Donnerstag, 22. Februar 2024

Widerstand im Osnabrück der NS-Zeit – Folge 34: Hans Wunderlich

Die OR-Serie „Widerstand im Osnabrück der NS-Zeit“ widmet sich einem spannenden, aber bisher kaum bekannten Thema: Sie erinnert an mutige Menschen, die sich aktiv dem Naziterror und seinen menschenverachtenden Ideen widersetzt und dafür ihr Leben riskiert haben.

OR-Redakteur und Verfassungsvater

Es zählt zu den späten Triumphen des antifaschistischen Widerstands, dass es einigen Überlebenden erfolgreich gelingt, sich nach 1945 prägend beim Neuaufbau demokratischer Verhältnisse einzubringen. Innerhalb der bislang in der Osnabrücker Rundschau vorgestellten Serie über Menschen des Widerstandes fehlte bislang einer, der als „Verfassungsvater“ in besonderer Weise mit der deutschen Geschichte verbunden ist: Hans Wunderlich (1899-1977) ist anno 1949 einer von nur 65 (!) stimmberechtigten Abgeordneten der westlichen Besatzungszonen, die im Parlamentarischen Rat jenes Regelwerk unserer heutigen Republik diskutieren, formulieren und beschließen, das zum Fundament der Bundesrepublik wird. Dass der Sozialdemokrat Wunderlich zuvor im Jahre 1946 zugleich einer der verantwortlichen Redakteure der ersten Osnabrücker Rundschau gewesen ist, unterstreicht zugleich seine Bedeutung für die lokale Geschichte. Wer war dieser OR-Redakteur und Verfassungsvater?


Erste Erfahrungen

Geboren in München, ist der Katholik Wunderlich zunächst alles andere als jener tief überzeugte Sozialdemokrat, der er später wird. Denn als Sohn eines autoritären Gymnasialdirektors ist er ohne materielle Probleme im gut situierten Münchner Bürgertum aufgewachsen. Trotzdem entwickelt er schon früh eine tiefe und dauerhafte Aversion gegen das konservative Milieu seiner Eltern. Dem leistungsorientierten Vater gefällt es umgekehrt keineswegs, dass der Filius „nur“ die „Oberrealschule“ statt des standesgemäßen Gymnasiums absolviert.

15 Jahre alt ist Hans, als der Erste Weltkrieg beginnt. Seine freiwillige Meldung zum Kriegseinsatz ist auch das Ergebnis seiner bürgerlichen Herkunft. Im Schützengraben zahlt er bitteres Lehrgeld. Mit gerade einmal 18 Jahren erlebt Hans an der Westfront ziemlich schnell all jene Kriegsgräuel, die viele Jahre später der Osnabrücker Weltliterat Erich Maria Remarque in seinem Roman „Im Westen nichts Neues“ dokumentieren wird.

Dass Wunderlich nach 1945 zum leidenschaftlichen Verfechter eines Rechts auf Kriegsdienstverweigerung wird, ist nicht zuletzt den persönlich prägenden Fronterfahrungen geschuldet. Als Kriegsheimkehrer zieht es Wunderlich schnell aus München fort. Spätestens nach Ende des Weltenbrandes entwickelt sich außerdem seine Leidenschaft zum Schreiben. In der Bierstadt Einbeck erlernt er beim bürgerlichen „Tageblatt“ als Volontär das journalistische Handwerk. Kritisch beäugt er das politische Geschehen. 1920 bricht er mit seiner bürgerlichen Herkunft und wird aktiver Sozialdemokrat. Nachdem sich Wunderlich nach der erfolgreichen Ausbildung zum Journalisten offen mit dem Kurs des bürgerlichen Blatts überworfen hat, wechselt er direkt zur sozialdemokratischen Konkurrenz. 1921 wird er Redakteur der „Einbecker Volksstimme“, die jedoch bereits 1923 aufgrund finanzieller Probleme eingestellt wird.

Grund genug für den Journalisten, sich nach freien Redakteursposten innerhalb der reichen Landschaft der damals beinahe flächendeckend vertretenen SPD-Tageszeitungen umzusehen. Seine Wahl fällt anno 1923 schließlich auf die „Freie Presse“ in Osnabrück, was ihn dann für die nächsten Jahre in die Hasestadt zieht. Hier lernt er auch seine Frau Frida kennen, die von den Nazi-Machthabern später als „Halbjüdin“ eingestuft wird. Auch dies ist ein Grund, weshalb Wunderlichs Widerstand gegen die Nationalsozialisten zur täglichen Selbstverpflichtung wird.

