Samstag, 20. Juli 2024

OR-Serie „Widerstand im Osnabrück der NS-Zeit“ – Folge 22: Bernhard Schopmeyer

Die OR-Serie „Widerstand im Osnabrück der NS-Zeit“ (am Ende dieses Textes finden sich Links zu allen bislang erschienenen Folgen dieser Serie) widmet sich einem spannenden, aber bisher kaum bekannten Thema: Sie erinnert an mutige Menschen, die sich aktiv dem Naziterror und seinen menschenverachtenden Ideen widersetzt und dafür ihr Leben riskiert haben.

 

Bernhard Schopmeyer
Kurz nach dem Krieg von Nazis ermordet?

Wäre Bernhard Schopmeyer nicht wenige Wochen nach dem Krieg ermordert worden, wäre sein Name heute nur noch wenigen bekannt. So aber hat sich gerade in den letzten Jahren ein Arbeitskreis mit seinem Schicksal auseinandergesetzt – und interessante Fakten zutage gefördert.

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Geboren wird Bernhard Johannes Schopmeyer am 2. September 1900 in Hagen a.T.W. als Sohn des Kesselschmieds Conrad Schopmeyer. Der Vater ist in der Beckeroder Kesselschmiede beschäftigt, in seiner Freizeit aber als Vorsitzender des Katholischen Arbeitervereins (Heute: Katholische Arbeitnehmer-Bewegung KAB) in Hagen engagiert. Dieser Verband erfuhr damals einen großen Aufschwung, nachdem der Papst dazu aufgerufen hatte, dass Arbeiter sich zur Vertretung ihrer Interessen in Vereinen zusammenschließen sollten. Bernhard Schopmeyer unterstützte ab 1923 seinen Vater als Schriftführer in der Vorstandsarbeit. Beruflich absolviert er eine Ausbildung als Zimmermann und arbeitet in diesem Beruf bis 1926. Daneben hat er Kurse und Seminare des Volksvereins für das Katholische Deutschland besucht, die gezielt zur Schulung und Weiterbildung des Führungspersonals der Arbeitervereine ausgerichtet wurden.

Mit diesem Einsatz empfiehlt sich Bernhard Schopmeyer für weitere Aufgaben und so wird er zum 1. 1. 1926 zum Nachfolger des Osnabrücker Arbeitersekretärs August Hagemann berufen. Hagemann war in der Stadt eine Institution, da in ihm zahlreiche Ämter des politischen Katholizismus zusammenliefen. Er war zeitgleich Geschäftsführer des Volksvereins, Sekretär des 1908 gegründeten Diözesanverbandes der Katholischen Arbeitervereine, Sekretär der christlichen Gewerkschaften, Sekretär der Zentrumspartei sowie Abgeordneter des Preußischen Landtages in Berlin.

Im folgenden Jahr heiratet er seine Frau Maria; aus der Ehe sollten sechs Kinder hervorgehen.

Zu seiner Arbeit für Volksverein und Diözesanverband der Arbeitervereine gehörte die Hilfe und Beratung der Mitglieder in arbeits- und sozialrechtlichen Fragen. Besonders Fragen zur Sozialversicherung spielten im Beratungsalltag eine große Rolle. Um Mitglieder im ganzen Bistum zu erreichen, wurden regelmäßig auswärtige Sprechstunden angeboten.

