Dienstag, 16. August 2022

OR-Serie „Widerstand im Osnabrück der NS-Zeit“ – Folge 5: Fritz Bringmann

Die OR-Serie „Widerstand im Osnabrück der NS-Zeit“ (dort finden sich auch Links zu allen bislang erschienenen Folgen dieser Serie) widmet sich einem spannenden, aber bisher kaum bekannten Thema: Sie erinnert an mutige Menschen, die sich aktiv dem Nazi-Terror und seinen menschenverachtenden Ideen widersetzt und dafür ihr Leben riskiert haben. Links zu bislang erschienenen Folgen am Ende des Textes.

 

Fritz Bringmann
Ein 24jähriger verweigert den Befehl zum Töten von anderen KZ-Häftlingen

„An mögliche Folgen für mich dachte ich nicht“

Der Lübecker Fritz Bringmann, geboren am 9. Februar 1918, wurde in eine politisch aktive Arbeiterfamilie hineingeboren und in seinem Elternhaus „von Kindheit an mit sozialen und politischen Problemen konfrontiert“. Schon sein Großvater, der zeitweise Mitglied des Oldenburgischen Landtags und 1892 Gründungsmitglieder der SPD in Stockelsdorf bei Lübeck war,  hatte aufgrund von Bismarcks Sozialistengesetzen eine Haftstrafe verbüßen müssen.

Fritz Bringmanns Vater Heinrich, von Beruf Schneider, gehörte als Sozialdemokrat dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold an, einer vorrangig SPD-nahen Schutzorganisation, die die Weimarer Republik verteidigen wollte. Bringmann hatte sieben Brüder, von denen die älteren in der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) aktiv waren, der Jugendorganisation der SPD. Wie der Osnabrücker Josef Burgdorf, der in der letzten Folge dieser Serie vorgestellt wurde, wechselte mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus und dem beginnenden Widerstand ein Teil der SPD-Mitglieder zu der im Widerstand aktiveren Kommunistischen Partei.

Enttäuscht von der Politik der SPD, traten drei der älteren Brüder in den Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD) über, was zu heftigen politischen Auseinandersetzungen mit dem Vater führte, die Fritz als Zehnjähriger miterlebte. Er selber war in der SAJ, nahm aber begeistert an einem Kinder-Zeltlager der kommunistischen Pioniere teil, das sein Bruder leitete. Zu Beginn der 1930er Jahre nahm der Straßenterror mit Überfällen von SA-Horden im Lübecker Arbeiterviertel zu. Der Anblick der bei einem solchen Angriff schwerverletzten Brüder begründete in Fritz Bringmann schon früh „Wut und Hass auf die Nazis“.

Er hatte einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und setzte sich als Klassensprecher mutig gegen prügelnde Lehrer zur Wehr, wie auch später in der Berufsschule, die er als Klempner- und Installationslehrling besuchte. Obwohl der Jugendliche von seinen auch nach dem Verbot 1933 illegal weiter als Kommunisten tätigen Brüdern nach deren Verhaftung von den unmenschlichen Misshandlungen bei Verhören erfuhr, beschloss er 1934, ähnlich wie sie „etwas gegen die Nazis zu tun“.

Er suchte Verbündete, mit denen er konspirative Gruppen bildete. Insgesamt entstanden in dieser Zeit in Lübeck neun solcher Gruppen, wie es sie anscheinend auch in Osnabrück gegeben hat. Die Widerständler arbeiteten aus Sicherheitsgründen nur in Dreiergruppen, um, wie Bringmann in seiner Biographie (Fritz Bringmann: Erinnerungen eines Antifaschisten 1924-2004) beschreibt, „bei eventuellen Verhaftungen die anderen illegal tätigen Jugendlichen nicht zu gefährden, denn jedes Mitglied einer solchen Gruppe kannte nur die beiden anderen seiner Gruppe, wusste aber nichts über die Mitglieder anderer Dreiergruppen“.

 

„Nieder mit Hitler!“

Bringmann und seine Mitstreiter verteilten illegale Schriften und Handzettel in Betrieben und Gewerbeschulen oder auf dem Bau. Am 1. Mai 1935 wollte er mit seinem Bruder Karl antinazistische Losungen in Lübeck anbringen. Doch als sie den ersten Schriftzug „Nieder mit Hitler“ fast fertig gemalt hatten, wurden sie entdeckt und mussten fliehen. Die rote Mennige-Farbe, die sie für die Schrift verwendet hatten, wurde ihnen zum Verhängnis, denn die Gestapo entdeckte sie bei der folgenden Hausdurchsuchung auf dem Arbeitsanzug von Fritz Bringmann, der daraufhin verhaftet, verhört und tagelang misshandelt wurde.