Bis 1928 ist er hauptberuflich Redakteur der Parteizeitung. Auch danach, inzwischen ist „Ilex“ Josef Burgdorf Hauptschriftleiter, schreibt Wunderlich im Blatt freiberuflich weiter. Aktiver Schutz der Republik vor der braunen Gefahr liegt dem Journalisten am Herzen. Deshalb avanciert er 1930 zum Kreisleiter des Reichsbanners „Schwarz-Rot-Gold“. Diese republikanische Schutzformation, die 1931 mit Arbeitersportbewegung und gewerkschaftlichen Hammerschaften zur „Eisernen Front“ zusammengeschlossen wird, betätigt sich aktiv gegen rechte Angriffe auf demokratische Versammlungen. Die Abwehrformation schützt mit ihren Angehörigen, notfalls in Form von Gegengewalt, Kundgebungen und Demonstrationen. In ungezählten Reden und Artikeln tritt Wunderlich daneben weiter als mutiger Streiter gegen die Nazi-Gefahr in Erscheinung und ist in deren Reihen sowohl wegen seiner journalistischen Aktivitäten wie als führender Kämpfer der Eisernen Front verhasst.


Widerstand aus Lienen-Holperdorp

Beinahe ohnmächtig muss Wunderlich mit seinen Genossinnen und Genossen dabei zusehen, wie die Nazis die Demokratie schrittweise zerschlagen. Nach der Machtübergabe an die Hitler-Partei am 30. Januar 1933 und der folgenden Zerschlagung demokratischer Presse begibt sich der Redakteur in die Illegalität. Nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ besinnt er sich auf gute Kontakte zu Sozialdemokraten im Tecklenburger Raum, für die er dort oft als Redner aufgetreten ist. Er zieht nach Lienen-Holperdorp um und arbeitet zunächst als Hilfskraft in einem Gartenbaubetrieb. Ab 1934 ist er Betreiber eines kleinen Obstanbauunternehmens im Teutoburger Wald.

Mutmaßlich ist es Wunderlichs früher Umzug nach Lienen, der dafür verantwortlich sein dürfte, dass der führende Sozialdemokrat in den Folgejahren vergleichsweise wenig von der Gestapo beäugt wird. Auf deren Karteikarte ist für die Laufzeit 1932-1936 lediglich das Folgende vermerkt (NLA OS Rep 439 Nr. 47998. Der Lesbarkeit halber wurden unter anderem Wiederholungen vermieden und Abkürzungen teils ausgeschrieben):

„Geburtstag und Geburtsort: 18.07.1899 München, Wohnung: Osnabrück, Wörthstr 72, Osnabrück. Beruf: Schriftsteller. Familienstand: Verh. m. Frida, geb. Brandes. Staatsangehörigkeit: Bayer (deutsch). Politische Einstellung: Reichsbanner (sozialdemokratisch). Glaubensbekenntnis: römisch-katholisch. Abteilung der Gestapo: Politische Polizei. Laufzeit 1932 – 1936. Enthält Sachverhalt: (Datum der Eintragung: 30.08.1932): 1.Schriftführer des Reichsbanner, Ortsverein Osnabrück, Geschäftszeichen: I 42 16c/7, Sachverhalt (Datum der Eintragung: 17.06.1936): Ehem. 1. Vorsitzender des Reichbanners ( ) u. Schriftführer der SPD.“

In seinem neuen Wohnort beteiligtsich Wunderlich in Wahrheit aktiv an der Nutzung jener sogenannten „Eekenpacht“, einem für ihn benachbarten Kotten, in dem sich oppositionelle Sozialistinnen und Sozialisten über viele Jahre hin illegal während der NS-Zeit treffen. Sie unterhalten dort eine Bibliothek mit verbotener sozialistischer Literatur und tauschen sich, auch im Beisein Wunderlichs, regelmäßig zu tagesaktuellen Fragen wie jene über die „Zeit danach“ aus. Das unscheinbare Gebäude, ganz in der Nähe vom Wohnhaus des Ehepaars Wunderlich gelegen, bildet darum eine winzige Oase im tiefbraunen Umfeld.