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Zu diesen Aufgaben kam bereits 1928 ein Mandat als Zentrumsabgeordneter im Rat der Stadt Osnabrück. 1929 zog er zudem in den Provinziallandtag in Hannover ein. Weitere Aufgaben lagen im Schlichtungsausschuss oder als Beisitzer beim Arbeitsgericht. Für 1933 war geplant, dass Bernhard Schopmeyer den Platz von August Hagemann im Preußischen Landtag einnehmen sollte, den dieser aus Altersgründen aufgeben wollte. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde Hagemann stattdessen ohne Pensionsanspruch aus dem Staatsdienst entlassen. Schopmeyer verlor ebenfalls seine Ämter in der Politik und auch die übrigen Tätigkeiten wurde zunehmend eingeschränkt.  So wurde das Arbeitersekretariat an der Riedenstraße zeitweise von SA-Männern besetzt. Durch das Verbot der Doppelmitgliedschaft wurde die Arbeit der KAB-Gruppen zunehmend erschwert. Zugelassen waren lediglich noch religiöse Veranstaltungen. Anders als im benachbarten Bistum Münster wurde die KAB im Bistum Osnabrück jedoch nie verboten, was an dem unterschiedlichen Auftreten der beiden Bischöfe gelegen haben dürfte. Während der eine, Wilhelm Emanuel Graf von Galen, deutlich in Hirtenworten und Predigten das Neuheidentum des Nationalsozialismus verdammte und damit zum erklärten Ziel der Machthaber wurde, versucht der Osnabrücker Bischof Wilhelm Berning in einer Vermittlerrolle, ab 1933 als Staatsrat, eine bestmögliche Situation für die Kirche in Deutschland zu erreichen. Ein KAB-Verbot hätte das Verhältnis zwischen Regierung und Bischof belastet.

Bernhard Schopmeyer hielt dies jedoch nicht davon ab, in den Jahren 1932/33 in einer sonntäglichen Kolumne in der dem Zentrum nahestehenden Osnabrücker Volkszeitung unter dem Pseudonym „Liberatus“ die NSDAP mit ihren neusten Maßnahmen zu attackieren. In der verbreiteten Vorstellung, eine demokratische Gesellschaft werde der nationalsozialistischen Herrschaft bald wieder ein Ende bereiten, verhöhnte er den Reichskanzler als „schönen Adolf“.

Nach besten Möglichkeiten versuchte Bernhard Schopmeyer in den folgenden Jahren, die KAB-Gruppen zusammenzuhalten und Veranstaltungen im erlaubten Rahmen, nicht ohne die Opposition zum Nationalsozialismus aufzuzeigen, zu organisieren. In der Ansprache zum Vereinsjubiläum der KAB Wallenhorst fiel der Satz „Nicht ein verbogenes Kreuz, sondern das Kreuz Christi zeigt den Weg zur Wohlfahrt der Menschheit.“ Eine der letzten aufsehenerregenden Demonstrationen war eine große Männerwallfahrt am 9. 9. 1934 zum Wallfahrtsort Lage, etwa 30 km von Osnabrück entfernt. Mehr als 6000 Männer machten sich auf den Weg zum „Wundertätigen Kreuz“ .

Verbürgt sind ganz konkrete Drohungen gegen Schopmeyer, der 1937 seine Unterschrift unter den Beschluss für die neue Gemeinschaftsschule verweigerte, in der die konfessionellen Schulen aufgehen sollten. Schopmeyers Frau erinnerte sich später, dass ihrem Mann damals gedroht wurde, dass man ihn im Moment noch laufen ließe, er aber zu gegebener Zeit dafür zur Verantwortung gezogen würde.

Die Notwendigkeit der Verschwiegenheit verschärft sich nochmals mit Kriegsbeginn. Schopmeyer wurde am. 28. 8. 1939 zur Wehrmacht einberufen und als Gefreiter noch im selben Jahr nach Frankreich abkommandiert. Heute sind nicht mehr alle Stationen seiner Soldatenlaufbahn bekannt, aber vermutlich war er bis zum Ende des Kriegs stets auf Schreibstuben beschäftigt.