Der 17jährige verbrachte mehrere Wochen in Einzelhaft. Am 8. August 1935 wurde er vom Jugendgericht in Lübeck wegen Sachbeschädigung zu zweieinhalb Monaten Gefängnis verurteilt, anschließend aber noch weiter in Schutzhaft behalten. Gegen die mit der Notverordnung zum Schutz von Volk und Staat am 28. Februar 1933 eingeführte Schutzhaft waren keine Rechtsmittel möglich. Die politische Polizei konnte sie beliebig und zeitlich unbegrenzt bei Personen einsetzen, die angeblich durch ihr Verhalten den Bestand und die Sicherheit des Volkes und Staates gefährdeten.

Im Oktober 1935 wurde der 17jährige erneut verhaftet, immer wieder verhört, misshandelt und dabei bewusstlos geprügelt. Doch Bringmann und die anderen jugendlichen Antifaschisten verrieten einander auch unter der Folter nicht. Er wurde wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, von denen ein Jahr mit der Untersuchungshaft verrechnet und das andere zur Bewährung ausgesetzt wurde. Doch im NS-Staat bedeutete ein Gerichtsbeschluss nicht, dass man auch tatsächlich freigelassen wurde. Bringmann hatte beim Gerichtsverfahren über die Folter während der Untersuchungshaft berichtet. Der Gestapobeamte, der Bringmann misshandelt hatte, sorgte dafür, dass für ihn erneut Schutzhaft und die Einweisung in ein Umschulungslager angeordnet wurde. Das Umschulungslager war das KZ Sachsenhausen nördlich von Berlin.

So fand sich Fritz Bringmann Anfang 1936 mit 18 Jahren im Konzentrationslager wieder. Die Umschulung sollte eigentlich sechs Monate dauern, doch er blieb viele Jahre im KZ. Die Häftlinge mussten unter Schlägen im Eiltempo schwere Loren schieben, Gräben ausheben und Bäume roden. Nach vier Monaten brach Bringmann zusammen und kam auf die Krankenstation. „Ohne die große Solidarität der Häftlinge hätte ich das nicht überlebt“, sagte er später. Er erlebte, wie die Kommunisten im Lager „den Widerstand organisierten und Solidarität lebten“. Im März 1939 musste Brinkmann aufgrund von Verletzungen, die er während der Misshandlungen während der Untersuchungshaft in Lübeck erlitten hatte, ein Auge entfernt werden.

Die sowjetischen Kriegsgefangenen in Sachsenhausen dankten Bringmann für seinen Mut mit dieser Schnitzarbeit (Foto: Geschichtsbuch Hamburg)

Im Oktober 1940 wurde er von Sachsenhausen in das KZ Neuengamme bei Hamburg verlegt.

Ab Oktober 1941 setzte ihn die SS als Häftlingssanitäter für sowjetische Kriegsgefangene im abgezäunten Kriegsgefangenen-Arbeitslager des KZ Neuengamme ein, in dem 1.000 gefangene Rotarmisten unter Bewachung der Waffen-SS unter erbärmlichen Bedingungen eingesperrt waren. Als dort eine Flecktyphus-Epidemie ausbrach, wurde Bringmann von dem SS-Sanitäter Bahr aufgefordert, Tuberkulosekranke und schwache Gefangene mittels Benzininjektionen zu töten. Er widersetzte sich dem Befehl. In seiner Biographie schrieb Bringmann 2004: „An mögliche Folgen für mich dachte ich nicht.“ Er weigerte sich trotz Prügeln und Drohungen auch, die Kranken zur Tötung aus dem Block zu holen. Er konnte durch seine Weigerung zwar einige Tuberkulosekranke vor dem Tod retten, musste aber zusehen, wie SS-Unterscharführer Bahr geschwächte Häftlinge vor seinen Augen mit einer Injektion direkt ins Herz mit eigener Hand ermordete. Anschließend wurde Fritz Bringmann Zeuge von Vergasungen sowjetischer Kriegsgefangener mit Zyklon B, die im Beisein der gesamten Lagerleitung durchgeführt wurden. Bis Ende Mai 1942 starben in Neuengamme 652 der 1.000 sowjetischen Gefangenen.

