Das internationale Krisenjahr 1956 – Teil 1

Rückblick und Erinnerung an die „Geheimrede“ Chruschtschows, den Ungarnaufstand und die Suez-Krise. Erster von zwei Teilen

Wir leben aktuell in einer beunruhigenden Welt voller Krisen. Den Menschen ging es vor siebzig Jahren nicht viel anders. 1956 war ein Jahr, in dem sich internationale Krisen bündelten und für die zukünftige Entwicklung der Welt wegweisende Entscheidungen fielen.

Wegweisende Entscheidungen waren allerdings auch schon im Jahr zuvor gefallen. Nach dem Scheitern einer „Europäischen Verteidigungsgemeinschaft“ (EVG), in die die Bundesrepublik Deutschland als gleichberechtigtes Mitglied aufgenommen werden sollte, durch das Nein der französischen Nationalversammlung, wurde der westliche Teilstaat auch auf Drängen der USA, die das EVG-Projekt entschieden abgelehnt hatten (Grosser 1978, 179), direkt als gleichberechtigtes Mitglied in die NATO aufgenommen. Was in Frankreich weiterhin kontrovers gesehen wurde, war für Bundeskanzler Adenauer die Krönung seiner Politik der Westintegration. (s. dazu Loth 1992, 151 ff. sowie Rémond, 1994, 534 ff.)

Aber anders als Adenauer, der in der NATO-Mitgliedschaft eine Basis sah, aus einer Position der militärischen und politischen Stärke Moskau das Ja zur Wiedervereinigung Deutschlands abpressen zu können, sahen die Verbündeten – jedenfalls in weiten Teilen – die politische Funktion der NATO wesentlich nüchterner. Der erste NATO-Generalsekretär der „transatlantischen Wertegemeinschaft“, der Brite Lord Ismay, brachte die Funktion der NATO auf die ebenso treffende wie selten zitierte Formel: Die Russen draußen, die Amerikaner drin und Deutschland unter Kontrolle!

Was insbesondere aus dem westdeutschen Bewusstsein entschwand, ist die Tatsache, dass auch bei Deutschlands neuen Verbündeten die Angst vor einem erstarkenden Deutschland so groß war, dass eine Kontrolle durch die NATO die Aufwertung durch die gleichberechtigte Mitgliedschaft aufwog. Schon bei der einhelligen Zurückweisung der Stalin-Note 1952 ohne Prüfung der Ernsthaftigkeit des Angebots, das ein souveränes, aber neutrales Gesamtdeutschland mit eigener Landesverteidigung in Aussicht stellte, spielten Befürchtungen vor einem wieder erstarkenden neutralen Deutschland in allen westeuropäischen Staaten eine wichtige Rolle. In den USA sah man die Gefahr einer Spaltung der Allianz, wenn man auf Stalins Angebot eingegangen wäre. (Kissinger 1994, 537)

Die Antwort des Ostens auf die NATO-Mitgliedschaft der BRD 1955 erfolgte postwendend. Die Sowjetunion gründete mit ihren europäischen Verbündeten (im Westen auch „Satellitenstaaten“ genannt) den „Warschauer Pakt“. Die DDR wurde hier ebenfalls wiederbewaffnet und als formal gleichberechtigter souveräner Staat einbezogen. Damit waren die beiden deutschen Frontstaaten des Kalten Krieges nicht nur geografisch in ihre jeweiligen Blöcke eingebunden, sondern standen sich nun an der Nahtstelle der Teilung Europas und der gesamten Welt unmittelbar bewaffnet gegenüber.


Im Osten doch etwas Neues? Die Sowjetunion nach Stalin

Was nach einer gefährlichen Zuspitzung einer militärischen Konfrontation zwischen Ost und West aussehen konnte, brachte eher eine gewisse Stabilität und Ruhe in das mit Atomwaffen gespickte Verhältnis der beiden Militärblöcke. Der „Kalte Krieg“ blieb kalt und es gab sogar Funken einer leichten Entspannung. Die Einbindung beider deutscher Teilstaaten in ihre jeweiligen Militärallianzen zementierte nicht nur die Teilung Deutschlands, sondern auch Europas und schuf damit Stabilität, weil keine Seite auf eine Änderung des Status quo mit militärischen Mitteln hoffen konnte. Folglich war die Suche nach einem mehr oder weniger geregelten Miteinander die Aufgabe der Tagespolitik.