Die Lage Deutschlands hatte sich in dem inzwischen sich hinziehenden Krieg deutlich verschlechtert und Zweifel an seinen Zielen und seinem Erfolg brachen in der Bevölkerung auf. In diese Zeit fiel das gescheiterte Hitler-Attentat durch Graf von Stauffenberg am 20. Juli 1944.  In der Folge kam es im Zuge der „Aktion Gewitter“ zu zahlreichen Verhaftungen, Einweisungen in Konzentrationslager und Todesurteilen. Waren zunächst nur ehemalige KPD- und SPD-Abgeordnete im Visier der Gestapo, so wurden die Verhaftungen ab Mitte August auf Zentrumsabgeordnete ausgedehnt. Im September 1944 erschienen auch in der Wohnung der Familie Schopmeyer an der Knollstraße Gestapo-Beamte, um die Verhaftung durchzuführen. Bernhard Schopmeyer konnte sich dem mit dem Hinweis entziehen, dass er als Soldat der Militärgerichtsbarkeit unterstehe.

Nichtsdestotrotz stand Schopmeyer nach wie vor mit alten Weggefährten in Verbindung. Wo es sich ergab, fanden persönliche Treffen statt, mehr noch aber gab es einen schriftlichen Austausch, immer verbunden mit der Sorge, dass etwas davon in die falschen Hände geraten könnte. Oft hörte deshalb Maria Schopmeyer, sie solle Schriftstücke, auch Briefe ihres Mannes sofort nach Erhalt vernichten. Man weiß jedoch, dass beide, Maria und Bernhard, z.B. die berühmten Predigten Bischof Graf von Galens aus Münster von 1941, in denen er u.a. die sog. Euthanasie an behinderten Menschen bekannt machte und scharf verurteilte, in Abschriften heimlich verteilten, etwa im Kinderwagen versteckt. Schopmeyers war zu diesem Zeitpunkt längst klar, was dies bei Bekanntwerden hätte nach sich ziehen können. Zwei Jahre später wurde der junge Kaplan Johannes Prasseck, der mit der Kirchengemeinde in Osnabrück-Haste eng verbunden, jetzt aber in Lübeck eingesetzt war, u. a. wegen der Verlesung und Kommentierung der Predigten von der Kanzel zum Tode verurteilt. Die Warnung an Frau Schopmeyer: „Sei vorsichtig, ich stehe mit einem Bein im KZ“, gehörte offenbar zum Lebensalltag der Familie.

Bekannt sind die direkten oder indirekten Verbindungen zu Widerstandskreisen im kirchlichen Raum, so etwa zum Kreis um den ehemaligen Leipziger Oberbürgermeister Carl Friedrich Goerdeler, den sog. Fuldaer Kreis oder den Kölner Kreis um die Verbandszentrale der KAB. Zu diesem gehörten weitere KAB-Männer wie Nikolaus Groß, Bernhard Letterhaus und Präses Otto Müller, die 1944 den Tod fanden – Groß und Letterhaus wurden in Plötzensee hingerichtet, Müller starb im Polizeikrankenhaus, bevor sein Prozess eröffnet wurde. Alle diese Kreise versuchten bei ihren Treffen Strukturen eines zukünftigen Deutschland zu erstellen, in denen auch bereits bestimmte Ämter mit Personen besetzt wurden.

Das Kriegsende erlebt er am 3. Mai in Flensburg, von wo er mit einem gestohlenen Fahrrad die Heimreise antritt. Neun Tage später traf er in Osnabrück ein und man muss annehmen, dass er neben allen familiären Belangen in der zerstörten Stadt seine Arbeit ohne Verzug wieder aufnahm. Zunächst wird Bernhard Schopmeyer versucht haben, seine Kontakte zu allen Weggefährten und Mitarbeitern zu erneuern. Aus einem Brief von Nikolaus Groß an Schopmeyer geht hervor, dass verabredet war, die KAB solle sich zunächst um die Männer kümmern, die aus dem Krieg heimkehrten oder sich noch in Gefangenschaft befanden, die verletzt waren, körperlich und seelisch, und sich nach Jahren erst wieder einfinden mussten in der Ausnahmesituation der unmittelbaren Nachkriegsgesellschaft.