 

Ein Konzentrationslager in Osnabrück

Nach den seit 1940 immer mehr zunehmenden Bombenangriffen der Alliierten auf west- und nordwestdeutsche Städte wurden spätestens seit Januar 1941 vereinzelt KZ-Häftlinge für die lebensgefährliche Entschärfung von Blindgängern nach Bombenangriffen eingesetzt. Deshalb wurde im Konzentrationslager Neuengamme im Oktober 1942 die 1.000 Männer umfassende II. SS Baubrigade aufgestellt. In der Nacht vom 6. auf den 7. Oktober 1942 hatte es einen schweren Bombenangriff auf Osnabrück gegeben. Oberbürgermeister Gaertner forderte als Leiter der Sofortmaßnahmen und örtlicher Luftschutzleiter daraufhin KZ-Häftlinge für die Aufräumungsarbeiten an und schloss einen Vertrag zur Überlassung der Häftlinge mit der Wirtschaftsverwaltungskommandantur der SS in Neuengamme. Am 17. Oktober 1942 wurde in Osnabrück eine Außenstelle des KZ Neuengamme mit 250 Häftlingen eingerichtet.

Die Osnabrücker Bevölkerung erlebte ab jetzt sieben Monate lang täglich aus eigener Anschauung die brutale Behandlung von KZ-Häftlingen mit. Noch fünfzig Jahre später erinnerte sich ein Osnabrücker daran, wie die geschwächten Männer in der gestreiften Häftlingskleidung die schweren Betonkarren bewegen mussten. Die Osnabrücker Bürgerinnen und Bürger konnten auch beobachten, wie die ausgemergelten Häftlinge bei Aufräumungs- und Bergungsarbeiten nach Luftangriffen zum Einsatz kamen. Beim Arbeitseinsatz in der Stadt wurden die jungen Männer, die Verschüttete bergen und ohne jeden Schutz nach Blindgängern suchen mussten, in aller Öffentlichkeit misshandelt.

„Als ein SS-Mann auf einen Häftling einschlug, löste sich eine Frau aus der versammelten Menge, stellte sich vor den bewusstlosen Häftling und beschimpfte den SS-Mann; später am Abend sprachen die Häftlinge erregt über diese Intervention als Beweis dafür, dass es doch noch Deutsche gebe, die ‚den Unterschied zwischen Menschlichkeit und Unmenschlichkeit nicht vergessen hatten’“.

Ein ähnlicher Vorfall ist für den Januar 1945 überliefert, als eine Osnabrückerin, über die in dieser Serie noch berichtet wird, bei der Misshandlung eines niederländischen Häftlings dazwischentrat. Auch wenn es sich bei dem Einschreiten der unbekannten Frau, die dem Aufseher der SS-Baubrigade sogar ihren Namen nannte, um einen Einzelfall handelte, der von den Häftlingen aus Neuengamme als „ungewöhnlich“ eingestuft wurde, hinterließ er einen bleibenden Eindruck. Doch die meisten Bürgerinnen und Bürger der Stadt hatten in den neun Jahren des NS-Regimes gelernt, wegzusehen, wenn vor ihren Augen Menschen gedemütigt und misshandelt wurden. Der „Ilex“-Umzug mit Josef Burgdorf und die öffentlichen Misshandlungen von Gewerkschaftern 1933 und von jüdischen Menschen während der Novemberpogrome 1938 hatten den verantwortlichen Instanzen gezeigt, wieweit die Toleranz der Bevölkerung für Gewalt gegenüber jüdischen Menschen und Gegnerinnen und Gegnern des Regimes ging.

Der Anblick der KZ-Häftlinge wurde in Osnabrück so alltäglich, dass es sogar einen gefühllos klingenden Spitznamen für die Männer in der gestreiften Kleidung gab: Sie wurden „Zebras“ genannt. Sie waren mitten im Stadtzentrum tätig, so wie der 22jährige ukrainische Häftling Viktor Liesenko (geb. 6.12.1920), der, wie man der überlieferten Gestapokartei entnehmen kann, auf der Baustelle des beim Bombenangriff am 20. Juni 1942 zerstörten Kaufhauses Lengermann und Trieschmann eingesetzt war und am 27. April 1943 einen Fluchtversuch unternahm (Die Karteikarte ist im Landesarchiv Osnabrück unter der Signatur 439 Nr. 24443 online einsehbar). Ob ihm die Flucht gelang, ist nicht bekannt. Häftlinge, die wieder aufgegriffen wurden, wurden erschossen. Auch das Lager der KZ-Häftlinge befand sich inmitten eines Wohngebiets im Stadtteil Schölerberg. Sie waren in der Turnhalle der Overbergschule (deren Lage nicht mit dem Gebäude der jetzigen Grundschule identisch ist) untergebracht. Den Wachdienst stellte die Stadt Osnabrück, hauptsächlich ältere Männer, die dafür dienstverpflichtet wurden.

