Samstag, 26. November 2022

OR-Serie „Widerstand im Osnabrück der NS-Zeit“ – Folge 12: Ženja Kozinski

Die OR-Serie „Widerstand im Osnabrück der NS-Zeit“ (am Ende dieses Textes finden sich Links zu allen bislang erschienenen Folgen dieser Serie) widmet sich einem spannenden, aber bisher kaum bekannten Thema: Sie erinnert an mutige Menschen, die sich aktiv dem Naziterror und seinen menschenverachtenden Ideen widersetzt und dafür ihr Leben riskiert haben.

 

Ženja Kozinski
Ein jüdischer Offizier opfert sein Leben für die Widerstandsbewegung im OFLAG VI C

Ženja Evgenije (Eugen) Kozinski wurde 1912 in Kiew als Sohn russischer jüdischer Auswanderer geboren, die sich nach der Oktoberrevolution in Belgrad in Jugoslawien niederließen. Kozinski wurde Ingenieur. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs heiratete er. Dann wurde der 27jährige Offizier in der königlich jugoslawischen Armee.

Zenja Kozinski – Jüdisches Museum Belgrad

Das Königreich Jugoslawien wurde durch den Balkanfeldzug 1941 zerschlagen, Serbien nach der Besetzung Jugoslawiens durch die Wehrmacht im April 1941 zu einem Vasallenstaat des nationalsozialistischen Deutschlands. Nach der Kapitulation der jugoslawischen Armee im April 1941 gerieten 250.000 bis 300.000 jugoslawische Soldaten in italienische und deutsche Kriegsgefangenschaft. Fast der gesamte Generalstab der jugoslawischen Armee, 10.000 Offiziere, wurden im Offiziersgefangenenlager (OFLAG) XIII B in Nürnberg-Langwasser auf dem SA-Zeltplatz des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes untergebracht.

Weitere 5.000 Offiziere wurden im OFLAG VI C Osnabrück-Eversheide interniert. Bei den Kriegsgefangenen der Roten Armee beachteten die Deutschen weder die Genfer Konvention noch die Haager Landkriegsordnung. Sie wurden in Konzentrationslagern und nicht in Kriegsgefangenenlagern untergebracht und dort umgebracht, entweder als Sklavenarbeiter ausgebeutet oder zu Tode gehungert. Polnisch-jüdische Soldaten wurden ab 1940 in Konzentrations- und Vernichtungslager nach Ostpolen deportiert. Bei den Jugoslawen hielten sich die Deutschen dagegen weitgehend an die Genfer Konvention. Sogar die Juden unter ihnen waren durch ihren Status als Kriegsgefangene vor der Deportation geschützt. Sie wurden aber häufig schlechter behandelt als ihre nicht-jüdischen Kameraden.“

 

Kollaborateure und Kommunisten

1942 unterzeichneten gefangene Generäle und Offiziere in der Hoffnung auf Entlassung aus der Gefangenschaft eine Loyalitätserklärung gegenüber Ministerpräsident Milan Nedić, der mit der deutschen Besatzungsmacht kollaborierte und sie beim Kampf gegen die jugoslawischen Partisanen unter Tito und der Durchführung des Holocaust unterstützte. Das führte innerhalb der Lagergesellschaft zu Konflikten zwischen den Unterzeichnern der Erklärung und den Offizieren, die mit den Tito-Partisanen oder den königstreuen serbisch-nationalen Tschetniks unter Führung von General „Draža“ Miahilović sympathisierten. Die antifaschistisch eingestellten Offiziere, die sich weigerten, diese „Nürnberger Erklärung“ zu unterzeichnen, wurden daraufhin im Lager von den Nedić-Anhängern separiert und im Mai 1942 zusammen mit den Offizieren jüdischer Religion in das OFLAG VI C in Osnabrück verlegt.

Im Stadtteil Eversburg befand sich auf einem 38 Hektar großen Gelände ein Kriegsgefangenlager mit ca. 40 Baracken. Als jüdische Offiziere am 14. Mai 1942 von Nürnberg nach Osnabrück verlegt werden, halten sie es durchaus für möglich, dass die Deutschen „die Dreistigkeit haben, Soldaten in Uniform hinzurichten“. Unmittelbar vor der Verlegung von Nürnberg nach Osnabrück im Mai 1942 erhielt der der Militärrabbiner, Hermann Helfgott, eine in einem Kuchen versteckte Nachricht aus der Heimat die besagte, dass alle jüdischen Frauen in ein Konzentrationslager deportiert und alle Männer hingerichtet worden seien. Darum sind die jüdischen Offiziere erleichtert, als man sie beim Transport nach Osnabrück nicht separat befördert. Doch bei der Ankunft hieß es sofort: „Juden separat!“ Vergeblich hofften sie, dass ihre Kameraden es nicht zulassen werden, sie von ihnen zu trennen.

