zu besichtigen: ein paar besorgte Absätze über Menschenrechte und ein bisschen moralisches Räuspern. Doch sobald der Ball rollte, landete die Haltung wieder in der Ablage für moralinsaure Stellungnahmen.

Der Sportjournalismus wird auch diesmal wieder seine schwierigste Disziplin meistern: mit gerunzelter Stirn in den Abgrund schauen und gleichzeitig die Aufstellungsgrafik schick gestalten. Erst ein Kommentar über die dunklen Seiten des Turniers, dann „Fünf Gründe, warum Deutschland trotzdem Weltmeister werden kann“.

Das ist vielleicht das Widerlichste: Alle, wirklich alle, wissen, was da läuft. Alle sehen diese obszöne Inszenierung aus Macht, Geld, Korruption und Autokratenkitsch, aber sobald die Hymne erklingt, löst sich der kritische Restverstand in Wohlgefallen auf. Dann wird aus Ekel Event, aus Kritik Kulisse und aus Haltung ein Hammertor.

Nein. Das ist keine Weltmeisterschaft. Das ist ein Karneval für Machtmenschen, eine Hochglanz-Beerdigung des Fußballs, bei der Infantino die Grabrede hält und Trump den Kranz mit goldener Schleife und vermutlich falsch geschriebenem Namen ablegt. Und irgendwo darunter liegt, begraben unter glitzerndem FIFA-Konfetti, der eigentliche Fußball: der Fußball der Kurven, der Vereinsheime, der Stehplätze, der kalten Füße, der schlechten Pässe, der sinnlosen Hoffnung und der ehrlichen Wut.

So sieht sich Trump selbst

Das ist der Super Bowl mit Elfmeter und Eckball, ein globales Unterwerfungsritual vor der Unterhaltungsindustrie, bei dem der Fußball nur noch als Pausenfüller zwischen Pop-Ikonen und moralischer Selbstauflösung dient. Im Endspiel gibt es nun sogar eine Halbzeitshow mit Madonna, Shakira und der südkoreanischen Boygroup BTS, also genau jene sakrale amerikanische NFL-Event-Messe, bei der der Sport dem Spektakel endgültig die Schuhe putzt.

Shakira darf die Hüfte kreisen lassen, Madonna weder Ball noch Töne treffen und BTS den Spotify-Algorithmus bedienen. Die FIFA nennt das Ganze dann „Kultur“, denn „komplette Kapitulation vor dem US-Eventzirkus“ hätte auf der Pressemitteilung zu sperrig geklungen. Wer danach noch glaubt, es gehe bei dieser WM in erster Linie um Fußball, hält wahrscheinlich auch Infantino für die Reinkarnation von Gandhi und Trump, wie er es ja bereits selbst gepostet hat, für die von Jesus.

Deshalb wird die Osnabrücker Rundschau über diesen Schwachsinn kein weiteres Wort verlieren. Kein Vorbericht, keine Gruppenspiel-Euphorie, keine taktischen Analysen, keine rührseligen Homestorys über Nationalspieler, die als Kinder angeblich schon mit einer zusammengerollten Socke gegen Garagentore geschossen haben. Nichts. Null. Schweigen. Konsequente journalistische Verachtung.

Jedenfalls ab jetzt. Zumindest nach dieser Kolumne. In echt jetzt. Also ehrlich mal …

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