Die Turnhalle der Overbergschule  (Foto: KZ-Gedenkstätte Neuengamme)Die Turnhalle der Overbergschule (Foto: KZ-Gedenkstätte Neuengamme)

Seit SS-Oberscharführer Brinkmann im November 1942 durch SS-Oberscharführer Walter Döring als Kommandoführer abgelöst worden war, verschlechterte sich der Gesundheitszustand der Häftlinge noch mehr. Döring erhöhte das Arbeitstempo und kürzte gleichzeitig die ohnehin schon mageren Fleisch- und Fettrationen für die Häftlinge. Weihnachten 1942 waren 100 Häftlinge, fast die Hälfte der Brigade, zu schwach zum Arbeiten. Fritz Bringmann und seine Helfer sprachen Döring immer wieder wegen eines Austausches der Kranken mit kräftigeren Häftlingen aus Neuengamme an, aber der Oberscharführer weigerte sich, das zu veranlassen. Dadurch stiegen die Todeszahlen massiv an und Unfälle nahmen zu. Döring verbot den Sanitätern aber, die Verunglückten in die Unterkünfte zu bringen, so dass sie kaum eine Überlebenschance hatten. Er wollte so viele Häftlinge wie möglich auf den Arbeitskommandos haben, um so die täglichen Einnahmen der SS-Wirtschaftsverwaltung in maximaler Höhe zu sichern. Selbst ein Häftling, der einen komplizierten Beckenbruch erlitt, durfte nicht ins Krankenhaus eingewiesen werden. Zähne mussten mit der Rohrzange gezogen werden.

 

Die höchste Todesrate von allen Außenlagern

Aufgrund der Unfälle, der extremen Unterernährung, unzureichender Kleidung, Schuhwerk und Verpflegung, dem Arbeitstempo auf den Baustellen und der täglichen Misshandlungen wies die  Osnabrücker Außenstelle von allen derartigen Außenlagern die höchste Todesrate auf. Sie wäre noch viel höher gewesen, wenn die beiden politischen Häftlinge im Lager, Fritz Brinkmann und Ernst Bonhoff, nicht den Mut gehabt hätten, sich unter hohem persönlichen Risiko in einem schriftlichen Bericht in Neuengamme über SS-Oberscharführer Döring zu beschweren. Durch ihre Beharrlichkeit erreichten sie einen Austausch der schwächsten Gefangenen gegen kräftigere Häftlinge aus Neuengamme. In ihrer ohnmächtigen, völlig ausgelieferten Situation setzten sie das einzige ein, dass sie hatten: Ihren Posten als Sanitäter. Sie teilten schriftlich mit, dass sie unter den gegebenen Umständen ihrer Aufgabe als Krankenpfleger nicht nachkommen könnten und baten um Ablösung. Sie erreichten schließlich sogar die Abwechslung von Döring durch einen anderen Lagerführer, indem sie seinen Urlaub im März 1943 nutzten, um auf die untragbare Situation im Lager und die daraus resultierende mangelnde Arbeitseffizienz aufmerksam zu machen.

 

KZ-Häftlinge bei Aufräumungsarbeiten nach einem Luftangriff, Foto: Museumsquartier OsnabrückKZ-Häftlinge bei Aufräumungsarbeiten nach einem Luftangriff, Foto: Museumsquartier Osnabrück

Die zehn Betten im Krankenrevier im Keller der Overbergschule waren ständig voll belegt. Für die medizinische Versorgung waren eigentlich die Amtsärzte der Stadt, Dr. Osthoff und sein Stellvertreter Dr. Jülich, als Vertragsärzte zuständig. Nach den Erinnerungen von Fritz Bringmann  bemühten sie sich aber zu keinem Zeitpunkt um die Kranken, sondern unterschrieben blind die Totenscheine für Häftlinge, die angeblich „auf der Flucht erschossen“ worden waren. Dr. Karola Fings stellt in ihrer Untersuchung über Himmlers SS-Baubrigaden fest: „Obwohl beide Ärzte also genau über das Massensterben in dem Osnabrücker Lager informiert waren, griff Dr. Osthoff nicht ein.“ „Wir bekamen ihn zwischen Oktober 1942 und Mai 1943 nur zwei- oder dreimal zu sehen, und dann auch nur nach der Erschießung geflohener Kameraden“, berichtete Bringmann.