Dass dafür Räume entstanden, das hatte mit einem drei Jahre zurückliegenden Ereignis zu tun. Am 5. März 1953 starb Josef Dschughaschwili, bekannter unter seinem Decknamen „Stalin“ (der Stählerne). Den einen war und ist er immer noch der Vater des Sieges der Sowjetunion im „Großen Vaterländischen Krieg“ gegen Nazi-Deutschland, den anderen lediglich einer der größten politischen Verbrecher und schlimmsten Diktatoren des 20. Jahrhunderts, wenn nicht gar der Menschheitsgeschichte. Schon am 1. Juni 1953 folgten auf sein Ende in Polen Arbeitskämpfe und am 17. Juni in der DDR der Arbeiteraufstand. In den Kampf gegen neue Arbeitsnormen mischten sich in Ostberlin Forderungen nach politischen Veränderungen. Der sich zum politischen Aufstand entwickelnde Arbeitskampf wurde von Sowjetsoldaten niedergeschlagen und im Westen als „Tag der deutschen Einheit“ zum nationalen Feiertag gemacht.

Auf Stalins Tod folgte in der Sowjetunion unter dem neuen Parteichef Nikita Chruschtschow eine vorsichtige Abkehr vom Stalinismus. Stalin teilte die Welt in ein Lager des Kommunismus einerseits, dessen alleiniger Herr die UdSSR und die Kommunistische Partei der Sowjetunion (KPdSU) war, und in einen von den USA angeführten Block des Imperialismus, die sich feindlich gegenüberstanden. Hinzu kam, dass Stalin einen Krieg zwischen diesen Systemen für (mehr oder weniger) „unvermeidbar“ hielt. Diese ideologische Konfliktlinie, durch den Koreakrieg genährt, entsprach aber immer weniger der faktischen Entwicklung im Weltmaßstab. Insbesondere in der afro-asiatischen Sphäre breiteten sich Bewegungen aus, die getragen vom Kampf gegen den europäischen Kolonialismus nach Unabhängigkeit strebten und nach eigenen Entwicklungswegen jenseits der politischen Vorgaben der beiden atomaren Weltmächte und ihrer Verbündeten suchten.

Diese „Bewegung der Blockfreien“ verstand sich als neutrale „Dritte Kraft“ jenseits des die Weltpolitik prägenden Ost-West-Konfliktes. Das galt insbesondere für die Suche nach einem „Dritten Weg“ zwischen westlichen Kapitalismus und russischen Kommunismus. Die neue Führung in der Sowjetunion nahm diese Bewegungen nicht mehr wie Stalin als eine „fünfte Kolonne des amerikanischen Imperialismus“ wahr, sondern als eine eigenständige Kraft. Sie reagierte darauf mit der neuen Leitlinie einer „friedlichen Koexistenz“ der unterschiedlichen Systeme. Friedliche Koexistenz hieß friedlicher Wettstreit der nebeneinander bestehenden Systeme und Frieden statt „Unvermeidbarkeit des Krieges“ erhielt angesichts der Atomwaffen ein zusätzliches Gewicht. Unklar blieb der Führungsanspruch der Sowjetunion im Lager des Kommunismus. Weltweit bröckelte er offenkundig. Das Verhältnis zu Maos China wurde zunehmend problematischer. Aber wie stand es darum im Warschauer Paktsystem?