Die jüdischen Offiziere werden in Eversburg in einer eigenen Baracke mit der Nummer 33 untergebracht. Nebenan, in Nummer 34, treffen sie auf 200 weitere jüdische Offiziere. Insgesamt befinden sich jetzt 400 Juden im Lager an der Landwehrstraße. Längst nicht alle von ihnen sind praktizierende Juden. Die Mehrheit besteht aus „Progressiven“, Kommunisten und Marxisten. Als Professor Árpád Lebl (Löbl), ein Veteran der jugoslawischen kommunistischen Bewegung, gebeten wird, einen Vortrag über Juden und Zionismus zu halten erklärt er, dass er überhaupt nicht wisse, was es heiße, ein Jude zu sein, obwohl er eine jüdische Mutter habe. Er sei einfach ein Mensch wie alle anderen. Auch Ženja Kozinski erklärt sich gegenüber den Deutschen bei der Einlieferung ins Lager einfach als jugoslawischer Offizier, nicht als Jude.

Die Verpflegung im Lager besteht aus Rote-Beete-Suppe mit „sehr wenig drin“, dazu eine Scheibe Brot, etwas Zucker und Margarine pro Tag. Doch die Gefangenen dürfen über das Rote Kreuz Pakete von ihren Familien bekommen. Wer ein Paket bekommt, muss einen Teil abgeben, der von einer Selbsthilfeorganisation im Lager an die Gefangenen verteilt wird, die nie Pakete bekommen. Doch die jüdischen Gefangenen bekommen bald keine Pakete mehr von Verwandten. Von denen gibt es keinerlei Lebenszeichen mehr. Vergeblich wenden sie sich an das Rote Kreuz, sogar den Vatikan, basteln heimlich ein Radio, um Nachrichten zu hören. Briefe von Nachbarn in der Heimat berichten ihnen schließlich, dass alle Juden von dort verschleppt worden sind, wohin, wisse niemand. Von neu eintreffenden Gefangenen hören sie dann 1944 von den Gräueltaten in den jugoslawischen Konzentrationslagern Sajmiste und Jasenovac, in denen die jüdische Bevölkerung Jugoslawiens erschossen und seit 1942 auch vergast wurde. Auch die Familie von Ženja Kozinski wird ermordet, nachdem sie vergeblich nach Priština im Kosovo zu fliehen versucht hat.

 

„Juden Eintritt verboten“

Während die eigentliche Osnabrücker jüdische Gemeinde durch drei Deportationen auf ganze zwölf Personen zusammengeschrumpft war, nahmen am Sabbat-Gottesdienst der „mobilen Gemeinde“ im Lager, wie ihr Rabbiner sie nannte, bis zu 160 der 400 jüdischen Offiziere teil. Den Gefangenen war zwar nach der Genfer Konventionen gestattet, ihre Religion auszuüben, dennoch fürchteten sie mit einem jüdischen Gottesdienst nicht nur die deutschen Wachen, sondern auch die Mitgefangenen zu provozieren. Der Gottesdienst wurde darum schon bald in das Innere einer der Baracken verlegt. Das schützte nicht vor Verfolgung: Am Vorabend des Purimfestes wird der provisorische Betraum zerstört und die mühsam angefertigten Kultgegenstände vernichtet – eine verspätete Pogromnacht hinter Stacheldraht. Die faschistische Entwicklung in Jugoslawien färbt auf das Verhalten im Osnabrücker Gefangenenlager ab. Im Mikrokosmos des Lagers kommt es zu denselben antisemitischen Entwicklungen wie außerhalb. Die ohnehin spärlichen Essensrationen (Suppe mit Bohnen, die man zählen kann) verschlechtern sich. Wer ist schuld? Natürlich die Juden. Flugblätter mit antisemitischem Inhalt werden öffentlich aufgehängt, an den Baracken tauchten Schilder mit der Aufschrift: „Juden Eintritt verboten“ auf – zu einem Zeitpunkt, als sie im übrigen Deutschland längst überflüssig geworden sind, da es hier keine Juden mehr gibt.