Dass hier Opportunismus Vorrang vor dem ärztlichen Eid hatte, zeigt auch das Verhalten von Osthoff im Fall des verfolgten Sozialdemokraten Walter Bubert, über den in der ersten Folge dieser Serie berichtet wurde. Obwohl dieser sich nach seiner Verhaftung im Rahmender Aktion Gewitter im Herbst 1944 schwerkrank im Krankenhaus befand, unterschrieb Dr. Osthoff nach der Erinnerung von Buberts Frau die von ihm verlangte Erklärung über die Transportfähigkeit in ein Konzentrationslager mit der Bemerkung: „Transportfähig ist er zwar nicht, aber was soll ich machen?! Der Kopf sitzt mir näher als der Kragen!“

Dadurch, dass die Amtsärzte in keinem Fall eine Autopsie anordneten oder die Kriminalpolizei hinzuzogen, sondern halfen, die Todesursachen zu vertuschen, deckten sie die Mörder, denn durch das rasche Verbrennen der Leichen sollte, so Karola Fings, „eine durch Verwandte möglicherweise angestrengte Nachprüfung der Todesursache ausgeschlossen werden“.

Das spielte dem brutalen SS-Oberscharführer Walter Döring in die Hände. Aufgrund der Gleichgültigkeit der Amtsärzte musste der Kommandoführer nicht befürchteten, für die Ermordung der Gefangenen zur Rechenschaft gezogen zu werden, als er dem Häftlings-Sanitäter Fritz Bringmann ganz offen den Befehl gab, Kranke, die es nicht mehr schafften, aufzustehen, durch Benzininjektionen zu töten. KZ-Aufseher Döring, gelernter Schlachter, hatte keine Hemmungen bei derartigen Morden: Er soll kurz vor seiner Abordnung nach Osnabrück im Hauptlager in Neuengamme an der Tötung der sowjetischen Kriegsgefangenen mit Zyklon B beteiligt gewesen sein. In Osnabrück erschoss er persönlich mehrere Häftlinge, die versucht hatten, zu fliehen.

Nicht die Kontrolle durch Osnabrücker Amtsärzte verhinderte die von Döring befohlenen Morde, sondern der Mut eines jungen Widerstandskämpfers gegen den Nationalsozialismus. Wie bereits in Neuengamme weigerte Fritz Bringmann sich auch in Osnabrück, seine Kameraden zu töten. Die Häftlinge in Neuengamme hatte er nicht retten können, denn SS-Sanitäter Bahr hatte sie an seiner Stelle umgebracht. Die Osnabrücker Häftlinge aber entgingen dank Bringmanns Mut dem Tod.

 

„Vor den Augen der Osnabrücker Bevölkerung“

Die Außenlager waren auch eine Versuchsanordnung zur Haltung der Bevölkerung zur menschenverachtenden NS-Ideologie. Die Frage, ob öffentliche Sklavenarbeit mitten in einer Stadt toleriert werden würde, konnte für Osnabrück insgesamt positiv beantwortet werden. Kriminalsekretär Albert Colesie, Leiter des Judenreferats der Gestapo und der Gestapo-Nachrichtenreferent Johann Janssen betonten nach dem Krieg, daß die KZ-Häftlinge in der Stadt „vor den Augen der Osnabrücker Bevölkerung von den Kapos schwer misshandelt [wurden]. […] Eine Anzahl von Häftlingen ist durch Verhungern elend umgekommen. […] Tausende Osnabrücker haben täglich die Behandlung und den traurigen Zustand von politischen Häftlingen gesehen.“

Der Osnabrücker Realschullehrer Karl Lilienthal, dessen Bruder Albert die Overbergschule leitete, notierte in seinem Tagebuch im Oktober 1942, dass „Sträflinge in gestreiftem Kittel (Zebra!)“ monatelang die Schuttmassen von zehn Häusern in der Krahnstraße, einem zentralen Ort in der Innenstadt, wegschaffen mussten, und von den „vielen Zuschauern, die sich vor diesen Sträflingen und ihrer Arbeit oft zusammenballen, dass die Zebraleute junge, sehr abgemagerte, entsetzlich heruntergekommene Menschen sind, teilweise 15-17 Jahre alt, dass sie von andern Sträflingen, Aufsehern, mit harten Worten angeschrien, mit Peitschen gezüchtigt werden. Ihre Gesichter sind verfallen, blaß, rot, dick von geschlagenen Wunden, Beulen. Um die Beulen sehe ich alle Farben des Regenbogens, die Augen sind bei vielen verquollen, Narben und Schorfe oder rote Striemen. Sie tragen 2-3 Ziegelsteine, langsam, schleifend, schlurfend. Einer, der einen Peitschenschlag kriegte, sank in die Knie, so erzählte mir leise ein Zuschauer, er wischte sich das Blut mit der Hand aus dem Gesicht, die Tränen liefen dazwischen.“ So detailliert konnten die Osnabrückerinnen und Osnabrücker die Behandlung der Häftlinge beobachten.