Die Antwort der USA und das Scheitern der Befreiungsrhetorik

Mit der veränderten Einschätzung der Bewegung der Blockfreien unterschied sich die neue Führung der Sowjetunion auch von ihrem amerikanischen Rivalen unter dem Präsidenten Eisenhower. Insbesondere dessen Außenminister John Foster Dulles war außenpolitisch, was Joseph McCarthys Antikommunismus innenpolitisch verkörperte. Voller Misstrauen gegenüber dem Sowjetkommunismus hielt er Veränderungen im Moskauer Imperium für reine Camouflage. Das Ziel der kommunistischen Weltrevolution bzw. Weltherrschaft mit allen Mitteln zu erreichen, sah er weiterhin als das genuine Ziel Moskaus an. Er ging von einer Einheit des Weltkommunismus mit Moskau als Zentrale aus. Die Bewegung der „Neutralen“ bzw. „Blockfreien waren für ihn, darin spiegelbildlich Stalin ähnlich, lediglich „fellow travellers“ der Sowjets.

Dulles‘ Kampf gegen den Kommunismus mit allen (auch unerlaubten) Mitteln führte nicht nur zu schwerwiegenden Fehleinschätzzungen, sondern auch zu offenkundigen Widersprüchen. Das gilt insbesondere für seine Befreiungsrhetorik in Richtung Osteuropa. Bei den unterdrückten Völkern Mittel- und Osteuropas weckte er Hoffnungen auf aktive amerikanische Unterstützung. Aber die propagierte „Befreiung der Völker Osteuropas vom Kommunismus“ blieb letztlich ein Papiertiger. Militärische Hilfe war durch das nukleare Patt ausgeschlossen. Paradoxerweise machten die Atomwaffen „supermächtig“ und „ohnmächtig“ zugleich. Andere Methoden der Einflussnahme erwiesen sich als wenig zielführend

Diese strategische Sackgasse der amerikanischen Außenpolitik in der Mitte der 1950er Jahre verdeutlicht ein Verweis auf eine alternative Denkschule in den USA. Ihr prominentester Vertreter war der Diplomat und Historiker George F. Kennan. Er war der Erfinder der vom ersten Nachkriegspräsidenten der USA Harry S. Truman teilweise übernommenen „Containment-Strategie“. Kennan formulierte als amerikanischer Botschafter in Moskau in einem legendären „langen Telegramm“ sowie einem folgenden Artikel in der Zeitschrift „Foreign Affairs“ July / August 1947) als Mr. X (also anonymer Autor) eine aktuelle Einschätzung der Sowjetunion und eine dazu angemessene Strategie der USA. (Kennan 1983, 277 ff. sowie 552 ff.)

Kennan sah in der Sowjetunion nicht primär eine militärische Herausforderung. Politisch strebe die Sowjetunion aber nach einer sich expansiv auswirkenden Sicherheit, der sich die USA im Interesse der Unabhängigkeit der betroffenen Länder entgegenstellen sollte. Zehn Jahre später, im Herbst 1957 hielt Kennan im Radio der BBC eine vielbeachtete Vorlesungsreihe zur aktuellen weltpolitischen Lage. (Kennan 1958) Er sah die eingeschlagene amerikanische Strategie der „Eindämmung“ als gescheitert an und plädierte dafür, nicht weiter auf eine Politik der militärischen Stärke durch Aufrüstung der NATO zu setzen, sondern plädierte im Gegenteil für ein „Disengagement“.

„Disengagement“ war der Begriff für militärische Entspannung, den z.B. der polnische Außenminister Rapacki zur gleichen Zeit mit einer atomwaffenfreien Zone in Mitteleuropa ins Spiel brachte. Kennan argumentierte für eine Entmilitarisierung des Ost-West-Konfliktes. Das Ziel, die Völker Osteuropas zu befreien, erreiche die USA und der Westen nicht durch militärische Aufrüstung und Druck, wie die gescheiterte Revolution in Ungarn zeige. Nähme man dagegen den militärischen Druck auf die andere Seite herunter, böte man damit den Staaten Osteuropas mehr politische Handlungsspielräume, weil sie dann von den nicht zu unterschätzenden Sicherheitsgarantie (vor einem deutschen Revisionismus) ihrer Führungsmacht unabhängiger würden. Neben größerer Selbständigkeit ergäben sich auch mehr innenpolitische Spielräume für Reformen. Ob und inwieweit sie im Sinne eines „Reformkommunismus“ (oder darüber hinaus) mit den Interessen der östlichen Führungsmacht kompatibel seien, könne dann getestet werden.