Lagerkommandant Ernst Blümel tut nichts gegen die antisemitische Stimmung im Lager. Im Gegenteil macht er die jüdischen Offiziere als Anstifter für alle Probleme im Lager verantwortlich. Schließlich verlegt er die Juden zusammen mit Offizieren, die von Mithäftlingen als Kommunisten denunziert wurden, im Juni 1943 in ein Straflager, das sogenannte. Lager D. Die „Jebo-Gesellschaft“ aus Juden und Bolschewiken wird durch einen Drahtzaun vom übrigen Lager separiert. Die Anklage im Verfahren gegen Blümel wegen Kriegsverbrechen nach 1945 spricht später von einem Konzentrationslager innerhalb des Kriegsgefangenenlagers. Es umfasst vier Baracken mit den Nummern 35, 36, 37 und 38. Zwei der vier Baracken sind von jüdischen Offizieren belegt. Sie und etwa 350 andere Offiziere, unter ihnen fünf Generäle, sind jetzt isoliert. Lagerkommandant Blümel erteilt über Radiolautsprecher den Befehl, dass Gefangene keinen Kontakt zu jüdischen Offizieren haben dürfen. In der Begründung des Urteils gegen Blümel stellte das Gericht nach Kriegsende fest, dass seine „Haltung gegenüber Juden nationalsozialistisch war“.

Lageplan Lageplan

Die Gefangenen organisieren Sprachkurse für sieben verschiedene Sprachen, berufliche Fortbildungen für Anwälte, Apotheker, Historiker, Ingenieure und Veterinäre. „Der Wissensdurst war riesig. Im Vergleich zu den Nichtjuden war die Teilnahme der Juden an den Kursen überaus groß“, erinnerte sich der Rabbiner. An einer eigens gegründeten Volkshochschule im Lager werden Vorträge über Wissenschaft und Kunst gehalten.

Oto Bihalji-Merin im OFALG VI C, gemalt von Moša (Moshe) Mevorah – Jüdisches Museum Belgrad

Im Lager befinden sich etliche Künstler und Intellektuelle, darunter Professoren diverser Universitäten, und die kulturelle Avantgarde des zerschlagenen Jugoslawiens: Maler und Schriftsteller, Surrealisten, Expressionisten, Kunsthistoriker, Journalisten und Literaturtheoretiker, aber auch viele politisch Aktive. Einer von ihnen ist der berühmte Maler, Schriftsteller und Kunsthistoriker Otto Bihalji-Merin (1904 – 1993). Es ist kaum zu glauben, dass sowohl der Gestapo als auch den Abwehroffizieren des militärischen Geheimdienstes der Wehrmacht im Lager entgeht, welchen weltbekannten Gegner des NS-Regimes sie in ihren Händen haben. Bihalji war seit 1924 Mitglied der Kommunistischen Partei Jugoslawiens, studierte in Belgrad und Berlin und nahm bald eine führende Stellung im Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller ein, der der Kommunistischen Partei Deutschlands nahestand. Er arbeitete als Redakteur der Linkskurve, der berühmten Berliner Zeitschrift der linken Intellektuellen, nahm an internationalen Kongressen proletarischer Schriftsteller teil und war befreundet mit Johannes R. Becher, Bertolt Brecht und Anna Seghers.

 

OFLAG VI C, Baracke 37, Zimmer 7

Der deutschsprachige Jugoslawe verließ nach der Machtübergabe 1933 Berlin und ging nach Paris. Mit Freunden organisierte er dort 1933 eine John-Heartfield-Ausstellung. Zu Beginn des Bürgerkriegs ging er nach Spanien. 1938 initiierte er in London eine Gegenausstellung zur Münchner Ausstellung „Entartete Kunst“ unter dem Titel 20th Century German Art. Im April 1939 kehrte er nach Jugoslawien zurück, wo er nach der deutschen Invasion als Offizier gefangengenommen und im Eversburger Lager interniert wurde. Dort blieb er nicht untätig. Mit einer Gruppe von Kommunisten gründet er eine Widerstandsbewegung. Wie Oto Fredro (geboren als Oto Hofbauer) berichtete, war Bihalji der Kopf des kommunistischen Widerstands im Lager. Das Zimmer Nummer 7 in der von jüdischen Offizieren bewohnen Baracke 37 war das konspirative Zentrum der illegalen Arbeit. Dort hielt ein Komitee tägliche Sitzungen ab. Fredro nennt die Untergrundbewegung in einem Interview der Shoah Foundation „the living force in the camp“. In Bezug auf die kulturelle Arbeit im Lager heißt es, speziell Zimmer Nummer 7 der Baracke 37 sei bekannt gewesen für die konstruktiven Ideen, die dort entwickelt wurden.