KZ-Häftlinge bei Aufräumarbeiten in der Krahnstraße (Foto: Medienzentrum)KZ-Häftlinge bei Aufräumarbeiten in der Krahnstraße (Foto: Medienzentrum)

Karl Lilienthal hielt auch die Reaktionen der Bevölkerung fest: Unmut, Mitleid, die aus Angst nicht offen gezeigt werden, Gefühllosigkeit, Lächeln, Zustimmung („feste müssen diese Zebras es haben“) – und sein eigenes „Grauen, von Mitleid gemischt“. Von den 250 Häftlingen aus Neuengamme starben trotz der von Bringmann und von Bonhoff verhinderten Todesfälle innerhalb von fünf Monaten 86 junge Männer zwischen 18 und 24 Jahren an Hunger, Unfällen und brutalen Misshandlungen. Bis auf eine Ausnahme waren sie Sowjetbürger. Sie wurden auf dem Heger Friedhof begraben.

Die II. SS-Baubrigade wurde im Mai 1943 aus Osnabrück abgezogen. Fritz Bringmann gelang es nach der Rückkehr nach Neuengamme, im Frühjahr 1944 aus dem Konzentrationslager bei Hamburg zu fliehen. Doch nach sieben Wochen wurde er aufgegriffen und wieder nach Neuengamme gebracht. Das letzte Jahr bis Kriegsende verbrachte Fritz Bringmann im Zuchthaus Bremen-Oslebshausen. Nach der Befreiung kehrte er in seine Heimatstadt Lübeck zurück. Drei seiner Brüder, die ins Ausland geflohen waren und sich dortigen Widerstandsbewegungen angeschlossen und beispielsweise in der Résistance gekämpft hatten, überlebten ebenfalls und konnten zu ihren Eltern zurückkehren.

SS-Lagerleiter Döring, der für den Tod vieler Häftlinge verantwortlich war, wurde nach dem Krieg nur wegen eines einzigen Mordes angeklagt und zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt, das Urteil vom Bundesgerichtshof 1951 aber aus formalen Gründen wieder aufgehoben. Die Osnabrücker Ärzte, die die falschen Totenscheine unterschrieben hatten, wurden in den 1950er Jahren vernommen, aber nie angeklagt. Dr. Heinrich Osthoff, 1942 mit dem Titel eines städtischen Obermedizinalrates geehrt, wurde in seinem Amt belassen. „Nach dem Zweiten Weltkrieg erwarb er sich große Verdienste beim Wiederaufbau der Krankenanstalten in Osnabrück und der Neuorganisation des städtischen Gesundheitswesens“, heißt es in der online einsehbaren offiziellen Biographie des Amtsarztes im Niedersächsischen Landesarchiv Osnabrück (NLA OS, Erw A 8).

Osthoff war für hunderte von politischen Häftlingen des Polizeigefängnisses, das auch Untersuchungsgefängnis der Gestapo war, und für tausende Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge in der Stadt zuständig gewesen. Der Arzt, der auch rassistische Gutachten über „jüdische Charaktereigenschaften“ verfasst hatte und Gutachten für Zwangssterilisationen geschrieben hatte, lebte bis zu seinem Tod 1975 als angesehener Bürger der Stadt, der sich in Organisationen wie der Heger Laischaft und dem Osnabrücker Historischen Verein engagierte, dessen langjähriges Vorstandsmitglied er war.

Fritz Bringmann engagierte sich nach seiner Befreiung beim Aufbau der Freien Deutschen Jugend (FDJ) in Lübeck, in der Arbeitsgemeinschaft ehemaliger politischer Gefangener und in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN). Mit seiner Frau Alice leitete er von 1956 bis 1965 das Erholungsheim für Verfolgte des Nationalsozialismus in Seppensen in der Nordheide. Er wurde Mitglied der KPD, die 1956 verboten wurde.  Wegen seiner Betätigung als Kommunist stand er in den 1950er Jahren mehrmals vor Gericht. Die Geschichte schien sich zu wiederholen: Männer in langen Ledermänteln, einer von ihnen mit einer gezogenen Pistole, stürmten die Wohnung der vierköpfigen Familie, durchwühlten sie und verhafteten Fritz Bringmann vor den Augen seiner Kinder.