Gespräche wurden geführt über die Neugründung einer Nachfolgepartei des Zentrums, denn es war klar, dass die konfessionellen Grenzen für eine Volkspartei überwunden werden mussten. Gespräche gab es auch mit Bürgermeister Dr. Petersmann über die Neuorganisation der Stadtparlamente. Und nicht zuletzt musste geklärt werden, auf welcher Anstellungsgrundlage Schopmeyer in Zukunft arbeiten sollte. Da die Strukturen der Arbeitervereine brach lagen, kam eigentlich nur eine Anstellung in der Männerseelsorge des Bistums wie bereits vor dem Krieg in Frage.

Aus einem Brief an einen KAB-Freund wissen wir von seinen politischen Vorstellungen für die Nachkriegszeit. Die Wiedervereinigung der beiden Konfessionen im christlichen Glauben und Vereinigte Staaten von Europa seien anzustreben – die dramatische Zäsur durch den Krieg schien ihm die Tür zu solch weitreichenden Umwälzungen freizumachen. Nicht der Gegnerschaft sondern dem gemeinsamen Einsatz für ein großes Ziel sollten die Zukunft gehören.

Ganz besondere Sprengkraft kam jedoch einem Konzept zu, das Schopmeyer mit „Sofortprogramm“ überschrieb und das unter dem unmittelbaren Eindruck der Kriegsgräuel entstanden sein dürfte. Gleichzeitig ist es ein letztes Zeugnis der Vehemenz und Kompromisslosigkeit, mit der Bernhard Schopmeyer offenbar an seine Arbeit heranzugehen pflegte. Er stellte in diesem Programm die Forderungen auf, alle Nazis seien aus Exekutive und Justiz sowie aus dem Schuldienst zu entfernen, da sie „an der nationalsozialistischen Vergiftung der Jugend mitgewirkt“ hätten. Außerdem sollten die Wohnungen aktiver Nazis entschädigungslos beschlagnahmt werden zugunsten bombengeschädigter Bewohner der Stadt.

Wie sehr Schopmeyer die nach wie vor bestehenden Verbindungen  der ehemaligen nationalsozialistischen Funktionäre, die jetzt um ihre zukünftige Existenz in einer recht überschaubaren Stadt kämpften, unterschätzte, zeigt etwa die moderate Bestrafung, die der stadtbekannte fanatische Ortgruppenleiter Kolkmeyer in seinem Entnazifizierungsverfahren erfuhr, nachdem er zahlreiche Leumundzeugen präsentieren konnte.

Sechs Wochen nach seiner Rückkehr zogen sich die Wolken über Bernhard Schopmeyer zusammen. Nach einer abendlichen Versammlung in einer Gaststätte an der Ziegelstraße hatte er Männer bemerkt, die ihn offenbar beobachteten. Seine Befürchtung, sie hätten „nichts Gutes im Schilde“ teilte er noch am Abend seiner Frau mit. Am folgenden Tag, dem 23. 6. 1945, nahm Schopmeyer zunächst an einem Requiem teil und führte dann ein Gespräch im Generalvikariat über seinen Arbeitsvertrag. Eine Gehaltsnachzahlung von 1.000 Mark in seiner Aktentasche zeugte davon. Auf dem Nachhauseweg machte er schließlich noch Station bei einem Freund an der Süntelstraße, ehe er sich in der Mittagszeit anschickte, den Bürgerpark zu durchqueren. Möglicherweise schob er sein Fahrrad an einer steilen Wegstrecke, jedenfalls lauerte ihm gerade dort sein Mörder in einem Gebüsch auf und erschoss ihn hinterrücks. Man darf annehmen, dass der Mörder nur den Auftrag eines oder mehrerer ausführte, die Schopmeyers Beharrlichkeit kannten und fürchteten. Zwar wurde von der Polizei ermittelt, die Tat wurde aber niemals aufgeklärt.



Über Bernhard Schopmeyer wurde kürzlich durch den eingangs erwähnten Arbeitskreis ein Film erstellt, der auf der Homepage der KAB www.kab-os.de zu sehen ist. Außerdem arbeitet die Schriftstellerin und Enkelin Schopmeyers an einem biographischen Roman über ihren Großvater, der in nächster Zeit veröffentlicht werden soll.

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