Dulles dagegen arbeitete zunächst an der Vollendung einer geopolitischen Einkreisung der Sowjetunion durch ein globales Paktsystem um die UdSSR herum. „1955 hatten die Vereinigten Staaten mit 43 Nationen Sicherheitsverträge abgeschlossen. Die Hälfte des Globus war in sie einbezogen.“ (Besson 1964, 198) Die USA entwickelten nach dem Zweiten Weltkrieg einen globalen „Sicherheitsgürtel“ (auch amerikanischer „limes“ genannt) mit befreundeten oder von den USA abhängigen Staaten. Er reichte von der NATO im Westen hin zur SEATO im pazifischen Raum.  Zur Vollendung bedurfte es nur noch des anvisierten „Bagdad-Paktes“ für den Nahen Osten. Dann hätte man den „russischen Bären“ geopolitisch umarmt bzw. im Schwitzkasten. Aber in der Ungarnkrise entdeckte Dulles plötzlich auch das Interesse der USA an Stabilität in Europa, als die Frage auftauchte, wo die Unterstützung der USA für die Revolutionäre bliebe.


Das Ende des Stalinismus und Chruschtschows „Geheimrede“ auf dem XX. Parteitag 1956

Dass es in der Interpretation der sowjetischen Außenpolitik jenseits von Interessen und Weltbildern der Beobachter erhebliche Unterschiede und Unsicherheiten gab, hatte auch etwas mit der nicht widerspruchsfreien Politik der Sowjetunion zu tun. Für ein „Tauwetter“ der Ost-West-Beziehungen sorgten zunächst zwei spektakuläre außenpolitische Aktionen des Kremls. Die eine betrifft die Unterzeichnung des österreichischen Staatsvertrages am 15. Mai 1955, in dem die politische und militärische Neutralität und Souveränität Österreichs verankert wurde. Moskau hatte sie lange hinausgezögert, nun war eine schwelende offene Frage im Zentrum der europäischen Nachkriegsordnung vom Tisch.

Die andere Aktion folgte sogleich. Mit einer Reise nach Belgrad verwandelte die Kremlführung das durch Stalins Politik feindlich gestimmte Verhältnis zu Titos Jugoslawien in ein Freundschaftsverhältnis. Damit akzeptierte die Sowjetführung zugleich das Prinzip, dass es abhängig von den nationalen Besonderheiten unterschiedliche Wege zum Sozialismus gebe und darüber jede Partei in ihrem Land selber entscheide. Von den damit verbunden Folgen für das eigene Bündnissystem in Europa wird noch zu berichten sein.

Ein weiterer wesentlicher Teil der Neuausrichtung des Kremls erfolgte dann im Februar des Jahres 1956 mit der legendären „Geheimrede“ Nikita Chruschtschows auf dem XX. Parteitag der KPdSU. (Chruschtschow 1956) Es war die nicht-öffentliche Abrechnung mit Stalin, die aber schon im April 1956 das Licht der Öffentlichkeit erblickte und folgenreich in ganz verschiedene Richtungen wirkte. Verständlich wird sie dadurch, wenn man bedenkt, dass nach Stalins Tod sein öffentlich dargestellter Heldenstatus zwar sukzessiv getilgt wurde, aber eine offene und öffentliche Auseinandersetzung mit dieser dunklen Ära der Sowjetunion nicht stattfand. Aber zugleich war der Konflikt in der Partei (wie übrigens in allen kommunistischen Parteien) zwischen den „Stalinisten“ und den „Reformern“ unübersehbar.

Die Geheimrede bekam ihren Titel, weil sie am 25. Februar 1956 am Ende des Parteitages unter Ausschluss der Öffentlichkeit erfolgte. Was Nikita Chruschtschow den Delegierten dort in vier (manche berichten von sieben) Stunden vortrug, war für westliche Beobachter eigentlich nichts Neues. Aber als das offizielle Eingeständnis der neuen Parteiführung über die Fehler und vor allem die Verbrechen Stalins war sie eine politische Sensation. Was zuvor überzeugte Kommunisten (und nicht nur Parteifunktionäre) als Lügen ihrer Feinde bestritten, wurde hier von der „höchsten Autorität“ als Tatsache, als Wahrheit geschildert.