Die Eekenpacht in Lienen-Holperdorf. Oase des Widerstands und Treffpunkt Gleichgesinnter. Links im Bild: Hans Lücke, später SPD-Bundestagsabgeordneter. Foto: Archiv Karl SchulzeDie Eekenpacht in Lienen-Holperdorf. Oase des Widerstands und Treffpunkt Gleichgesinnter. Links im Bild: Hans Lücke, später SPD-Bundestagsabgeordneter. Foto: Archiv Karl Schulze

In unseren OR-Beiträgen zu Franz Lenz, Hans Lücke sowie Goswin Stöppelmann  konnten wir bereits intensiv auf die Funktion der Eekenpacht eingehen und belassen es an dieser Stelle mit einem Verweis auf die dort ausführlicher dargestellten Widerstandsaktivitäten.

Auf Goswin Stöppelmanns Gestapo-Karteikarte wird ersichtlich, dass die Treffen in der Eekenpacht den Nazi-Machthabern keineswegs verborgen bleiben. Originalton: „St. ist angebl. Mitpächter des Kottens „Eckenpacht“ in Holperdorf b. Lienen, in dem kommunist. Versammlungen stattfinden sollen.“

Ungeklärt bleibt bis heute, weshalb die Gestapo nie ernsthafte Versuche unternommen hat, den Widerstandsort „auszuheben“, was mit Sicherheit auch den „Nachbarn“ Wunderlich betroffen hätte

Jener bleibt dennoch sehr wohl im Visier der Gestapo. Geschickt gelingt es ihm aber jahrelang, seine konspirativen Kontakte zu Gleichgesinnten zu verbergen. Dennoch geschieht es: 1940 wird er für neun Monate an die Front einberufen, wird dann aber zunächst bis kurz vor Kriegsende in der heimischen Gemeindeverwaltung als Hilfskraft dienstverpflichtet. Als die NS-Machthaber nach dem gescheiterten Stauffenberg-Attentat am 20. Juli 1944 damit beginnen, Zigtausende von Angehörigen der Arbeiterparteien im Zuge der sogenannten „Aktion Gewitter“ zu verhaften, zählt Wunderlich postwendend zu den Verhafteten. Doch er hat insofern „Glück im Unglück“, dass er bereits nach wenigen Wochen wieder freikommt. Auch seine „halbjüdische“ Frau Frida entgeht einer Deportation. Dem Paar gut bekannte Osnabrücker SPD-Genossen wie Fritz Szalinski, Heinrich Groos, Heinrich Niedergesäß und Wilhelm Mentrup trifft es ungleich schlimmer: Sie werden, wie der Kommunist August Wille, ins KZ Neuengamme deportiert und dort ermordet.


Wieder Journalist

Nach dem Tag der Befreiung seiner Heimatstadt am 4. April 1945 wird Wunderlich sofort zum Aktivposten des demokratischen Aufbaus. Nach zwölf Jahren Nazi-Diktatur sind auch demokratische Zeitungsmacher gefragt. Wer sonst soll dabei helfen, den Menschen endlich wieder Grundlagen demokratischen Denkens beizubringen? Anlass genug für Hans Wunderlich, sich wieder aktiv in das demokratische Geschehen einzubringen. Am 1. März 1946 erscheint die erste Nummer einer lang ersehnten lokalen Zeitung. Sie trägt den Namen „Osnabrücker Rundschau“. Unter den Machern befindet sich Hans Wunderlich – der keinen Hehl aus seinen linken Überzeugungen macht. Die OR hat den Werdegang ihrer Vorgängerin natürlich bereits beleuchtet.

Aus konservativen Reihen hagelt es viel Kritik an der inhaltlichen Ausrichtung der OR. Die Kritik setzt sich auch in der Folgezeit immer heftiger fort. Überdies wächst deutlich der Unwille gegenüber britisch verantworteten Blättern. Die Besatzungsbehörden kommen den Bedenken entgegen, indem sie umgehend Zeitungslizenzen an Deutsche vergeben. Dabei ist den britischen Besatzern im niedersächsischen Umland sehr daran gelegen, dass es neben SPD-nahen Blättern zunehmend auch solche mit konservativer Ausrichtung gibt. Die Tage der ersten „Osnabrücker Rundschau“ sind somit am 13. September 1946 gezählt. Sie hat keine sechseinhalb Monate existiert. Nachfolgeblatt wird das CDU-nahe „Neue Tageblatt“. Wunderlich besitzt bei diesem Blatt aufgrund seiner sozialdemokratischen Gesinnung keinen Platz mehr. Im April 1947 wechselt er zur SPD-nahen, in Wilhelmshaven produzierten Nordwestdeutschen Rundschau, die dann auch einen Osnabrücker Lokalteil samt Lokalredaktion aufweist. Ab 1950 wird sich das Neue Tageblatt in „Neue Tagespost“ umbenennen, den konservativen Kurs aber strikt beibehalten.