Es dauerte lange, bis sein antifaschistisches Engagement Anerkennung fand. Der Senat der Stadt Hamburg verlieh ihm 1992 die „Medaille für treue Arbeit im Dienste des Volkes“. In Lübeck steht seit 1999 eine Gedenkstele für die im Widerstand aktive Familie Bringmann auf dem Vorwerker Friedhof. Am 3. Mai 1995 überreichte Ministerpräsidentin Heide Simonis Bringmann die Ehrennadel des Landes Schleswig-Holstein.

Man fragt sich, warum Fritz Bringmann für seinen Einsatz zur Rettung von Menschenleben in Osnabrück nie geehrt worden ist. Jahrelang wurde ihm auch die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes verweigert. Nachdem der damalige CDU-Innenminister Rudolf Seiters im Kabinett von Helmut Kohl ebenso wie sein Nachfolger Manfred Kanther sich kategorisch weigerten, einen Kommunisten zu ehren, hatte der jahrelange Einsatz von Hamburgs sozialdemokratischem Bürgermeister Henning Voscherau nach dem Regierungswechsel in Berlin endlich Erfolg. Fritz Bringmann wurde in Würdigung seiner Tätigkeit als Generalsekretär der Internationalen Lagergemeinschaft des KZ Neuengamme (Amicale Internationale de Neuengamme), deren Ehrenpräsident er bis zu seinem Lebensende war, am 26. Januar 2000 doch noch das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen.

 

„Der Widerstand muss mehr dargestellt werden“

In Osnabrück erinnert nichts an den mutigen Antifaschisten, der die Stadt mehrmals besuchte. Bringmann rettete hier nicht nur die Häftlinge, die die tödliche Spritze erhalten sollten, sondern er und Bonhoff verlängerten auch das Leben der bis zu 100 geschwächten Häftlinge, deren Austausch sie schließlich nach langem Ringen gegen den Widerstand von SS-Lagerleiter Döring erreichten. Dazu kommen die Osnabrückerinnen und Osnabrücker, die die KZ-Häftlinge bereits unter Lebensgefahr aus den Trümmern zogen, während die Osnabrücker Bevölkerung noch abwartete, bis nach einem Bombenangriff Entwarnung gegeben wurde. Der Einsatz von Fritz Bringmann, der sich für die Einrichtung der Gedenkstätte Neuengamme engagierte und bis zu seinem Tod in vielen Zeitzeugengesprächen mit Schulklassen gegen das Vergessen einsetzte, scheint in Osnabrück vergessen zu sein. Die Verfasserin dieses Artikels hatte das Glück, Fritz Bringmann bei einem Besuch in Osnabrück 1994 persönlich zu begegnen, als er im Rahmen der Ausstellung „Reue ist undeutsch“ nach Osnabrück kam, die sich mit Erich Maria Remarques KZ-Roman Der Funke Leben beschäftigte. An dem Abend waren zwei Männer anwesend, die als Jungen damals den Häftlingen mit heimlich versteckten Lebensmitteln geholfen hatten – eine bewegende Begegnung. 2010 kam Bringmann noch einmal nach Osnabrück. Karola Fings, die ebenfalls anwesend war, kritisierte bei dem Anlass, dass das Thema der II. SS-Baubrigade in der Stadt erst so spät aufgegriffen worden sei. Dritt- und Viertklässler der Overbergschule fertigten im Rahmen eines Projekts zusammen mit dem Künstler Volker Johannes Trieb Tafeln an, auf denen die Namen der 86 Toten der II. SS-Baubrigade zu lesen sind.

Ausschnitt aus dem Mahnmal an der Overbergschule von 2010 (Foto: OR)

Fritz Bringmann, damals schon 92 Jahre alt, kam zur Einweihung im November 2010 extra nach Osnabrück. Am Tag davor hatte er bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an einen Freund fast alle seine langjährigen Weggefährten aus der Internationalen Lagergemeinschaft des KZ Neuengamme  getroffen. Noch am gleichen Tag brach er auf nach Osnabrück zu der Veranstaltung in der Overbergschule – so sehr freute er sich, dass nach langen Jahrzehnten der „Erinnerungsverweigerung“ nun ein Umdenken eingetreten war. In einer Rede bei Bringmanns Beerdigung berichtete der damalige Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Detlef Garbe, am 7. April 2011: „Schüler/innen, Lehrer/innen und Eltern der Overbergschule setzten ein beeindruckendes Erinnerungszeichen, zu dessen Einweihung sie Fritz Bringmann gern dabei haben wollten. Und ihm war Osnabrück ja auch stets ein besonderes Anliegen. Dort hatte eine ganz besondere Verantwortung für seine Mithäftlinge auf ihm gelegen. Dort gab es Jugendliche aus der Nachbarschaft, die ihm geholfen hatten. Und so war er bei der Veranstaltung dabei, gab den Schüler/innen ein so lebendiges Interview, dass man seine 92 Jahre leicht vergessen konnte. Und doch war dieser Tag von früh Morgens bis spät Abends eine enorme Anstrengung für ihn, die er selbst wollte, die er gleichwohl aber nicht mehr schultern konnte. Als er am nächsten Tag nach Haus zurückkehrte, sackte er zusammen. Seitdem kam er nicht wieder zu Kräften.“

