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Samstag, 30. August 2025
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Von Višķi nach Osnabrück

Historische Auftaktveranstaltung deutsch-lettischer Schulkooperation

Am Donnerstagabend war es soweit: Im Friedenssaal des Rathauses wurde eine internationalen Schulkooperation gestartet, die andernorts ihresgleichen sucht. Feierlich unterzeichnet wurde die Zusammenarbeit der beiden Vereine Drei Stufen sowie Gedenkstätten Gestapokeller-Augustaschacht mit Schulen aus dem Osnabrücker Nahbereich und einer aus dem ferneren Lettland.


Wer dabei ist

Konkret beteiligt waren die Alexanderschule Wallenhorst, die Realschule Georgsmarienhütte, die Schule am Roten Berg Oberschule Hasbergen, last but not least die Mittelschule Špogi aus dem kleinen lettschen Ort Višķi. Assistierend zur Seite stehen gastgebende die Stadt Osnabrück sowie die Gemeinde Hasbergen.

Das symbolische Dach der Kooperation bildet der in Osnabrück ansässige Verein Drei Stufen. Diese Vereinigung war 2017 von Baruch Chauskin, Kantor der Jüdischen Gemeinde Osnabrück, ins Leben gerufen worden. Alles hatte mit der Spurensuche nach seiner verstorbenen Großmutter und den dabei entdeckten – und für den späteren Verein namensgebenden – drei Stufen der zerstörten Synagoge von Viski im Südosten Lettlands begonnen. In der OR wurde der Verein bereits ausführlicher vorgestellt. OR-Autorin Martina Sellmeyer hat die damaligen Ereignisse in einer dreiteiligen Serie besonders ausgiebig geschildert. 

Drei Stufen erinnern in Višķi an den Treppenaufgang der früheren Synagoge. Foto: Verein Drei Stufen
Drei Stufen erinnern in Višķi an den Treppenaufgang der früheren Synagoge. Foto: Verein Drei Stufen


Der Ort, um den sich alles dreht:
Višķi

Wo nun genau liegt das oft erwähnte Višķi? Vor den Kriegsereignisse galt der Ort als sogenanntes „Schtetl“. Ein Schtetl, auch Stetl genannt, könnte deutsch mit „Städtlein“ übersetzt werden. Historisch war es die Bezeichnung für Siedlungen mit hohem jüdischem Bevölkerungsanteil im Siedlungsbereich der Juden in Osteuropa vor dem Zweiten Weltkrieg.

Panorama des heutigen Višķi, in dem rund 250 Menschen leben.
Panorama des heutigen Višķi, in dem rund 250 Menschen leben.

Jene jüdische Bevölkerung war im Zuge des NS-Terrors nach der Besetzung Lettlands durch die Wehrmacht, außerdem von nationalistischen Letten, nahezu vollständig ermordet worden. Das heutige Višķi beherbergt nur noch rund 250 Menschen.

Wie in den Vorjahren wird sich im September erneut eine Gruppe von Multiplikator*innen der regionalen Erinnerungskultur nach Višķi aufmachen, um bestehende Kontakte zu festigen und gewonnene Erkenntnisse in der Bildungs- und Aufklärungsarbeit zu verwenden.


Grußbotschaften, musikalische Klänge – und ein neuer Verein

Bevor es am Abend zur feierlichen Vertragsunterzeichnung kam, waren Grußbotschaften und musikalische Klänge zu vernehmen. Letztere vollbrachten Katharina und Stina. Die beiden Schülerinnen von der Realschule Georgsmarienhütte wählten bewusst den legendären Song „Wind of Change“, der bis heute untrennbar mit dem Wandel in Osteuropa von stalinistischen Diktaturen zu Demokratien verbunden ist. Später intonierten beide Schülerinnen, nicht minder symbolhaft, „Looking for Freedom“.

Treffende Worte fand OB Katharina Pötter als Gastgeberin, die auf die hohe Bedeutung der Erinnerungskultur in der örtlichen Kommunalpolitik wie auch bei der nationalen Aufbereitung geschichtlicher Ereignisse aus der Zeit des NS-Terrors hinwies. Nach Pötter richteten die aus Lettland angereisten Gäste ihre Worte an das Publikum. Den Anfang machte der neugewählte Landrat Vitālijs Aizbalts aus dem Landkreis Augšdaugava, der zur Geschichte der Kooperation in den letzten Jahren berichtete. Auch sein Stellvertreter Jānis Proms hatte sich die Anreise nicht nehmen lassen, um die lettische Delegation mit eigenen Erfahrungen zu unterstützen.