Zu den Ideen, die dort entwickelt wurden, gehörte nicht nur die Organisation von Veranstaltungen, sondern auch die Beschaffung von Waffen und Informationen für den Widerstand gegen das NS-Regime. Die Widerstandsgruppe beschaffte im Tausch gegen Kaffee und Zigaretten aus den Rotkreuz-Paketen Waffen, Pistolen und über vierzig Dolche, verschiedene Werkzeuge, gefälschte Dokumente, Pässe, und illegale Literatur. Das Wichtigste für die illegale Arbeit im Lager war jedoch der Kauf von Komponenten für ein Radio, um Nachrichten zu hören. Die Bauteile für das Radio wurden von der Nachtwache am Körper eines Wachhundes in das Lager geschmuggelt. Die Gefangenen bezahlten dafür mit insgesamt 14.000 Zigaretten. Trotz regelmäßiger Durchsuchungen wurde das fertige Gerät von den Wachen nicht entdeckt.

Rudi Štajn war für die Lagerung und Wartung des Radios verantwortlich. Dafür mussten jeden Tag 10-12 Steine vom Boden entfernt werden, um zum Gerät zu gelangen, und nachdem man die Nachrichten gehört hatte, wurde das Gerät in den Bunker zurückgebracht, die Steine neu angeordnet, befestigt und mit Staub getarnt. Obwohl einmal sogar die Gestapo erschien, um mit Detektoren nach dem Gerät zu suchen, wurde es nicht entdeckt: Die Gefangenen vergruben schnell überall Flaschen, Messer, Behälter und andere Metallgegenstände, so dass die Deutschen mit ihren Detektoren überall auf Metall stießen und die Suche aufgaben.

Die Bewohner der  Baracke 37 (Antikriegsbaracke) - Jüdisches Geschichtsmuseum Belgrad Die Bewohner der Baracke 37 (Antikriegsbaracke) - Jüdisches Geschichtsmuseum Belgrad

Die Gruppe in Zimmer 7 gibt einen täglichen Newsletter heraus, eine Parteizeitung namens „7“, die seit dem Frühling 1937 als Fachblatt der antifaschistischen Front herausgegeben wird. Chefredakteur ist Oto Bihalji, der aus seiner Berliner Zeit über einschlägige Erfahrung verfügt. Jeden Morgen ging jemand durch das Lager und verbreitete die neuesten Radionachrichten – auch im Hauptlager C, von dem sie abgeschnitten waren, zum Beispiel beim Abholen der Wäsche oder wenn die Kessel mit Essen aus der Küche geholt wurden. Die Gruppe der Antifaschisten im Lager soll sich auch bemüht haben, die Grenzen des OFLAG VI C zu überwinden und die antifaschistische Idee in den verschiedenen Kriegsgefangenlagern zu verbreiten. ,„Wir hatten eine illegale Organisation in mehreren Lagern aufgebaut und besaßen sogar Waffen, um uns bei einem Aufstand deutscher Arbeiter gegen Hitler zu beteiligen“, erzählte Bihalji in einem Interview mit Fritz J. Raddatz anlässlich seines 80. Geburtstages 1983. Du wirst noch erleben, was die Kommunisten in Deutschland alles fertigbringen werden”, sagt Bihalji zum Militärabbiner Hermann Helfgott (Zvi Asaria), der der mit ihm über einen “Judenstaat” diskutiert, der nach Bihaljis Ansicht ein sozialistischer Staat sein musste.