Ausschnitt aus dem Mahnmal an der Overbergschule von 2010 (Foto: Osnabrücker Rundschau)Ausschnitt aus dem Mahnmal an der Overbergschule von 2010 (Foto: Osnabrücker Rundschau)

Trotz dieses Engagements von Fritz Bringmann – seinem letzten – ist in Osnabrück seit der Aktion von Dritt- und Viertklässlern 2010 nichts geschehen, um an das ehemalige KZ-Lager in der Stadt und an Fritz Bringmann zu erinnern. Die damalige Stadträtin Rita Maria Rzyski sagte auf Nachfragen anlässlich des geplanten Abrisses der alten Overbergschule 2012, die Geschichte des KZ-Außenlagers werde Teil „eines Gesamtkonzepts für die Erinnerungskultur“. Das ist bis heute nicht der Fall. Das Mahnmal mit dem Titel „3 Kinder haben geholfen“ an der Rückseite der Schule, die für die vorbildliche Aufarbeitung ihrer Geschichte 2013 mit dem niedersächsischen Schülerfriedenspreis ausgezeichnet wurde, ist beeindruckend, von außerhalb des Schulgeländes aber nicht sichtbar. Auch auf dem Heger Friedhof, wo die Toten der II. Baubrigade zusammen mit 300 namentlich bekannten Opfern verschiedener Außenlager des KZ Neuengamme bestattet sind, gibt es keine Hinweise, dass dort KZ-Häftlinge begraben sind, worauf die Gedenkstätte Neuengamme auf ihrer Website ausdrücklich hinweist.

Man fragt sich auch, warum es bis heute keine Straße und keinen Platz in der Stadt gibt, die nach Fritz Bringmann benannt wurden. Das Beispiel dieses aufrechten Menschen, der Zehntausenden von Schülerinnen und Schülern und anderen von den Erfahrungen im Widerstand und seiner Haft in den Konzentrationslagern berichtete, eignet sich hervorragend für die Beschäftigung junger Menschen mit der NS-Zeit. In Hamburg hat man das schon lange erkannt. Zu Bringmanns 100. Geburtstag fand am 17. Januar 2018 ein Podiumsgespräch in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme u.a. auch in Kooperation mit der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Hamburg statt. Hamburgs ehemaliger Erster Bürgermeister Henning Voscherau bezeichnete Fritz Bringmann als „ein Vorbild […], ja, ein Held!“ für die Jugend, der sich dazu eigne, Kopf und Herz der jungen Menschen zu erreichen. Material gibt es auch nach Fritz Bringmanns Tod genug, neben mehreren Publikationen auch einen Film in der Gedenkstätte Neuengamme.

Statt zu diskutieren, ob man nach dem bereits 1989 benannten Hans-Calmeyer-Platz noch weitere Orte in der Stadt nach dem ambivalenten Juristen benennen sollte, der sowohl Retter als auch Täter war und stets innerhalb der Grenzen des rassistischen NS-Systems arbeitete, sollte man überlegen, wo der Name eines unantastbaren lebenslangen Antifaschisten wie Fritz Bringmann in der Stadt an prominenter Stelle angebracht werden kann. „Der Widerstand muss mehr dargestellt werden“, forderte er immer wieder. Dieser Meinung sind auch die Verfasserinnen und Verfasser dieser Artikelserie. Es wäre an der Zeit, an diesen geradlinigen, unbeugsamen Menschen, der sich nie kompromittierte, um zu überleben, und sich in dieser Stadt unter Lebensgefahr für seine Mithäftlinge einsetzte, auch in Osnabrück angemessen zu erinnern.

 

 


Artikel des ILEX-Kreises zum „Braunen Haus“
Denkschrift ILEX-Kreis als PDF-Datei

Folge 1: Walter Bubert
Folge 2: Hans Bodensieck 
Folge 3: Emil Berckemeyer
Folge 4: Josef Burgdorf

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