Die Katastrophen werden zur Normalität und nichts ändert sich

Die zwei Seiten des Prometheus

Die täglichen Bilder von den Feuerbrünsten in Frankreich und Spanien, nun auch in Griechenland und der Türkei sind unbeschreiblich und erschreckend. Momentan stehen die nicht enden wollenden Feuer im Brennpunkt, aber sie können die wildgewordenen Wassermassen und Sturzfluten an anderen Orten und zu anderen Jahreszeiten nicht vergessen machen. Alles zusammen ergibt Bilder wie aus der Apokalypse, die uns in Angst und Schrecken versetzen. Feuer und Wasser, bei dem altgriechischen Philosophen Empedokles waren sie neben Erde und Luft die Urelemente aus denen alles entstand.

Feuer und Wasser sind Produktivkräfte und Destruktivkräfte zugleich. Ohne Wasser gibt es kein Leben. Das Feuer ist Teil der Natur und eine Erfindung des Menschen. In der griechischen Mythologie wird diese Bedeutung durch den Titan Prometheus verkörpert. Er brachte den Menschen das Feuer und machte sie damit den Göttern gleich. Für diesen Frevel fesselte Zeus ihn an einen Felsen. Den Menschen gilt dieser erfindungseiche „Vordenker“ – wie sein Name übersetzt wird – als Symbol der selbstbewussten Entfaltung der menschlichen Produktivkräfte und seiner Herrschaft über die Natur. Jener Entwicklungsetappe der Menschheit, die wir die Industrialisierung nennen, hat der amerikanische Wirtschaftshistoriker David Landes 1969 in einem wegweisenden Werk den bezeichnenden Titel „Der entfesselte Prometheus“ gegeben.

Was hier durch Prometheus als Entfesselung der menschlichen Produktivkraft gefeiert wird, erleben wir heute als nicht mehr beherrschbare Naturgewalten. Es sind aber nicht jene wie Erdbeben oder Tsunami, gegen die kein Kraut gewachsen ist. Die Folgen der industriellen Eingriffe in die Naturkreisläufe haben das Weltklima durcheinandergebracht und das schickt uns nun in Gestalt von Feuer und Wasser Naturkatastrophen, die immer mehr wie apokalyptische Sendboten erscheinen. Zwar gibt es genügend Zweibeiner, die diese Begegnung als Folge menschlicher Hybris bestreiten, auch interessierte und mächtige Zeitgenossen, die zwar alles verändern wollen, aber nicht die Verhaltensweisen des Homo faber, die zur Entfesselung der Naturgewalten beitragen.

Unvermeidbar wird die Politik mit der Frage konfrontiert, wie wollen (und müssen) wir leben, um unseren Planeten lebensfähig zu erhalten. Und damit werden die sich summierenden Naturkatastrophen zu einem Politikum und zu einem Kulturkampf. In dem bewegen wir uns eigentlich schon längst. Aber zu den vielen Zeitenwenden gehört auch eine weitere: Zu den Leugnern des Klimawandels überhaupt oder dem menschengemachten gesellen sich immer mehr Stimmen, die zum Abschied von jeglicher oder zumindest zu ambitionierter Klimapolitik blasen, weil sie nicht durchsetzbar sei. Die Menschen seien nicht bereit Wohlstandsverluste und Eingriffe in ihre persönliche Freiheit hinzunehmen, um „das Klima zu retten“. Zudem ruiniere Deutschland seine industrielle Wettbewerbsfähigkeit durch Umweltauflagen, ohne das Weltklima dadurch retten zu können.

Die sich daraus ergebende Agenda ist die alte: Wir brauchen Wirtschaftswachstum um unseren Wohlstand zu sichern, müssen dafür auch wieder mehr arbeiten und den Sozialstaat auf das absolut Notwendige zurückführen, denn andernfalls gerate auch die Demokratie in Gefahr, weil autoritäre Regime beweisen, dass sie den herkömmlichen Wohlstandverständnis besser gerecht würden.

Folgt man den Umfragen und der veröffentlichten Meinung, dann erweist sich auch in Deutschland der Kampf gegen den Klimawandel als Schönwetterthema ohne Nachhaltigkeit. Es gibt allerdings eine nicht zu unterschätzende Veränderung. Unabhängig davon, wie viel Zulauf Leugner und Skeptiker des menschengemachten Klimawandels noch erhalten, steht dieser als Faktum leider fest und seine Folgen werden immer sichtbarer und erlebbarer. Und wie die Sonne und der Regen beglücken sie jede und jeden. Dieser Sommer lehrt uns eines ganz sicher, die Hitzewellen sind etwas, was „böse enden“ kann und dagegen muss im ureigensten Interesse etwas getan werden.

Und damit sind die Verteidiger eines tradierten Wohlstandsmodells (von „qualitativen“ Wachstum ist da nicht die Rede) nicht nur als Städter bei Problemen, die sie früher für Belästigungen durch gründe Spinner und Ideologen hielten. Wie halten wir unsere Wohnungen im Hitzesommer so kühl, dass man darin noch wohnen und schlafen kann? Wie erhalten wir ein Stadtklima, damit man darin noch atmen und leben kann? Was ist wichtiger: betonierte Verkehrsflächen für stehende und fahrende Autos oder Bäume und Grünflächen für zirkulierende Stadtluft?

Was als vorbeugende Maßnahmen gegen den Klimawandel als Zumutung zurückgewiesen wird, kommt als Linderung der Folgen von Hitzewellen und anderen Begleiterscheinungen des faktischen Klimawandels möglicherweise noch einschneidender zurück auf die Tagesordnung. Und die Güterabwägung könnte nun etwas anders aussehen. Am Ende des Prometheus-Mythos steht die „Büchse der Pandora“ und in der bleibt nach dem Entfliehen aller Übel bekanntlich die „Hoffnung“ erhalten.

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