Karte an Kozinski (Infocenters) - Jüdisches Museum Belgrad Karte an Kozinski (Infocenters) - Jüdisches Museum Belgrad

Das Komitee in Zimmer 7 beschloss und organisierte auch Fluchten. Oto Fredro erinnerte sich, dass Bihalji, der perfekt Deutsch sprach, im Auftrag des Ausschusses im Lager einen Fluchtversuch unternahm. Er sollte versuchen, die Schweiz zu erreichen, wurde aber an der französischen Grenze aufgegriffen, zu ein paar Tagen Gefängnis verurteilt und dann in das Lager zurückgeschickt. Auch diesmal erkannten die Deutschen den bekannten Kommunisten nicht, der in Paris ein Institut zum Studium des Faschismus gegründet und zu vielen antifaschistischen Aktivitäten aufgerufen hat. Nach Bihaljis Fluchtversuch verschärft sich die Bewachung im Lager. Leutnant Ladislav Geiger und Leutnant Mirko Weiß wurden erschossen, weil sie das Verbot missachten, die Baracke nach neun Uhr zu verlassen oder auch nur aus der Baracke zu blicken.

Doch der antifaschistische Rat bemüht sich trotzdem weiter, mit anderen Lagern Kontakt aufzunehmen, zum Beispiel mit der Broschüre „Was jeder Soldat und Arbeiter in Deutschland wissen sollte – Botschaft der Volksbefreiungsbewegung Jugoslawiens zu gefangenen Soldaten“.

Botschaft auf Zigarettenpapier OFLAG VI C – Jüdisches Museum Belgrad

In Miniaturschrift werden auf feinem Zigarettenpapier in mikroskopisch kleinen Buchstaben Botschaften geschrieben, die im Umschlag eines Buches versteckt werden können, das als Geschenk an Verwandte verschickt wird. Ženja Kozinski macht die Gefangenschaft stark zu schaffen. Er ist einer von den Gefangenen, die sich ganz in sich selbst zurückziehen. Doch langsam beginnt er, Verantwortung für anfallende Aufgaben unter den Gefangenen zu übernehmen. Als 120 Offiziere im Lager die Befreiungsfront Narodnooslobodilačkipokret (NOP) gründen, schließt er sich an und gehört damit zur Widerstandsgruppe in „Zimmer 7“. Bald wird Kozinski der „Meister des kleinen Schreibens“, der viele der Botschaften auf Zigarettenpapier verfasst. Doch auf ihn wartet noch eine andere, äußerst gefährliche Aufgabe.

 

Eine russische Widerstandszelle im Stadtkrankenhaus

Die Gruppe Zimmer 7 will nach der gescheiterten Flucht von Bihalji noch einmal versuchen, sich mit anderen Widerstandsbewegungen zu vernetzen. Sie beschließt, Kontakt mit sowjetischen Gefangenen und anderen internierten Sowjetbürgern aufzunehmen, die in Osnabrück und Umgebung leben und arbeiteten, um festzustellen, ob und welche Art von Organisation unter den Sowjets existiert und sich über die Situation in ihren Lagern zu informieren. Als die Offiziere feststellen, dass diese sich in einem miserablen Zustand befinden und von den Deutschen noch schlimmer behandelt werden als die jugoslawischen Gefangenen, liefern sie ihnen in einem Akt der Solidarität heimlich Kleidung, Schuhe, Zigaretten und Lebensmittel, die von den Mitgliedern der Organisation über verschiedene Kanäle gesammelt werden.

Die Jugoslawen wollen den Sowjetbürgern Informationen über die Situation in den jugoslawischen Lagern und an den Fronten bereitstellen, um Kommunikationskanäle einzurichten, und im Falle des Zusammenbruchs Deutschlands oder unter anderen außergewöhnlichen Umständen möglicherweise gemeinsame Aktionen organisieren.

Die jugoslawischen Offizieren finden heraus, dass es im städtischen Krankenhaus eine russische Widerstandszelle gibt. Auch Verwundete aus dem OFLAG werden in der Klinik außerhalb des Lagers versorgt. Sie kriegen mit, dass die Klinik ein „Zentrum geheimen Informationsaustausches“ sein soll. Die Jugoslawen wollen deshalb unbedingt Kontakt zu dieser Organisation herstellen. Einer der Männer in Zimmer 7 scheint dafür prädestiniert zu sein: Zenja Kozinski kann nicht nur mikroskopisch klein schreiben – in Kiew geboren, spricht er auch gut Russisch. Er soll soll konspirativ Kontakt mit den sowjetischen Widerständlern aufnehmen. Wie gut es war, dass die Wahl auf Kozinski fällt, wird sich später noch zeigen. Er besorgt sich zur Tarnung die Erlaubnis, zum Hospital zu gehen und dort Medizin abzuholen.