Als Lizenzträger der Nordwestdeutschen Rundschau leitet Wunderlich deren Lokalteil. Daneben ist er zwischen 1948 bis 1950 ein führendes Mitglied des wieder demokratisch gewählten Osnabrücker Stadtrats. Seit 1947 ist er Vorsitzender der Osnabrücker SPD und stellvertretender Vorsitzender im Parteibezirk Weser-Ems.


Delegiert in den Parlamentarischen Rat

In der SPD des neu gegründeten Bundeslandes Niedersachsen genießt der Osnabrücker ein hohes Ansehen. Der Landtag sendet ihn darum schon 1948 als einen von insgesamt neun Mitgliedern in den Parlamentarischen Rat, der das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschlands in Bonn ausarbeiten soll. Das Grundgesetz ist über die Jahrzehnte immer weiter verfeinert und teilweise auch verändert worden, doch sein Kern hat bis heute Bestand: Unverrückbare Artikel betreffen das Recht auf körperliche Unversehrtheit, die Gleichheit vor dem Gesetz, freie Wahlen, Oppositions-, Meinungs-, Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit.

Akribisch und leidenschaftlich hat sich der Osnabrücker dort als Mitglied des Ausschusses für Grundsatzfragen eingebracht. Vor allem streitet er vehement und am Ende erfolgreich, gegen den erbitterten Widerstand vieler Konservativer, für das völlig neue Recht auf Kriegsdienstverweigerung. Vergeblich bleibt allerdings sein aktiver Einsatz gegen die Wiedereinführung des traditionellen, vom Obrigkeitsstaat übernommenen Berufsbeamtentums. Womöglich ahnt Wunderlich dies schon zu jenem Zeitpunkt: Die Wiedereinsetzung zigtausender ehemaliger Nazis in der deutschen Beamtenschaft durch die Regierung des CDU-Kanzlers Konrad Adenauer wird zu einer unerträglichen Bürde der jungen deutschen Demokratie werden.

Seit der Eröffnungsfeier des Parlamentarischen Rates, die am 1. September 1948 im Bonner Museum Koenig stattgefunden hat, zählt der Osnabrücker zu insgesamt 27 westdeutschen SPD-Abgeordneten. Sie alle sind, wie ihre Kollegen anderer Parteien, in jeweiligen Landesparlamenten gewählt worden sind. Ebenso viele Mandate wie die SPD besetzt die frisch gegründete CDU/CSU. Die ebenfalls neu formierte FDP zählt fünf Parlamentarier. Das katholische Zentrum, die rechtskonservative Deutsche Partei und die Kommunistische Partei weisen jeweils zwei Abgeordnete auf. Die zuletzt Genannten zählen, wie die Mehrzahl der CSU-Mitglieder, zu jenem Dutzend der Mandatsträger, die am Ende gegen das Grundgesetz stimmen.


Enttäuschung nach der Wahlniederlage

Wunderlich als heimgekehrter Ruheständler. Foto: Archiv OR

Im Zuge der Wahlen in den drei vormaligen Westzonen kandidiert Wunderlich im Jahre 1949 vergeblich für den ersten Deutschen Bundestag. Wie andere Mitglieder seiner Partei ist er schwer enttäuscht, dass bürgerliche und restaurative Kräfte um Adenauer in der neuen Hauptstadt Bonn eine Mehrheit bekommen und auch der Osnabrücker Wahlkreis an die CDU geht. 1950 verlässt Wunderlich für viele Jahre Osnabrück.

Er kehrt zum aktiven Journalismus zurück und wird Redaktionsmitglied der sozialdemokratischen „Westfälischen Rundschau“ in Dortmund. Von 1961 bis 1964 ist er sogar deren Chefredakteur. Ungebrochen ist seine Sehnsucht nach Osnabrück. Als aktiver Ruheständler, der weiter engagiert das Geschehen in seiner Partei und im Lande verfolgt, verbringt er seinen Lebensabend in der Hasestadt.

 

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