Im Zentrum der Stalinkritik stand allerdings der „Personenkult“. Dass der dem Marxismus-Leninismus widersprach ist die eine Seite, dass Stalin diesen zu einer dogmatischen Glaubenslehre verdrehte die andere. Kritisiert wird der Umgang Stalins mit Parteigenossen wie Trotzki, Bucharin, Sinowjew und anderen und die „Moskauer Schauprozesse“ werden insgesamt verurteilt. Rehabilitiert wurden die Verfolgten, Verurteilten und Ermordeten nicht. Erinnert wird daran, dass Lenin in seinem „Testament“ ausdrücklich vor Stalins Charakter gewarnt hatte und dass Lenini mit seinen Gegnern ganz anders umging. Damit wird Lenin zugleich weiterhin zum entscheidenden Bezugspunkt der Partei präsentiert. Die für viele schwerste und überraschendste Kritik richtete sich auf Stalins Fehler im Krieg, womit sein vielgepriesenes „Feldherrngenie“ (Chruschtschow 1956, 517) und seine vermeintlichen Verdienste im „Großen Vaterländischen Krieg“ mehr als relativiert wurden.

Diese Rede diente der neuen Führung sicherlich auch dem Zweck, aus dem Schatten eines übermächtigen Vorgängers heraustreten zu können und zugleich eine den veränderten Rahmenbedingungen und Weltverhältnissen angepasste politische Strategie entwickeln zu können. Indem der „Personenkult“ Stalins zum zentralen Problem ernannt wurde, blieben alle weiteren Probleme und weiterlebenden Dogmen nicht hinterfragt bestehen. Nirgends der Versuch, die strukturellen Gründe des Stalinismus zu ergründen. Es gab keine Selbstkritik der Partei und nirgends wird die Frage gestellt, ob die politische Allmacht der Partei nicht wenigsten Teil der Probleme und Fehlentwicklungen war und möglicherweise auch noch ist. Die Machtstrukturen blieben unangetastet und das vielzitierte „Tauwetter“ beschränkte sich letztlich auf eine gewisse Liberalisierung bzw. Pluralisierung im Kulturbereich. Aber überall im sowjetischen Imperium und den kommunistischen Parteien weltweit ergaben sich erbitterte Kämpfe zwischen den Reformern und den weiterhin mächtigen Altstalinisten.

Für den Westen war Chruschtschows Rede der entscheidende Beleg für den Totalitarismus in der Sowjetunion. Fraglich wurde aber, ob das nur für den Stalinismus gelte oder auch für das Nachfolgeregime. Konnte man diejenigen, die die Verbrechen und Fehlentwicklungen publik machten, noch zur „totalen Herrschaft“ rechnen? Hannah Arendt verneinte das und stufte die Sowjetunion nun als „autoritär“ ein.

In den „Satellitenstaaten“ des Warschauer Paktes keimte Hoffnung auf Spielräume für Veränderungen auf. Sie ergriff zwar insbesondere die Intellektuellen bzw. die sogenannten „Intelligenz“, aber im Juni 1956 meldeten sich in „Poznan“ (Posen) die Werktätigen Polens wieder mit sozialen Forderungen zu Worte. Politische Forderungen folgten, die sich auf den eigenständigen Weg zum Sozialismus beriefen. So kam es in Polen zu einem politischen Wechsel, als der „Nationalkommunist“ Wladislaw Gomulka mit dem Segen der Sowjetführung die Regierung übernahm. „National“ hieß hier, dass der Weg zum Ziel des Sozialismus den Besonderheiten Polens (vor allem in der Landwirtschaft) Rechnung tragen müsse. (s. dazu Alexander 2003, 338 ff.) Gomulkas Geschick bestand darin, dass er – was kurze Zeit später die bittere Lehre des Ungarn-Aufstandes wurde – klug genug war, die außenpolitischen Beziehungen, d.h. die Mitgliedschaft im Warschauer Pakt nicht in Frage zu stellen. Damit stand die Frage im Raum, wie groß waren die Spielräume und wie souverän waren die Staaten im Rahmen des Warschauer Paktsystems.