Ladislav Weiss im Krankenhaus (Infocenters) - Jüdisches Museum Belgrad Ladislav Weiss im Krankenhaus (Infocenters) - Jüdisches Museum Belgrad

Mit dem Kopf nach unten aufgehängt

Doch die Deutschen erfahren von dem Plan. Sie finden unter den Russen einen Verräter, der ihnen hilft, diese Aktion aufzuspüren. Sechs jugoslawische Offiziere werden in Osnabrück festgenommen. Kozinski ist mit allen jüdischen Offizieren des OFLAG VI C im August 1944 nach Strasbourg und von dort am 9. September nach Barkenbrügge in Pommern verlegt worden, wo er verhaftet, in Handschellen abgeführt und wieder nach Osnabrück gebracht wird. Von dort kehrt Kozinski nicht mehr zurück. Das Komitee im Lager ist äußerst besorgt über seine Verhaftung, weil der Offizier aus Zimmer Nr. 7 über alle Mitglieder der Widerstandsgruppe und ihre Aktivitäten detailliert Bescheid weiß. Wenn die Gestapo ihn zum Sprechen bringt, ist die gesamte Gruppe verloren. Doch der junge Offizier verrät sie nicht. Der 32jährige Kozinski entwickelt ungeahnte Kräfte. Obwohl er mit Handschellen gefesselt ist, gelingt es ihm auf dem Transport von Pommern nach Osnabrück, den Wachen zu entkommen und aus dem Zug zu springen. Doch er wird wieder gefasst und dabei verwundet. Man bringt ihn ins Gefängnis der Gestapo. Ein dort tätiger Dolmetscher bekommt mit, daß sieben Serben durch die Gestapo vernommen werden und berichtete später, dass diese Offiziere zu einer Untergrundbewegung im Lager Eversburg gehörten.

Der zum Eekenpacht-Kreis gehörende Osnabrücker Sozialdemokrat Goswin Stöppelmann, selber Häftling der Gestapo, berichtete nach dem Krieg, wie die Jugoslawen nach der Vernehmung aussahen: „Ihre Leiber waren zerschunden, ich konnte deutlich die Striemen, die durch den Ochsenziemer verursacht waren, feststellen. Mir haben russische und jugoslawische Offiziere erzählt, dass sie von Gestapobeamten mit dem Kopf nach unten wiederholt zwischen zwei Schränken aufgehängt worden wären und zwar jeweils für die Dauer von drei Stunden, dann wurden sie abgenommen, erhielten drei Stunden Ruhe, worauf sie abermals auf die Dauer von drei Stunden auf die gleiche Weise aufgehängt wurden. Ein jugoslawischer Offizier entleibte sich, weil er diese Folter nicht mehr ertragen konnte.“

Der Dolmetscher der Gestapo berichtete, dass der Führer der Widerstandsgruppe, der die anderen Mitglieder verraten und „im Sinne der Behauptung der Gestapobeamten“ belasten sollte, eines nachts Selbstmord durch Aufschneiden der Pulsadern mit einer Rasierklinge verübte. Nach anderen Berichten soll er sich mit einer Glasscherbe die Adern aufgeschnitten haben. Ženja Kozinski war bewusst, über welche wichtigen Informationen er verfügte und wieviel Leben von ihm abhingen, und entschied sich zum Schutz seiner Kameraden für den Selbstmord. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof in Osnabrück begraben. In der Gräberkartei ist als Todesdatum für Kozinski der 11. November 1944 vermerkt. Die Gefangenen in Barkenbrügge hörten, dass er Selbstmord begangen haben sollte. Nicht alle glaubten das, sondern nahmen an, dass ihn die Gestapo umgebracht hatte. In Barkenbrügge sollte die die letzte jüdische Gemeinde in Deutschland im allerletzten Moment doch noch liquidiert werden.