Sehr authentisch wiesen die lettischen Gäste nach, wie rasant sich die Kooperation vor allem durch Kantor Baruch Chauskin entwickelt hat und zu durchaus freundschaftlichen Banden geführt habe. Unter Moderation des stellvertretenden Vereinsvorsitzenden Peter Befeldt folgten weitere Programmpunkte. Den Auftakt übernahm Schulleiterin Inara Ondzule von der lettischen Mittelschule Spogi. Ihr folgten Beiträge hiesiger Schulleiterinnen und Schulleitern, die das Redepodest jeweils gemeinsam mit Schüler*innen betraten, um auch diesen eine Gelegenheit für eigene Beiträge zu geben. Stellvertretend für den besonderen „Mehrklang“ standen Arne Willms von der Wallenhorster Alexanderschule, Thomas Weißenburg von der Oberschule am Roten Berg in Hasbergen sowie Barbara Stahl von der Realschule Gmhütte.

Eine besondere Ankündigung erfolgte aus den Mündern von Adrian Schäfer (Bürgermeister von Hasbergen), Holger Elixmann (Präsident des VfL Osnabrück) sowie Dr. Michael Gander (Geschäftsführer der Gedenkstätten Gestapokeller und Augustaschacht). In jeweils unterschiedlichen Facetten kündigten alle drei die Gründung eines deutsch-lettischen Freundeskreises in der Region Osnabrück an. Die erhoffte Resonanz blieb nicht aus: Nach der Veranstaltung sollten so einige aus dem Publikum die Gelegenheit am Schopfe fassen, um sich auf ausgelegten Listen als mögliche Mitglieder einzutragen.

Baruch Chauskin intoniert das Lied der weißen Taube. Foto: Heiko Schulze/OR
Baruch Chauskin intoniert das Lied der weißen Taube. Foto: Heiko Schulze/OR


Stimmungsvolles Finale

Das Finale der Zusammenkunft bestritt jener Mann, ohne den die gesamten Aktivitäten der Vergangenheit mit Sicherheit nicht entfaltet worden wären: Baruch Chauskin demonstrierte mit Gitarre, dass er nicht umsonst als stimmgewaltiger Kantor der Jüdischen Gemeinde gilt. Das erste seiner Lieder, eifrig mitgesunden aus dem Publikum, besang eine weiße Taube. Das zweite war das bestbekannte Halleluja – nicht ganz ohne leichte Anklänge an André Rieu.

Naturgemäßer Höhepunkt des Abends war schließlich die offizielle Vertragsunterzeichnung. Deren Zielsetzungen werden vom Verein Drei Stufen wie folgt beschrieben: „Die jetzt vereinbarte Kooperation verbindet Deutschland und Lettland sowie die jüdische Geschichte der Stadt und des Landkreises Osnabrück, Rīga, Daugavpils und Višķi. Ziel ist es, interkulturelle Kompetenz zu fördern, gemeinsames Lernen zu ermöglichen, die Erinnerungsarbeit zu vertiefen und das gesellschaftliche Engagement für ein friedliches Miteinander in Europa – insbesondere unter jungen Menschen – zu stärken.“

Freuen sich über den signierten Vertrag: Übersetzerin Iveta Arends, Inara Ondzule, Baruch Chauskin, Vitālijs Aizbalts und Jānis Proms. Foto: Heiko Schulze/OR
Freuen sich über den signierten Vertrag: Übersetzerin Iveta Arends, Inara Ondzule, Baruch Chauskin, Vitālijs Aizbalts und Jānis Proms. Foto: Heiko Schulze/OR


Was nun geschehen soll

Insgesamt sind jetzt rund 1.000 Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte aus vier Schulen beteiligt – ein bedeutender neuer Beitrag zum europäischen Austausch im Raum Osnabrück. Die Gedenkstätten Gestapokeller und Augustaschacht in Hasbergen sowie die geplante zukünftige Gedenkstätte im lettischen Višķi werden im Rahmen des Schulprojekts zu zentralen Lernorten der Erinnerungsarbeit.

Die nun besiegelte Schulkooperation bleibt eine Initiative des Vereins Drei Stufen e.V.. Alles ist Teil des deutsch-lettisch-jüdischen Kulturdialogs, der bereits seit 2017 mit Leben gefüllt wird und nun in eine neue Phase tritt. Der Verein versteht sich dabei weiter als internationaler Brückenbauer zwischen Bildung, Erinnerungsarbeit und interkultureller Verständigung.

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