Zum dramatischen Testfall wurde noch im Herbst 1956 die „Oktoberrevolution“ in Ungarn, bekannter unter dem Titel „Ungarn-Aufstand“. Aber der ist nicht zu trennen von einem weiteren weltpolitisch dramatischen Parallelereignis, der sogenannten „Suez-Krise“.


Literatur

  • Alexander, Manfred (2003): Kleine Geschichte Polens. Stuttgart
  • Arendt, Hannah (1958): Die Ungarische Revolution und der totalitäre Imperialismus, in dies. Inder Gegenwart. Übungen im politischen Denken II. München 2000, S. 73 – 125
  • Bierling, Stephan (2003): Geschichte der amerikanischen Außenpolitik. Von 1917 bis zur Gegenwart. München
  • Besson, Waldemar (1964): Von Roosevelt bis Kennedy. Grundzüge der amerikanischen Außenpolitik 1933-163. Frankfurt a.M.
  • Borch, Herbert von (1984): Doppelkrise 1956: Panzer in Budapest – Fallschirmjäger am Suezkanal, in ders. (Hg.) Die großen Krisen der Nachkriegszeit. Eine Dokumentation. München 1984, S. 36 – 52
  • Cartier, Raymond (1980): Nach dem Zweiten Weltkrieg. Die internationale Politik von 1945 bis heute. München-Zürich
    Chruschtschow, Nikita (1956): „Geheimrede“ vom 25. Februar 1956, in: Medwedew, Roy u.a. (Hg.): Entstalinisierung. Der XX. Parteitag der KPdSU und seine Folgen. Frankfurt a.M. 1977, S. 487 – 537
  • Darwin, John (2013): Das unvollendete Weltreich. Aufstieg und Niedergang des Britischen Empire 1600 – 1997. Frankfurt / New York
    Eden, Anthony (1960): Memoiren. 1945 – 1957. Köln-Berlin
  • Gaddis, John Lewis 2007): Der Kalte Krieg. Eine neue Geschichte. München
  • Grosser, Alfred (1978): Das Bündnis. Die westeuropäischen Länder und die USA seit dem Krieg. München
  • Heller, Erdmute (1998): Die arabisch-islamische Welt im Aufbruch, in: Fischer Weltgeschichte Bd. 36, Das Zwanzigste Jahrhundert III – Weltprobleme zwischen Machtblöcken, Frankfurt a.M., S. 101 -164
  • Hildermeier, Manfred (1998): Geschichte der Sowjetunion 1917 – 1991. Entstehung und Niedergang des ersten sozialistischen Staates. München
  • Horowitz, David (1980): Kalter Krieg. Hintergründe der US-Außenpolitik von Jalta bis Vietnam. Berlin
  • Kennan, George F. (1958): Rußland, der Westen und die Atomwaffe. Frankfurt – Berlin – Wien 1982 (Neuausgabe mit einem Essay von Marion Gräfin Dönhoff)
  • Kennan, George F. (1983): Memoiren eines Diplomaten. München
  • Kissinger, Henry A. (1994): Die Vernunft der Nationen. Über das Wesen der Außenpolitik. Berlin
  • Loth, Wilfried (1992): Geschichte Frankreichs im 20. Jahrhundert. Frankfurt a.M.
  • Rémond, René (1994): Frankreich im 20. Jahrhundert. Erster Teil 1918-1958. Stuttgart
  • Schwabe, Klaus (2007): Weltmacht und Weltordnung. Amerikanische Außenpolitik von 1898 bis zur Gegenwart. Paderborn u.a.
  • Stöver, Bernd (2007): Der Kalte Krieg 1947 – 1991. Geschichte eines radikalen Zeitalters. München
  • Westad, Odd Arne (2019): Der Kalte Krieg. Eine Weltgeschichte. Stuttgart
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