Das Komitee im Lager erfuhr von einem antifaschistisch eingestellten deutschen Unteroffizier, der in der Kommandantur arbeitete, von einer Liste mit den Namen von 200 kommunistischen Offizieren und denen aller Juden, insgesamt ungefähr 600 Personen, die der Gestapo übergeben werden sollen. Die Widerstandsbewegung bereitete sich daraufhin auf einen Ausbruch vor und begann einen Tunnel zu graben, der direkt unter dem nächsten Wachturm herauskommen würde. Doch die schnelle Offensive der Roten Arme verhinderte, dass die Liquidation stattfand. Einige Gefangene waren der Meinung, dass sie ihr Überleben dem Lagerkommandant aus Strasbourg, Graf von Oldenburg, verdankten, der mit den Gefangenen nach Barkenbrügge kam. Er soll den Befehl, die Offiziere zu liqudieren, nicht ausgeführt haben und verhielt sich anders als der Osnabrücker Lagerkommandant Blümel korrekt, ohne die Juden unter ihnen zu diskriminieren.

Bei einem Evakuierungsmarsch gelang es den 600 jugoslawischen Offizieren, darunter 200 Juden, sich in der Nacht abzusetzen und zu verstecken. Otto Bihalji-Merin übernahm, wie von der Widerstandsbewegung für diesen Fall geplant, die militärische Führung und rettete die Offiziere durch Kontaktaufnahme mit der polnischen Armee vor der Bombardierung durch ein friendly fire, denn die Polen ahnten nicht, wer sich auf dem Hügel vor ihnen befand. So überlebten die jüdischen und kommunistischen Offiziere dank der Widerstandsbewegung das Kriegsende. Doch sechs von ihnen lagen auf dem jüdischen Friedhof in Osnabrück begraben, darunter Ženja Kozinski. Ohne sein Opfer hätte es dort viele weitere Gräber gegeben.

Einweihung der Grabsteine (Antikriegsbaracke) - Jüdisches Museum Belgrad Einweihung der Grabsteine (Antikriegsbaracke) - Jüdisches Museum Belgrad
Umgeworfene Grabsteine - Jüdisches Museum Belgrad Umgeworfene Grabsteine - Jüdisches Museum Belgrad

Auf Bitten eines der früheren Kriegsgefangenen, Leutnant Lederer, wurden am 16. Dezember 1945 Grabsteine für die ermordeten jugoslawischen Offiziere auf dem jüdischen Friedhof an der Magdalenenstraße aufgestellt. Am Tag nach der Einweihung erreichte Rabbiner Asaria die Nachricht, dass sämtliche Grabsteine geschändet und umgeworfen wurden. In der Heimat von Kozinski ging man anders mit der Erinnerung an den tapferen jungen Mann um. Ehemalige Gefangene wie Rafael Blam haben im Namen der jüdischen Gemeinde Belgrad das Grab in den 1960er Jahren besucht und dort einen Kranz niedergelegt.

Blam sprach noch oft von Kozinski, den er sehr mochte: „Er war einfach ein ganz lieber Mensch.“ Noch weitere Mitgefangene vergaßen Kozinskis Opfer nicht und erinnerten nach dem Krieg an seinen Heroismus, so Nikola Vujanović in dem Aufsatz Junaštvo ŽvuJv Kozinskog (Heroism of ŽvuJv Kozinski) in „Parteiarbeit im Kriegsgefangenenlager in Osnabrück“, einer von Kulture, Belgrad, veröffentlichten Sammlung von Erinnerungen an Aktivisten der jugoslawischen revolutionären Bewegung 1941-1945. Sima Karaoglanović schrieb nach seiner Freilassung ein Buch über Kozinski mit dem Titel Dnevnik Ženje Kozinskog. Otto Bihalji hat in Belgrad 1947 einen Bericht über seine Lagerzeit (Do Vidjenja o Octobru) verfasst, der auch verfilmt wurde. Sämtliche Texte sind bis heute in Osnabrück nicht zugänglich. Es ist höchste Zeit, dass Aufsätze und Buch auf Deutsch übersetzt werden, um Ženja Kozinski und die Widerstandsbewegung im OFLAG VI C in Osnabrück unter der Führung von Oto Bihalji-Merin weiter erforschen und angemessen würdigen zu können.

Ein Verein setzt sich seit Jahren für die Erinnerung an das OFLAG VI C und den Erhalt der letzten Baracke Nr. 35 ein. Der Katalog zur Ausstellung über das Offizierslager VI c – Kriegsgefangene in Osnabrück ist beim Verein Antikriegsbaracke Atter-Osnabrück e.V. www.baracke35.org mail@baracke35.org erhältlich. Die Baracke befindet sich an der Landwehrstraße.

Baracke 35 Baracke 35

 


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